| 17:55 Uhr

Wenn Bier Kriege verhindert

Der alte und der neue Cottbuser Bierbrauer: Wolfgang Grimm (links) und Olaf Wirths.
Der alte und der neue Cottbuser Bierbrauer: Wolfgang Grimm (links) und Olaf Wirths. FOTO: Tino Schulz
Cottbus. Die Stadt Cottbus blickt auf eine mehr als 600-jährige Biergeschichte zurück. Im Jahr 1385 wurde die Cottbuser Braukunst zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Daniel Steiger

Heute findet die Brau-Geschichte der Stadt nach mehrjähriger Pause mit der Eröffnung einer neuen Brauerei seine Fortsetzung. Grund genug für die RUNDSCHAU, zu einem kleinen Biergipfel zu laden. Und so trafen sich in dieser Woche Olaf Wirths, Chef der neuen Brauerei Labieratorium, Wolfgang Grimm, bis 1993 Geschäftsführer und früher Produktionsleiter der alten VEB-Brauereien, und Christian Friedrich, Diplom-Historiker bei der Stiftung Fürst-Pückler-Museum Park und Schloss Branitz und außerdem Experte und Sammler von Zeitzeugnissen zur Cottbuser Biergeschichte. Und es entwickelte sich ein Gespräch über Bierhistorie, die Qualität alter und neuer Brauerzeugnisse und die allgemein friedensstiftende Wirkung des Gerstensaftes.

Die neuere Biergeschichte ist schnell erzählt. Olaf Wirths, Bierliebhaber und Quereinsteiger im Brauereigeschäft, kam aus Köln der Liebe wegen in die Lausitz. Vor zwei Jahren gründete er die Firma Labieratorium und erkannte schnell, dass in der Cottbuser und Lausitzer Biergeschichte ein Schatz schlummerte, den es zu heben galt. Bewusst spielte er bei seinen Bierkreationen wie "Alte Welt Ale" oder "Schwarze Pumpe" auf regionale Namen an. Wirths: "Die Cottbuser müssen sich mit dem Produkt identifizieren.” Das taten die Bierliebhaber der Stadt offensichtlich. Das Premierenbier wurde 2015 vor der Stadthalle noch aus dem Auto heraus verkauft. Mit Erfolg: Hunderte Flaschen waren innerhalb weniger Stunden vergriffen. Noch in der Fremde gebraut, schienen die Cottbuser Appetit auf ein Bier von hier zu haben. Das Labieratorium eröffnete auf dem Altmarkt mit dem Labyrinth eine eigene Bierbar, nun folgt heute die eigene Brauerei.

Die Fußstapfen, in die die neuen Cottbuser Brauer treten, sind groß. Denn das Cottbuser Bier kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. Der Diplomhistoriker Christian Friedrich beschäftigt sich schon seit vielen Jahrzehnten mit der Cottbuser Biergeschichte. So befinden sich zahlreiche Etiketten, Bierdeckel und wohl auch eine der letzten Flaschen des berühmt-berüchtigten Cottbuser Pils in seinem Besitz. Doch bereits viel früher war das Cottbuser Bier nicht nur sprichwörtlich in aller Munde. Im 15. Jahrhundert etwa erlebte das Brauhandwerk in Cottbus einen rasanten Aufstieg. Geschützt durch das sogenannte Meilenrecht, durch das in einem bestimmten Umkreis nur Cottbuser Bier ausgeschenkt werden durfte, genossen Lausitzer Brauerei-Erzeugnisse einen guten Ruf. Auch aus späteren Quellen hat Christian Friedrich entnommen, dass Cottbuser Bier bis Berlin, Dresden, Görlitz, ja sogar bis nach Nordeuropa gekarrt wurde. Zahlen belegen die Bedeutung des Brauwesens für die Stadt: Eine Bierverordnung aus dem Jahr 1560 verrät, dass in der Stadt jährlich 30 000 Hektoliter Bier gebraut werden durften. Ein Hektoliter entspricht 100 Litern. Zum Vergleich: Mit der neuen Brauanlage will das Labieratorium gut 5000 Hektoliter Bier pro Jahr herstellen. Im Jahr 1560 verteilte sich die Biermenge auf 130 Bierhäuser mit insgesamt 1156 verschiedenen Bieren. Viele der Bierhäuser befanden sich schon damals am Altmarkt.

Welchen Bierdurst die Lausitzer Brauer in der neueren Geschichte zu löschen hatten, belegen Zahlen aus dem Jahr 1985. Die rund 300 Beschäftigten der in Cottbus ansässigen Brauereien des VEB Getränkekombinates Cottbus produzierten 215 000 Hektoliter Bier in den Sorten Vollbier Hell, Deutsches Pilsner und Bockbier. Wolfgang Grimm war damals Produktionsleiter. Mit Wehmut blickt der heute 78-Jährige auf das Aus der Cottbuser Biertradition nach der Wende zurück. Grimm: "Unsere Brauerei-Technik und die Gebäude waren veraltet. Und die Leute hatten jetzt alle Appetit auf Westbier.” Dabei sei das Cottbuser Bier auch zu Zeiten der DDR nicht so schlecht gewesen wie sein Ruf. 1992 stellten die ehemaligen VEB-Brauereien die Bierproduktion ein, ein Jahr später wurden sie komplett geschlossen.

Dabei sind sich Wolfgang Grimm, Christian Friedrich und Olaf Wirths einig, dass Bier weit mehr ist als ein wohlschmeckender Durstlöscher. "Früher gehörte das Feierabendbier mit den Kollegen in der nächsten Kneipe zum festen Tagesablauf. Da wurde dann nochmal über vieles geredet. Heute fährt jeder so schnell es geht nach Hause", bedauert der Historiker Friedrich. "Bier ist der soziale Kitt, es hat Kriege verhindert und Menschen nach einem Streit wieder zusammengebracht. Heute erleben wir eine starke Polarisierung der Gesellschaft. Würden die Menschen öfter bei einem Bier zusammensitzen, wären die Zeiten besser”, ist Wirths überzeugt.

Als Streitschlichter sollen seinen Wünschen nach auch die neuen Cottbuser Biere dienen. Doch damit das Labieratorium der Cottbuser Braugeschichte weitere Kapitel hinzufügen kann, ist langer Atem erforderlich. Wolfgang Grimm weiß, was es braucht, um als Brauer erfolgreich zu sein. "Man muss zwei, drei Biere haben, die einfach laufen”, so Grimm. Mit denen müsse der Hauptumsatz gemacht werden. Die Experimente im Craftbeerbereich seien bisher eher Nischenprodukte. Dass die Technik einer Wiederbelebung der Biertradition in Cottbus nicht im Wege steht, davon hat sich Wolfgang Grimm in der neuen Brauerei bereits überzeugt: "Die Anlage sieht gut aus, das ist aktueller Stand der Technik", bestätigt der Experte. Und auch den Erzeugnissen seines Nachfolgers kann er einiges abgewinnen. Nach dem Premierenschluck lobte der alte Bierkenner das Cottbuser Pils seines jüngeren Kollegen mit den Worten: "Das ist ein sehr ordentlich gemachtes Bier. Es schmeckt.”

Brauereieröffnung wird am heutigen Samstag, 22. Juli, von 14 bis 22 Uhr gefeiert. In der Karl-Liebknecht-Straße 102 gibt es Führungen, Livemusik, Kinderspaß und regionale Köstlichkeiten.