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Wenn der Notruf zu lange dauert

Blick in die Leitstelle Lausitz: Hier ging auch der Notruf der Tschernitzerin, deren Mutter in Forst einen Schlaganfall hatte, ein.
Blick in die Leitstelle Lausitz: Hier ging auch der Notruf der Tschernitzerin, deren Mutter in Forst einen Schlaganfall hatte, ein. FOTO: mih1
Forst/Tschernitz/Cottbus. Weil ihre Forster Mutter vermutlich einen Schlaganfall hatte, rief eine Tschernitzerin den Notruf. Doch das reichlich dreiminütige Gespräch dauerte ihr viel zu lange, auch die Wortwahl hatte sie gestört. Die Leitstelle hat das Gespräch ausgewertet: Es sei etwas länger als normal gewesen, dadurch hätten sich jedoch keine Verzögerungen bei der Behandlung der Patientin ergeben. Steffi Ludwig / * Name von der Redaktion geändert

Es war am Donnerstagmorgen vergangener Woche, als Renate Müller* aus Tschernitz den Notruf wählte. Ihre 84-jährige Mutter, die in Forst lebt, hatte sie gerade angerufen. "Ich habe sie kaum verstehen können, sie sagte immer ganz leise, dass sie sich nicht mehr bewegen könne", so Renate Müller. "Sofort vermutete ich einen Schlaganfall." Da sie rund 30 Kilometer von Forst entfernt wohnt und zudem ihr behindertes Kind zu Hause hatte, rief sie umgehend per 112 die Leitstelle Lausitz an - ein Hinfahren zur Mutter hätte zu lange gedauert.

Doch am Telefon hätte sie einen richtigen Schreck bekommen, sagt Renate Müller gegenüber der RUNDSCHAU. Denn der Mitarbeiter habe sie zunächst gefragt, warum die Mutter denn nicht alleine anrufe. Nachdem sie geschildert habe, dass ihre Mutter sicher aus Angst erst die Tochter angerufen habe, da alte Menschen nicht so vertraut mit dem Notruf seien, habe das weitere Gespräch ihrer Ansicht nach viel zu lange gedauert. Drei Minuten und acht Sekunden hat sie notiert. Sie habe die Symptome und Vorerkrankungen (Herzleiden, schon ein Schlaganfall) geschildert, der Mitarbeiter habe nach ihrem Gefühl jedoch viel zu lange herumdiskutiert, ehe er den Notarzt losschickte. Zudem habe sie die Wortwahl des Mitarbeiters gestört, der unter anderem gesagt hätte: "Ja, die alten Leute . . .".

Die Forster Mutter hatte tatsächlich einen Schlaganfall, wie Renate Müller mitteilt. Sie sei erst in die Forster Lausitz Klinik und dann ins Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum gebracht worden, wo sie noch am gleichen Tag operiert wurde, weil ein weiterer Schlaganfall drohte. Sie sei jetzt ein Pflegefall, so die Tochter. "Wenn es auch Missbrauch von Notrufen gibt, darf so nicht gehandelt werden", denkt sie.

Die Leitstelle Lausitz hat sich auf Nachfragen der RUNDSCHAU den Anruf noch einmal angehört und analysiert. "Wir gehen solcher Kritik immer sofort nach, um selbst auch daraus zu lernen und noch besser im Umgang mit den Patienten zu werden", so Ingolf Zellmann, Leiter der Regionalleitstelle.

Die Auswertung gemeinsam mit dem ärztlichen Leiter des Rettungsdienstes Cottbus Dr. Thomas Lembcke habe ergeben, dass bei dem Gespräch keine Verzögerungen aufgetreten seien, die zu einer Verschlechterung bei der Patientin geführt hätten. Der Anruf sei um 7.42 Uhr angenommen worden, und bereits 7.51 Uhr sei ein Rettungswagen vor Ort in Forst gewesen. Das Telefongespräch habe mit reichlich drei Minuten quasi mittellang gedauert: Normal seien rund zwei Minuten, es gebe aber auch Gespräche, die vier Minuten dauern, so Zellmann. Zudem habe der Mitarbeiter nicht erst zum Ende des Gesprächs den Notarztwagen disponiert, also auf den Weg geschickt. Das sei auch wichtig, da gerade bei einem Schlaganfall die Zeit zähle, sagt auf Nachfrage Dr. Michael Lang, ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes Spree-Neiße. Er halte auch ein dreiminütiges Gespräch für eine glaubhafte Zeit. Und die Leitstelle sei gehalten, viel zu fragen.

Der Einsatzbearbeiter im Notruf habe vorschriftsmäßig die strukturierte Notrufabfrage genutzt, sagt auch Ingolf Zellmann. Und natürlich wäre es immer besser, den betreffenden Patienten, wenn möglich, selbst zu sprechen. Allerdings, räumt der Chef der Leitstelle ein, sei die Wahl einiger Worte des Mitarbeiters vielleicht etwas ungünstig gewesen. Der Mitarbeiter nehme sich der Kritik an und werde auch daraus lernen, so Zellmann.

Die RUNDSCHAU selbst konnte das Gespräch nicht mitverfolgen, da Renate Müller das Angebot, gemeinsam mit der Leitstelle und der Presse das Gespräch noch mal nachzuverfolgen, nicht annahm. Sie habe im Moment zu viel mit ihrer kranken Mutter zu tun. "Das Angebot steht auch weiter, denn wir wollen nichts verheimlichen, im Gegenteil", so Ingolf Zellmann.