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17. Juni 1953
Wer erinnert sich an den Aufstand?

Vor 15 Jahren zeigte Stadthistoriker Steffen Krestin der RUNDSCHAU dieses Plakat, das am 17. Juni 1953 den Ausnahmezustand im Bezirk Cottbus ausruft. Der Arbeiteraufstand
jährt sich 2018 zum 65. Mal und das Stadtmuseum will eine Ausstellung dazu zeigen. ⇥Archivfoto: Jürgen Kaffka
Vor 15 Jahren zeigte Stadthistoriker Steffen Krestin der RUNDSCHAU dieses Plakat, das am 17. Juni 1953 den Ausnahmezustand im Bezirk Cottbus ausruft. Der Arbeiteraufstand jährt sich 2018 zum 65. Mal und das Stadtmuseum will eine Ausstellung dazu zeigen. ⇥Archivfoto: Jürgen Kaffka FOTO: Jürgen Kaffka
Cottbus. Das Stadtmuseum sucht Zeitzeugen und Material zum 17. Juni 1953 in Cottbus für eine Ausstellung. Von Peggy Kompalla

„Hier fließt kein Blut.“ Dessen war sich Herbert Huhnke am 17. Juni 1953 sicher; als er die Demonstranten von seinem Bürofenster in der Karl-Liebknecht-Straße sah. Damals war er amtierender Bürgermeister von Cottbus. „Das wusste ich, als ich sah wie friedlich die Menschen waren.“ So berichtete es der hochbetagte Herbert Huhnke vor 15 Jahren der RUNDSCHAU (siehe Ausriss unten). 2018 jährt sich der Arbeiteraufstand in der DDR zum 65. Mal. Dazu soll es im Stadtmuseum eine Ausstellung geben. Stadthistoriker Steffen Krestin sucht deshalb Erinnerungen von Zeitzeugen und Material zum Ereignis. Er weiß: „Die Zeit wird knapp.“ Denn die Menschen, die die Demonstrationen und Proteste bewusst miterlebt haben und noch davon berichten können, sterben langsam aus.

Zudem verfüge das Stadtarchiv nur über sehr wenig Material zum Thema. „Wir wissen, dass es in Cottbus beim Reichsbahnausbesserungswerk RAW, der Bauunion und bei Melde Proteste gab“, erzählt Krestin. Diese seien aber längst nicht so vehement und massiv gewesen wie damals in Berlin. Nichtsdestotrotz müsse daran erinnert werden.

Als Grundlage für die geplante Schau im Stadtmuseum diene eine Tafelausstellung des Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur. „Die besteht aus 25 Tafeln und befasst sich mit dem ganzen Land Brandenburg“, erklärt der Stadthistoriker. „Wir werden die Ausstellung etwas straffen und wollen sie mit neuen vor allem Cottbuser Ausstellungsstücken ergänzen.“ Auf diese Weise solle sie lebendiger werden.

„Wir suchen klassische Erinnerungsberichte, aber auch Fotos oder Flugblätter“, sagt Krestin. Der Museumschef erzählt, dass das Archiv über die Tagebuchsammlung eines Cottbusers aus der Zeit verfüge. „Aber ausgerechnet zu dem Zeitpunkt war er nicht in Cottbus“, erklärt er und verzieht das Gesicht. „Natürlich sind Tagebücher eine gute Quelle.“ Jeder Erinnerungsfitzel oder Zeitungsausschnitt könne helfen. „Selbst wenn jemand ein Flugblatt aus Berlin mitgebracht hat. Wir sind daran interessiert“, betont Steffen Krestin.

Unterstützt wird das Stadtmuseum in dem Vorhaben vom Verein Aufarbeitung „Region Cottbus und die beiden Diktaturen“, in dem sich neben dem Stadthistoriker insbesondere der Pfarrer i. R. Christoph Polster engagiert. „Der Aufstand am 17. Juni war keine massive Revolution“, sagt Polster. „Aber es ist unser Ziel und Auftrag daran zu erinnern.“ Dabei sei es ein besonderes Anliegen, die Geschichte der jungen Generation näherzubringen. „Die Jugendlichen sollen erfahren, dass es Mut braucht und Festigkeit in der Auseinandersetzung.“ Das müsse schon in der Schule gelehrt werden.

Deshalb wird die Ausstellung zum DDR-Arbeiteraufstand pädagogisch begleitet. Dazu erarbeite Museumspädagoge Robert Büschel gemeinsam mit Lehrern ein 90-minütiges Projekt. Es soll ein Veranstaltungszyklus mit mehreren Stationen zu dem Thema und der Ausstellung entstehen. Dazu gehöre die Vorgeschichte, der Ablauf und Regionale Fragestellungen. „Dazu würden klassischerweise Medienstationen mit Interviews passen“, sagt Steffen Krestin. „Genau dafür suchen wir Material.“ Im Abschluss solle der Gegenwartsbezug stehen. „Was passiert heute? Wie gehen wir miteinander um?“, fragt Christoph Polster. „Wir leben heute in anderen Verhältnissen als in der DDR der 50er-Jahre. Aber die Grundfrage bleibt die gleiche.“

Der Zeitungsausriss aus der LAUSITZER RUNDSCHAU vom 17. Juni 2003 zeigt den Artikel mit dem amtierenden Bürgermeister Herbert Huhnke, der sich an die Proteste im Jahr 1953 erinnerte.
Der Zeitungsausriss aus der LAUSITZER RUNDSCHAU vom 17. Juni 2003 zeigt den Artikel mit dem amtierenden Bürgermeister Herbert Huhnke, der sich an die Proteste im Jahr 1953 erinnerte. FOTO: LR
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