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| 13:42 Uhr

Mit Dummheit verwechselt
Wenn Buchstaben und Zahlen krank machen

Stress, Schulangst und sogar ernsthafte Krankheiten können die Folge sein, wenn Kinder unter großen Schwierigkeiten beim Lernen leiden. Oft werden Lernstörungen erst zu spät erkannt.
Stress, Schulangst und sogar ernsthafte Krankheiten können die Folge sein, wenn Kinder unter großen Schwierigkeiten beim Lernen leiden. Oft werden Lernstörungen erst zu spät erkannt. FOTO: dpa / A3512 Roland Weihrauch
Cottbus. Immer mehr Schüler haben Probleme beim Lesen-, Schreiben- und Rechnenlernen. Lernstörungen wie Legasthenie und Dyskalkulie sind oft die Folgen und werden schnell mit Dummheit verwechselt. Mit Nachhilfe ist es oft nicht getan. Von Jenny Theiler

Mathematikunterricht in einer Grundschule in Cottbus – ein Viertklässler wird von seinen Mitschülern ausgelacht, weil er denkt, 50 Cent seien mehr als zwei Euro. In einer dritten Klasse steht ein Mädchen weinend vor der Tafel. Sie versteht nicht warum es „Vater“ und nicht „Fata“ heißt und wird zum wiederholten Mal vom Lehrer ausgeschimpft.

Situationen wie diese sind in deutschen Schulen schon lange keine Seltenheit mehr, weiß auch Mario Cordes. Der Lerntherapeut leitet das Duden Paetec Institut für Lerntherapie in Cottbus. Zu ihm kommen verzweifelte Eltern und überforderte Schüler, die selbst mit gezielter Nachhilfe keine schulischen Erfolge vorweisen konnten. Der Grund für das Versagen im Rechnen, Lesen und Schreiben sind oft Teilleistungsstörungen, die sich bereits in der Grundschule ausprägen. Eine offizielle Zahl der an Legasthenie und Dyskalkulie leidenden Kinder gibt es laut Ralph Kotsch vom Ministerium für Bildung, Jugend und Sport (MBJS) allerdings nicht. „Es heißt, dass pro Jahrgang ungefähr fünf bis sechs Prozent der Schüler an einer Lernschwäche leiden. Das ist allerdings brachial untertrieben“, sagt Mario Cordes. Die Dunkelziffer der Schüler mit Teilleistungsstörungen sei deutlich höher – und die Tendenz steige weiter an.

„So etwas hat es doch früher auch nicht gegeben!“ Argumente wie diese hören die Lerntherapeuten häufig. Legasthenie und Dyskalkulie werden als Modekrankheiten abgestempelt, weil das nötige Wissen und der richtige Umgang mit den Betroffenen fehlen. „Es hat schon immer Menschen gegeben, die langsamer lernen als andere, das ist also kein neues Phänomen. Nur die Ausprägung ist mittlerweile eine andere“, erklärt Mario Cordes. Teilleistungsstörungen können genetisch bedingt sein. Oft liegen ihre Ursachen aber in der Umwelt des Kindes, die durch das Elternhaus und den Schulalltag geprägt sind.

Ständige Schulreformen verwirren die Lehrkräfte, die durch zu hohe Schülerzahlen in den Klassen sowieso oft schon an ihre Grenzen stoßen. „Mittlerweile werden die Kinder anders groß als noch vor 20 Jahren. Das Bildungssystem stellt sich darauf aber nicht ein und arbeitet industriell weiter“, erklärt Mario Cordes die Schulsituation. Eltern und Lehrer würden dann oft allein gelassen. Das kann auch Heike Rocho bestätigen.

Die Grundschullehrerin ist auf Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) spezialisiert und weiß, wie man das Problem angehen muss. „Bis vor sechs Jahren gab es noch LRS-Klassen in Brandenburg mit höchstens zehn Schülern pro Klasse, um die Kinder individuell zu fördern. Das wurde aber ausgehebelt, weil dieser Unterricht nicht mehr finanziert wurde“, erklärt die Lehrerin der Christoph-Kolumbus-Grundschule in Cottbus. Kinder in kleinen Gruppen zu unterrichten, ist angesichts der angespannten Personallage kaum noch möglich, obwohl die Gelder laut Mario Cordes da sein müssten. Auch der Lerntherapeut spricht sich für eine Klassenstärke von höchstens zehn Schülern aus. „Das höchste Interesse, das eine Gesellschaft haben sollte, ist die Bildung der Kinder. Dafür muss immer genügend Geld da sein“, meint Mario Cordes.

Mario Cordes und Juliane Sauer helfen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Teilleistungsstörungen. Foto: Jenny Theiler
Mario Cordes und Juliane Sauer helfen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Teilleistungsstörungen. Foto: Jenny Theiler FOTO: LR / Jenny Theiler

Legasthenie und Dyskalkulie sind Begriffe aus dem Schulrecht und der Psychologie. Sie versuchen Lerndefizite im Sprach- und Mathematikbereich zu definieren, werden aber unter dem fälschlichen Terminus ‚Lernschwäche’ oft in eine medizinische Richtung gedrängt. Die Betroffenen bekommen dadurch oft das Gefühl, krank oder sogar dumm zu sein. Dabei sei häufig genau das Gegenteil der Fall. „Wie sich in der Diagnostik gezeigt hat, sind die meisten Schüler mit Teilleistungsstörungen durchschnittlich bis überdurchschnittlich intelligent“, erklärt Mario Cordes.

Rechnen, Lesen und Schreiben sind komplexe Denkvorgänge, bei denen immer mehrere Hirnareale mitarbeiten. Bei einer Teilleistungsstörung funktionieren bestimmte neuronale Verbindungen im Gehirn nicht richtig, wodurch auch die Denkprozesse verlangsamt werden. Als Folge dessen können ein eingeschränktes Verständnis für Zahlen und Mengen sowie für Silben- und Wortbildung auftreten. Die betroffenen Kinder erkennen ihre Wissenslücken nicht und suchen unbewusst nach alternativen Lösungswegen, die aber für das Umfeld unlogisch sind. Falsch geschriebene Wörter und falsche Lösungen beim Rechnen sind die Folgen. „Dieser Effekt macht sich in der Erstlernphase, also der Grundschulzeit, bemerkbar und kann sich zu einer Teilleistungsstörung entwickeln“, erklärt Mario Cordes.

Exzessives Üben oder gezielte Nachhilfe reichen in solchen Fällen nicht aus und können die Situation sogar noch verschlechtern. Spott von Mitschülern und Hemmungen, im Unterricht um Hilfe zu bitten, können zu schweren seelischen Schäden führen. „Kinder mit Teilleistungsstörungen haben ein angeknackstes Selbstbewusstsein, das auch alle anderen Lebensbereiche beeinflusst. Damit überhaupt wieder etwas Neues gelernt werden kann, muss als Grundvoraussetzung erst wieder Selbstbewusstsein aufgebaut werden“, weiß Institutsleiter Mario Cordes. Oft treten zusätzlich psychosomatische Beschwerden wie Schlafstörungen, Übelkeit, Bauch- und Kopfschmerzen auf, wodurch der Schulalltag auf lange Sicht zur Qual wird und sogar Depressionen im Erwachsenenalter zur Folge haben kann.

Deswegen werden Lerntherapien nie in der Gruppe, sondern immer in Einzelsitzungen durchgeführt. Auf diese Art sinkt der psychologische Druck und die Angst vor dem Versagen. Das kann auch Juliane Sauer bestätigen. Die 29-jährige Masterabsolventin therapiert Kinder der zweiten und vierten Klasse, die Probleme beim Lesen- und Schreibenlernen haben. „Die Atmosphäre ist hier eine ganz andere als in der Schule. Die Kinder können in der Therapie schneller Vertrauen fassen und wir können sie dann mit spielerischen Übungen an die richtige Denkweise heranführen“, erklärt die Lerntherapeutin.

Das falsch erlernte System muss aufgebrochen werden, um dem Schüler an dem Punkt zu helfen, an dem er den Anschluss verloren hat. „Sobald die Kinder wieder erste Fortschritte machen, erinnern sie sich wieder daran, dass Lernen nichts Schlimmes ist, sondern sogar Spaß macht“, sagt Mario Cordes.

Um zu prüfen, wie sich der Lernfortschritt in den Schulen tatsächlich entwickelt, wurde 2004 das Projekt der Lernstandserhebung (Vera) ins Leben gerufen. Bei diesem Projekt schreiben die Jahrgangsstufen drei und acht bundesweit Vergleichsarbeiten in den Fächern Mathematik und Deutsch. Über die Ergebnisse der jüngsten Vergleichsarbeiten in Brandenburg äußert sich Ralph Kotsch: „Wir haben in den vergangenen Jahren keine großen Leistungsschwankungen in den Ergebnissen der Vergleichsarbeiten ausmachen können.“