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| 18:26 Uhr

Tag des alkoholgeschädigten Kindes
Wenn Mama trinkt, leidet das Kind – für immer

Jeder Tropfen Alkohol in der Schwangerschaft kann dem Kind schwere Schäden zufügen. „Es gibt keinen sicheren Schwellenwert, das ist individuell verschieden“, sagt Professor Hans-Ludwig Spohr vom FASD-Zentrum Berlin. „Es muss gelten: Kein Tropfen Alkohol.“
Jeder Tropfen Alkohol in der Schwangerschaft kann dem Kind schwere Schäden zufügen. „Es gibt keinen sicheren Schwellenwert, das ist individuell verschieden“, sagt Professor Hans-Ludwig Spohr vom FASD-Zentrum Berlin. „Es muss gelten: Kein Tropfen Alkohol.“ FOTO: dpa / Maurizio Gambarini
Cottbus. Wenn Schwangere Alkohol trinken, kann das zu schwerwiegenden Schädigungen beim Kind führen. Viele Kinder leiden ihr Leben lang darunter. Hilfe bekommen sie am Cottbuser Klinikum. Heilen kann man ihre Vergiftung nicht. Von Bodo Baumert

Den ersten Kontakt mit Alkohol hatte Nina* als Baby im Bauch ihrer Mutter. Das Zellgift drang ungehindert zu ihr durch und richtete dauerhafte Schäden an. Nun braucht die 15-Jährige in der Schule Hilfe, zuhause die konsequente Unterstützung ihrer Pflegemutter. „Ich habe Konzentrationsprobleme“, sagt Nina, wenn sie nach den Auswirkungen ihrer Erkrankung gefragt wird. „Ich bin vergesslich, egal bei was.“

Nina hat FASD, fetale Alkoholspektrum-Störungen. Die Behinderung sieht man ihr nicht an. Die schlanke Jugendliche wirkt kerngesund. Doch schon bei kleinen Alltagsarbeiten zeigen sich Probleme. „Sie ist in ihrer eigenen Welt“, sagt ihre Pflegemutter Heike und erzählt, wie überfordert Nina etwa beim Aufräumen ist. „Sie hat keine Struktur. Sobald mehr als zwei Teile rumliegen, verliert sie den Überblick. Es ist keine Faulheit, sie kann es einfach nicht.“

Nina ist kein Einzelfall. Nach Angaben des FASD-Zentrums Berlin kommen jährlich bis zu 4000 Babys mit Alkoholschädigungen zur Welt. Der Verein FASD Deutschland geht von 10 000 betroffenen Neugeborenen pro Jahr aus. Wie viele geschädigte Kinder in der Lausitz geboren werden, lässt sich nicht sagen. Meist verschweigen die Mütter ihren Alkoholkonsum. Die Folgen treten oft erst Jahre später auf, wenn sie überhaupt erkannt werden. Am Niederlausitzklinikum gab es in diesem Jahr einen Fall. Betroffenen werden von ihren Ärzten ans CTK in Cottbus überwiesen.

In Cottbus finden betroffenen Hilfe. Das Carl-Thiem-Klinikum (CTK) ist Vorreiter im Land, was die Behandlung von FASD-Kindern betrifft. Am Sozialpädriatischen Zentrum finden Betroffene Hilfe. Ein Team aus Medizinern, Therapeuten, Psychologen und Sozialarbeitern schaut sich die Fälle an. „FASD ist keine Diagnose, die man leichtfertig stellt“, sagt Dr. Kristina Kölzsch. Die Diagnose sagt schließlich auch immer etwas über die Mutter aus. „FASD ist die häufigste angeborene geistige Behinderung – und zu 100 Prozent vermeidbar“, sagt sie. Einziger Auslöser ist der Alkoholkonsum der Mutter – jeder Tropfen. Professor Hans-Ludwig Spohr vom FASD-Zentrum Berlin sagt: „Alkohol ist eine sehr gefährliche Substanz, die in der Schwangerschaft irreversible Schäden anrichten kann.“

Am  Carl-Thiem-Klinikum finden Betroffene Hilfe.
Am Carl-Thiem-Klinikum finden Betroffene Hilfe. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau / Angelika Brinkop

Diese Erkenntnis ist nicht neu. Irrglaube wie „Ein Gläschen schadet schon nicht“ hält sich aber hartnäckig bis heute. Als Krankheitsbild ist FASD hingegen noch gar nicht so lange bekannt. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, hatte FASD 2015 zum Jahresschwerpunkt gemacht, seitdem gab es eine Vielzahl von Kampagnen und Kongressen in Deutschland. Das Wissen über die Risiken durch Alkohol während der Schwangerschaft sei gestiegen, sagt Mortler.

In Brandenburg war das Cottbuser CTK bisher Vorreiter. Nun hat auch Potsdam mit einer Einrichtung nachgezogen. „Die Zahl der Fälle steigt“, sagt Kristina Kölzsch aus Cottbus. Dies liege aber auch daran, dass das Wissen um die Krankheit wächst. Einen Test gibt es nicht. Jeder Fall muss einzeln betrachtet werden. Es gibt nur Leitlinien, an denen sich Mediziner orientieren.

Kristina Kölzsch bietet Informationsabende für Pflege-Eltern an, tauscht sich mit niedergelassenen Ärzten, Hebammen und den Netzwerken für Gesunde Kinder aus. „Ich würde gerne noch mehr machen“, sagt sie. Auch in die Schulen gehöre das Thema. Schon im Biologie-Unterricht sollte auf die Gefahren des Alkohols für die im Bauch der Mutter ungeschützten Kinder hingewiesen werden.

Die Folgen, die das Trinken der Mutter hat, müssen schließlich die Kinder ausbaden. Das kann von Wachstumsstörungen und Missbildungen bis zu Sprach- und psychischen Problemen reichen. „Die medizinischen Folgen haben wir im Griff. Dafür haben wir die Spezialisten hier im Klinikum“, sagt Kristina Kölzsch. Für alles andere brauche es viel Zeit und Hilfe. „Du bist nicht Schuld“, bringt sie den Betroffenen zunächst einmal bei. Und sie versucht mit dem Cottbuser Team Hilfen zu organisieren.

Jeder Tropfen Alkohol ist zu viel, sagen Experten.
Jeder Tropfen Alkohol ist zu viel, sagen Experten. FOTO: dpa / Alexander Heinl

„Meinem Adoptivsohn habe ich viel Unrecht angetan, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass er mit seiner hohen Intelligenz einfachste Dinge wie Aufräumen nicht hinbekam“, sagt Gisela Michalowski, Vorsitzende des Selbsthilfevereins FASD Deutschland. Als bei ihrem Sohn im Alter von 19 Jahren FASD festgestellt wurde, entschuldigte sie sich bei ihm.

André Taubert, Vorsitzender des Bremer Vereins Faspektiven Betreuungskonzepte für Erwachsene mit FASD warnt vor den Problemen, die FASD-Kinder auch als Erwachsene haben. Dass sie nicht in der Lage sind, einen Haushalt zu führen und Finanzen im Griff zu haben, werde oft nicht bemerkt. „Meistens führt es in die Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit oder Kriminalität. Es gibt wahrscheinlich unglaublich hohe Zahlen von Gefängnisinsassen mit FASD.“

Der „Tag des alkoholgeschädigten Kindes»“ am 9. September soll darauf aufmerksam machen. „Der 9.9. ist ein Datum, das sich jeder gut merken kann. Neun Monate dauert eine Schwangerschaft“, schrieb die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, im Jahr 2015. „Prävention und Information sind kein ‚Kann‘, sondern noch immer ein absolutes ‚Muss‘!“

Wer Hilfe sucht, kann sich an das SPZ in Cottbus wenden. Am Klinikum werden Sprechstunden angeboten. Telefonsprechzeiten sind von Montag bis Freitag zwischen 9 und 12 Uhr: 0355 462445.

Der Verein FASD Deutschland bietet Informationen im Internet: www.fasd-deutschland.de

*Name durch die Redaktion geändert

(mit dpa)