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Wenn die Stadt zur Galerie wird

Robert Posselt spricht über das Werk, an dem er gerade arbeitet. Ende Oktober soll die Ausstellung in Den Haag stattfinden.
Robert Posselt spricht über das Werk, an dem er gerade arbeitet. Ende Oktober soll die Ausstellung in Den Haag stattfinden. FOTO: Jenny Theiler
Cottbus. In einer unscheinbaren Altbauwohnung in der Cottbuser Friedrich-Ebert-Straße lassen junge Menschen seit Jahren ihrer Kreativität freien Lauf. Das Konturatelier Cottbus ist ein buntes Sammelsurium aus Malereiutensilien, kaputten Möbeln und fast schon antiken Haushaltsgegenständen. Jenny Theiler

In der Luft liegt ein leichter Duft von Sprühfarbe und modrigem Altbau und dennoch erkennt man, dass inmitten dieser schmuddeligen Künstlerromantik ernsthaft gearbeitet wird. "Dieser Ort lädt zur Kreativität ein", bemerkt Robert Posselt von der Cottbuser Künstlergruppe Urban Art. Seit 14 Jahren existiert das Künstlerprojekt, das seinen kreativen Ursprung an den Häuserwänden von Sachsendorf hat.

Was von vielen Leuten als unansehnliche Schmiererei abgestempelt wird, ist tatsächlich eine anerkannte Kunstrichtung - Graffiti. Das Projekt Urban Art wurde damals geschaffen, um vor allem jüngeren Straßenkünstlern einen Raum zu geben, in dem sie sich und ihre Kunst darstellen können. Mit jeder Ausstellung hat sich die Gruppe weiterentwickelt sowohl technisch, als auch thematisch. Ob mit Pinsel, Spachtel, Drucktechnik, oder Sprühdose - im Street Art Genre sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt.

Seit 2014 werden die jährlichen Ausstellungen international. Im vergangenen Jahr präsentierte die Gruppe zusammen mit italienischen Künstlern ihre Werke in Rom. In Anlehnung an das Graffiti-Genre, dessen künstlerischer Wert sich erst durch die Öffentlichkeit entfaltet, werden alle Werke auf der Straße ausgestellt. Urban Art versucht sich von der klassischen Ausstellungstradition in Galerien zu lösen, denn Straßenkunst sei für die Öffentlichkeit gemacht und nicht für eine elitäre Gruppe von reichen Kunstsammlern. "Wir wollen unsere Werke in einen öffentlichen Raum stellen, in dem es nicht um Besitz oder Konsumverhalten geht", erklärt Robert Posselt. Street Art sei nicht darauf ausgerichtet, irgendwann mal in einem Wohnzimmer zu hängen. "Es geht auch darum, die Passanten zu überraschen und sie dazu zu bewegen, stehen zu bleiben und sich mit dem, was sie sehen, auseinander zu setzen", so Robert Posselt.

In diesem Jahr reist die Gruppe in die Niederlande - nach Den Haag. Um den kreativen Schaffensprozess zumindest ein wenig zu strukturieren, gibt es, wie auch bei den vergangenen Ausstellungen im Ausland, eine thematische Vorgabe. In Anlehnung an den Internationalen Gerichtshof in Den Haag trägt die diesjährige Ausstellung den Titel "Justitia". Ein Graffiti-Künstler balanciert ständig an der Grenze zur Kriminalität, wodurch die jeweiligen Werke einen ganz besonderen, lebendigen Wert gewinnen. Jeder teilnehmende Künstler - die meisten haben bereits selbst Erfahrungen mit der Justiz gemacht - dürfen sich nun mit dem Thema auseinandersetzen und individuell verarbeiten.

Es sind immer aktuelle Bilder, die ausgestellt werden. Heute Abend beginnt im Konturatelier die Ausstellungsplanung, bei der jeder Künstler seine "Leinwand" erhält - zwei Stücke einer Schrankrückwand, die das Format 70 mal 90 ergeben. "Die Ausstellung an sich ist bereits ein Kunstprojekt, weil sie konzeptionell etwas sehr besonderes ist", meint Robert Posselt.

Zum Thema:
Wer die Ausstellungsplanung miterleben möchte, darf heute Abend im Konturatelier in der Friedrich-Ebert-Straße 15 vorbeischauen. Anmeldung per Mail: urbanartcottbus@gmail.com