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Aktenzeichen XY ... ungelöst
Wenn das Fernsehen Lausitzer Kriminalfälle löst

Moderator Rudi Cerne führt durch „Aktenzeichen XY ...ungelöst“. In den kommenden Tagen läuft die Jubiläumsfolge zum 50. Geburtstag. Auch Lausitzer Fälle wurden hier schon gelöst.
Moderator Rudi Cerne führt durch „Aktenzeichen XY ...ungelöst“. In den kommenden Tagen läuft die Jubiläumsfolge zum 50. Geburtstag. Auch Lausitzer Fälle wurden hier schon gelöst. FOTO: Matthias Balk / dpa
Cottbus/Mainz. 50. Geburtstag feiert die TV-Sendung „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ in dieser Woche. Gangster aus ganz Deutschland konnten via Bildschirm überführt werden – auch ein Lausitzer. Von Bodo Baumert

Die Sendung ist eine Institution im deutschen Fernsehen. Seit 1967 zeigt „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ einem breiten Publikum Kriminalfälle, an denen die Polizei bis dahin gescheitert ist. Mehr als fünf Millionen Menschen schauen die Sendung im Schnitt – und melden Hinweise zu den gezeigten Fällen, die sich oft genug als „heiße Spur“ entpuppt haben. In 521 Sendungen wurden bis zu diesem Sommer 4586 Fälle behandelt. 1853 davon wurden aufgeklärt. „Das entspricht einer Erfolgsquote von 40,4 Prozent“, berichtet die ZDF-Redaktion.

Aus Brandenburg waren bisher 50 Fälle dabei, 15 wurden aufgeklärt. Die mit Abstand höchste Aufklärungsquote gibt es in Sachsen. 70 Prozent der bisher gezeigten 34 Fälle wurden aufgeklärt. „Ohne Hinweise aus der Bevölkerung können viele Fälle der Schwerkriminalität nicht gelöst werden, gerade auch heute angesichts mittlerweile weitgehend offener Grenzen in Europa und zunehmender Internationalisierung und Digitalisierung von Kriminalität“, sagt Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA).

Aus der Lausitz haben es wenige Fälle in das deutschlandweite Sendeformat geschafft, die aber durchaus für Aufsehen sorgten. So konnte 2003 ein „Sex-Gangster aus Jänschwalde“ – so damals in der RUNDSCHAU zu lesen – überführt werden. Der damals 62-Jährige war vom Landgericht Cottbus zu einer Haftstrafe verurteilt worden, weil er ein Mädchen (12) brutal misshandelt und vergewaltigt hatte. Der 62-Jährige ging in Revision und wurde zunächst auf freien Fuß gesetzt. Seine Ausweispapiere hatte er bei der Polizei hinterlegen müssen. Dass er sich heimlich Zweitdokumente besorgt hatte, ahnte niemand. So kam es, dass er spurlos verschwunden war, als schließlich die Revision abgewiesen und der Haftbefehl überstellt werden sollte. Vergeblich fahndete die Polizei nach dem ehemaligen Fremdenlegionäre, der sich quer durch Europa bewegte, um der Justiz zu entkommen.

Den entscheidenden Hinweis bekamen die Zielfahnder des LKA von den Fernsehzuschauern. Eine Ehepaar meldete sich aus Spanien. Der Gesuchte hatte in ihrer Wohnung Elektro-Arbeiten erledigt. Das Fahndungsfoto im Fernsehen kam ihnen bekannt vor. Kurz darauf konnte er 62-Jährige im spanischen Torrax nahe Malaga verhaftet werden.

Der Journalist Eduard Zimmermann steht im September 1986 neben dem Logo der von ihm erfundenen, moderierten und produzierten ZDF-Fahndungssendung "Aktenzeichen XY... ungelöst".
Der Journalist Eduard Zimmermann steht im September 1986 neben dem Logo der von ihm erfundenen, moderierten und produzierten ZDF-Fahndungssendung "Aktenzeichen XY... ungelöst". FOTO: Istvan Bajzat / dpa

Am 20. Oktober 1967 ging die Sendung, eine Erfindung des Journalisten Eduard Zimmermann, erstmals über die Antennen. Zum ersten Mal aufgeklärt wurde ein Mordfall im Juni 1968. Schon zwölf Stunden nach Ausstrahlung von „XY“ erfolgt die Festnahme eines bis dahin unbekannten Täters. „Eine einfache wie brillante Idee revolutionierte 1967 die Verfolgung von Straftaten. Eduard Zimmermann schuf mit diesem Einfall zusammen mit dem ZDF eine Weltneuheit. Und ein überaus erfolgreiches Fahndungsinstrument für die deutschen Strafverfolgungsbehörden“, lobt Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU).

Für Aufsehen sorgte der Fall der „Spremberger Räucherkammer“. 1991 war das. In der Sendung Anfang Januar berichteten Zimmermann und sein Team über „einen ungewöhnlichen Fall aus den Neuen Bundesländern“. Es ging um die ehemalige Kreisdienststelle der Stasi in Spremberg. „Nach der Wende wurden in der Villa im Keller Verwahrzellen gefunden“, berichtete Zimmermann den Fernsehzuschauern. Auch eine Heizanlage sei gefunden worden, mit der Rauchgas in die Zellen eingeleitet werden konnte. „Dieser Verdacht ist bisher allerdings nicht erhärtet“, so Zimmermann damals. Deshalb suche die Staatsanwaltschaft Cottbus Zeugen, die dort inhaftiert waren. „Nach Lage der Dinge“ sei davon auszugehen, dass ehemalige Inhaftierte „auch in den Alten Bundesländern“ lebten, hieß es 1991 im Beitrag. „Meine Damen uns Herren, es gehört zu den weniger angenehmen Aspekten der Deutschen Wiedervereinigung, dass man sich heute auch mit solchen Aspekten befassen muss“, moderierte Zimmermann zum Abschluss des Beitrags.

In der nachfolgenden Sendung wurde noch einmal über Spremberg berichtet. Hier taucht auch erstmals die Formulierung auf, in den Zellen könnte „gefoltert“ fordern sein. Dieser Verdacht habe sich bisher nicht erhärtet, hieß es weiter. „Es gibt aber einen ernst zu nehmenden Hinweis, dass an der Sache doch etwas dran sein könnte“, berichtete eine Sprecherin. Die Überprüfung werde allerdings noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Darüber hinaus hätten sich Bürger gemeldet, die von Stasi-Angriffe aus anderen Städten berichtet hätten, so die Moderatorin damals.

Heute, 26 Jahre später, gibt es bei der Staatsanwaltschaft Cottbus dazu keine Ermittlungen mehr, wie Sprecherin Petra Hertwig auf Nachfrage bestätigt. Eckbert Kwast, Leiter des Spremberger Kreismuseums, kann sich noch an den Fall erinnern. „Dass da jemals etwas bei rausgekommen ist, bezweifle ich“, sagt er. Betroffene würden solche Erlebnisse oft verdrängen oder zumindest nicht öffentlich darüber reden.

In „Aktenzeichen XY“ wurden solche obskuren Fälle eher selten gezeigt. In der Regel geht es ausschließlich um so genannte Kapitaldelikte, das heißt, besonders schwere Verbrechen, deren Aufklärung bei der Polizei höchste Priorität besitzen. Dazu zählen etwa Mord, Sexualdelikte, Raub oder schwere Betrugsfälle. Kommen die Ermittlungsbehörden mit den klassischen Fahndungsmethoden nicht weiter, suchen sie die Zusammenarbeit mit der Fernsehredaktion. Umgekehrt geht die Redaktion auf die Behörden zu bei Fällen von großer öffentlicher Aufmerksamkeit. Gemeinsam wird dann über die Veröffentlichung und Darstellung des Falles beraten.

Moderator Eduard Zimmermann sitzt im April 1970 im Studio der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“.
Moderator Eduard Zimmermann sitzt im April 1970 im Studio der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“. FOTO: Manfred Rehm / dpa

In jüngster Zeit schaffte es die Lausitz noch einmal mit dem Polizistenmord von Lauchhammer in die Sendung. Der fast acht Jahre zurückliegende Fall um den gewaltsamen Tod des Dienstgruppenleiters Steffen Meyer am 23. November 2009 sollte neuen Schwung bekommen. Der 46-Jährige war blutüberströmt im Garagenkomplex Friedenseck nahe seiner Wohnung in Lauchhammer-Ost in Zivil aufgefunden geworden. Der Hauptkommissar starb an schwersten Kopfverletzungen und Stichwunden. Die Polizei erhofft sich von der Ausstrahlung weitere Hinweise darauf, wer das Auto gesehen haben könnte und veröffentlichte dazu erneut auch das Blitzerbild. Im Anschluss an die Sendung gingen 15 neue Hinweise bei den Ermittlern ein. Mittlerweile sind es insgesamt 59, wie Oberstaatsanwältin Petra Hertwig auf RUNDSCHAU-Nachfrage bestätigt. Eine davon sei „gut brauchbar“. Das Ermittlungsverfahren läuft weiter.

Schon gewusst?

Eduard Zimmermann, der die Sendung 1967 erdacht und ins Leben gerufen hatte, hat eine Lausitzer Vergangenheit. Ganoven-Ede saß zu DDR-Zeiten einige Jahre im gelben Elend in Bautzen ein. „Ich recherchierte damals, im Jahre 1950, für die schwedische Tageszeitung 'Dagens Nyheter' über das Leben in der noch sehr jungen DDR“, blickte Zimmermann 2006 bei einem Besuch zurück. An einer Autobahnabfahrt in der Nähe von Potsdam wurde der junge Reporter festgenommen. Ein sowjetisches Militärtribunal verurteilte ihn wegen angeblicher Agententätigkeit zu 25 Jahren Haft. Vier Jahre musste er in Bautzen verbringen, bevor er im Zuge einer Amnestie 1954 wieder auf freien Fuß kam.

„Ich blicke ohne Bedauern und ohne Bitternis auf diese Zeit zurück“, sagte der 2009 verstorbene Zimmermann bei seiner Rückkehr nach Bautzen. Die ihm innewohnende Neugierde haben ihm geholfen, die Jahre hinter Gittern zu überstehen. „Ich sah es mit den Augen eines Reporters, der ungewöhnlich tiefe Einblicke in ein weitgehend unbekanntes System erhielt.“