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| 19:30 Uhr

Sozialpolitik
Wenn Helfer selbst Hilfe brauchen

Angelika Sedlick (l.) und Ivonne Scheunemann haben den Verein über eine schwere Zeit hinweg gerettet.
Angelika Sedlick (l.) und Ivonne Scheunemann haben den Verein über eine schwere Zeit hinweg gerettet. FOTO: LR / Hilscher Andrea
Peitz. Eine finanzielle Schieflage brachte den Peitzer Werg e.V. an den Rand der Pleite. Jetzt geht es für den Verein langsam wieder bergauf. Von Andrea Hilscher

Angelika Sedlick ist anzusehen, wie sehr die letzten Monate an ihrer Kraft gezehrt haben. Als Gründungsmitglied des Werg e.V. kümmert sich die jetzige Vereinsvorsitzende um Menschen mit sozialen Problemen. Hunderte von Peitzern haben in den vergangenen Jahren von der Arbeit des Vereins profitiert. Im Winter dann  plötzlich eine neue Situation: Das Geld wurde knapp, der Verein stand kurz vor der Pleite.

Die Ursachen für den finanziellen Engpass waren vielfältig. „Es hatte ohnehin weniger Projektförderung  gegeben“, erklärt Angelika Sedlick. So habe der Rückgang der Arbeitslosigkeit dazu geführt, dass weniger Eingliederungsmaßnahmen finanziert werden. Eine Tatsache, auf die der Verein sich nicht habe einstellen können. „Dann gab es die lange politische Pause in der Phase der Regierungsbildung“, ergänzt Ivonne Scheunemann, stellvertretende Vereinschefin. Nirgendwo wurden Entscheidungen gefällt, Anträge sind einfach liegen geblieben, Gelder seien nicht geflossen.

Andere Einnahmequellen seien kurzfristig weggebrochen: Eine Integrationsmaßnahme, die der Verein durchgeführt hatte, wurde innerhalb eines Monats eingestellt. „Wir hatten dafür aber eine Fachkraft eingestellt, die wir natürlich weiter bezahlen mussten“, sagt Angelika Sedlick. Die Fördermittel für einen Kraftfahrer seien ebenfalls ausgelaufen.

Im Oktober dann gaben gleich zwei Fahrzeuge des Vereins, die für die Tafel und die Möbelbörse gebraucht werden, den Dienst auf. Die Reparaturen verschlangen 8000 Euro. Angelika Sedlick: „Wir hätten das alles irgendwie hinkriegen können, doch der Umzug an einen neuen Standort und die vorhergehenden Umbaumaßnahmen hatten unsere Reserven aufgebraucht.“

Denn neben dem alten Standort in Dammzollstraße konnte der Verein nun auch das Gebäude an der August-Bebel-Straße nutzen. An der einen Stelle blieben Fahrradwerkstatt, Möbelbörse und Kleiderkammer, an der anderen wurden Beratung für Einheimische und Flüchtlinge, Tafel und Kindertafeltisch untergebracht.

„Der zweite Standort ist wunderbar“, sagen die Mitarbeiterinnen, die Betriebskosten aber seien unerwartet hoch gewesen. Alles zusammengenommen stand der Verein kurz vor dem Ende. „Was natürlich auch mit Existenzängsten für uns selbst verbunden war“, gibt Angelika Sedlick zu. Für sie war es an der Zeit, Alarm zu schlagen. „Ich wollte mich nicht dem Vorwurf aussetzen, dass wir eine Insolvenz riskieren.“ Gegenüber der Stadt, dem Amt und dem Kreis legte sie ihre Zahlen offen – und ist bis heute glücklich über die schnelle Hilfe, die fast sofort anrollte. Die zuständigen öffentlichen Stellen haben dem Verein unter die Arme gegriffen, die Sparkasse hat zweimal in den Spendentopf gegriffen und zahlreiche Sponsoren wie auch die Teichlandstiftung haben ihre Unterstützung zugesagt.

„Manchmal standen Familien vor der Tür, die eigentlich selbst auf unsere Hilfe angewiesen sind. Die haben uns dann einige Euro an Spenden angeboten“, erinnert sich Ivonne Scheunemann. Eine Familie hat sogar auf ihren Winterurlaub verzichtet, das eingesparte Geld dem Verein gestiftet. „Das hat mich zu Tränen gerührt“, gibt Angelika Sedlick zu. Es sei ein seltsames Gefühl, plötzlich selbst Bittsteller zu sein, angewiesen auf Verständnis und Hilfe.

Bis heute ist sie immer wieder positiv überrascht, wie tragfähig die Netzwerke sind, die der Verein in den vergangenen Jahrzehnten geknüpft hat. Gerade erst ist der dritte Wagen des Vereins kaputt gegangen – die Werkstatt hat sofort angeboten, ihn kostenlos zu reparieren.

Inzwischen sind die Frauen zuversichtlich, dass die schweren Zeiten überstanden sind, der Verein wie gewohnt weiter arbeiten kann.

Insgesamt sind im Werg e.V. 35 ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigt. Zwischenzeitlich mussten drei Mitarbeiter gekündigt werden, zwei von ihnen konnten nach kurzer Arbeitslosigkeit wieder eingestellt werden. Die Tafel betreut insgesamt 260 Klienten. Auch um die 53 Geflüchteten in Peitz kümmert sich der Verein.