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Wenn Angst und Terror zu Kunst gerinnen

Die Schüler des Humboldt Gymnasiums erkunden während des Projektes "Eingesperrt" das Gelände des früheren Zuchthauses.
Die Schüler des Humboldt Gymnasiums erkunden während des Projektes "Eingesperrt" das Gelände des früheren Zuchthauses. FOTO: hil
Cottbus. Es geht um Angst und Einsamkeit, um Hunger, Kälte, Erniedrigung und das Gefühl, seinem Schicksal ausgeliefert zu sein. 55 Zehntklässler des Humboldt Gymnasiums haben drei Tage lang nach künstlerischen Mitteln gesucht, das Thema politische Haft greifbar zu machen. Die Ergebnisse sind erstaunlich. Andrea Hilscher

Es ist laut in den Räumen des Menschenrechtszentrums an der Bautzener Straße. Gruppen junger Schüler diskutieren, wandern durch die ehemaligen Hafträume, filmen, fotografieren und hopsen sogar auf die Zellenbetten. Sylvia Wähling, Leiterin des Menschenrechtszentrums, fragt besorgt, ob die alten Bettgestelle die Belastung aushalten -"das ist alles authentisch hier". Doch Joachim Heise, ehemaliger Häftling, beruhigt sie: "Wir haben zwar nicht auf den Betten getanzt früher, aber stabil sind sie. Die halten das aus."

Das Toben hat schließlich einen Sinn: Es ist Teil eines ungewöhnlichen Kunstprojektes. 55 Schüler des Humboldt Gymnasiums nehmen daran teil. Drei Tage lang haben sie sich mit dem Thema politische Haft auseinandergesetzt und nach künstlerischen Ausdrucksmitteln gesucht. Unterstützt wurden sie von Künstlern, Fotografen und Zeitzeugen, die den Zehntklässlern halfen, sich mit Worten, Bewegungen und Bildern auszudrücken.

Der Cottbuser Maler Matthias Körner etwa hat mit seiner Gruppe den Bereich Fotografie abgedeckt. "Eine total spannende Sache, mit den jungen Menschen in diesem Bereich zu arbeiten", sagt er. "Leider hatten wir zu wenig Zeit, so ein Projekt könnte ruhig etwas länger dauern." Das fanden auch viele der teilnehmenden Schüler: Sie widmeten sich ihren Aufgaben mit großer Konzentration und erstaunlichem Einfühlungsvermögen.

Hana Hláskova´, Bildungsreferentin des Zentrums: "Ich bin überrascht, wie die Jugendlichen mit diesem Ort umgehen. Sie betrachten ihn nicht einfach nur als Kulisse, sie nehmen ihn ernst und wollen sehr genau wissen, was sich innerhalb der Gefängnismauern abgespielt hat."

Die Erkenntnisse, die die Schüler dabei gewonnen haben, gehen über das im Unterricht Erlernte hinaus. "Es ist viel intensiver, was wir hier sehen, und wir bekommen einen ganz anderen Blick auf die Vergangenheit", sagt etwa Julia, die mit ihren Freundinnen noch auf den Beginn ihrer Präsentation wartet. Vor ihnen betreten zunächst Lilly und Charlotte die Szene: Zwei Mädchen, die unter Anleitung der Tänzerin Golde Grunske nach Bewegungen gesucht haben, die die Emotionen der Häftlinge einfangen.

Und genau hier kommt das Toben auf den Betten ins Spiel: In den engen Zellenräumen wird die erzwungene körperliche Nähe zu Mitgefangenen unangenehm spürbar, die Körper der Mädchen suchen nach Ausweichmöglichkeiten - und finden sie im Tanz auf dem Bett.

Die Mitschüler sind beeindruckt und folgen Charlotte und Lilly in die Maschinenhalle, in der früher die Stanzmaschinen von Praktika standen. Nach einigen Tanzsequenzen zeigen einige der Schüler ihre gemalten Bilder, andere lesen selbst verfasste literarische Texte und Gedichte, aus denen tiefes Mitempfinden und neu erworbenes Wissen sprechen.

Heidemarie Neisener, Deutsch- und Kunstlehrerin am Humboldt Gymnasium, hat ihre Zehntklässler durch die Projekttage begleitet. "Hier wird fächerübergreifend gearbeitet und sehr unmittelbar Wissen vermittelt", sagt die Pädagogin.

So kämen in dem Projekt neben Kunst und Deutsch auch Politische Bildung und Geschichte zum Tragen. Ein Konzept, das auch dem ehemaligen Häftling Joachim Heise gefällt. Er hat den Jugendlichen viel aus seinem Alltag im Gefängnis erzählt. "Aber ohne Bitterkeit, die darf man nicht vor junge Menschen tragen", sagt er. Er selbst habe seine Geschichte verarbeitet und könne jetzt gelassen durch das ehemalige Zuchthaus gehen.

Bilder, Texte, Reportagen und Videos des Projektes werden sowohl im Humboldt Gymnasium als auch im Menschenrechtszentrum ausgestellt. Sylvia Wähling: "Es ist für unsere ehemaligen Häftlinge und für andere Besucher eine Genugtuung, wenn sie diese künstlerischen Werke sehen. Ein Zeichen, wie Vergangenheit bearbeitet werden kann."