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| 10:03 Uhr

Wendische Tradition lässt sich kein W für ein H vormachen

Auf starkes Interesse Stösst das wendische Gesangbuch bei vielen Gästen des Gottesdienstes in der Sielower Kirche. Kritik äußern jedoch Besucher wie Siegfried Malk vom wendischen Verein Ponaschemu.
Auf starkes Interesse Stösst das wendische Gesangbuch bei vielen Gästen des Gottesdienstes in der Sielower Kirche. Kritik äußern jedoch Besucher wie Siegfried Malk vom wendischen Verein Ponaschemu. FOTO: LR-DT
Ein Buchstabe entfacht den Streit zwischen Wenden und Sorben neu: Kaum hat der Domowina-Verlag in Cottbus das neue Wendische Gesangbuch vorgestellt, regt sich Kritik. Siegfried Malk vom wendischen Verein Ponaschemu („Auf unsere Art“) wirft dem Verlag vor, er habe Traditionen ignoriert, indem er für eine Teilauflage des Gesangbuchs das wendische stumme „H“ durch ein sorbisches „W“ ersetzte. Die Autoren erwidern, sie hätten sich an die gängigen Regeln von Rechtschreibung und Grammatik gehalten. Von Ronald Ufer und René Wappler

In der voll besetzten Sielower Kirche herrscht am gestrigen Sonntag beim ersten Gottesdienst mit dem neuen wendischen Gesangbuch Festtags-Stimmung. Ältere Frauen wie Anni Lindner sind in der traditionellen Kirchgangstracht gekommen. Die Kunersdorferin erwirbt gleich eines der neuen Bücher. „Darauf hatten wir lange gewartet“, sagt sie.

Natürlich könnte sich auch Siegfried Malk freuen und sagen: Es ist ja nur ein Buchstabe. Er könnte das Gesangbuch zur Hand nehmen und über das Problem hinwegsehen. Aber Siegfried Malk ärgert sich. „Hier zeigt sich wieder einmal, dass auf die wendische Geschichte keine Rücksicht genommen wird“, sagt er. Ihm sei unwichtig, was die „Starosta“ vorschreibt, das Niedersorbisch-Deutsche Wörterbuch, erschienen im Jahr 1999.

Buch in zwei Versionen Es geht um einen Streit, vergleichbar mit der Rechtschreibreform der deutschen Sprache: Berufen sich die Menschen auf ihre Traditionen oder auf aktuelle Sprachregeln? Zwei Versionen des Gesangbuchs existieren: eine in Frakturschrift, eine in lateinischer Schrift. Die Fraktur-Version macht es nach Malks Worten richtig, die lateinische falsch. Die Traditionalisten pflegen das stumme „H“, in Wörtern wie „Hokno“, auf Deutsch: „Fenster“. Die „Starosta“ jedoch ersetzt dieses „H“ durch das sorbische „W“. Wokno statt Hokno. Diese Variante steht in der lateinischen Gesangbuch-Version. Das ist keine Kleinigkeit für Siegfried Malk – und auch keine Kleinigkeit für andere Wenden. Gleichmacherei, kritisiert Malk, sei schon von den Nazis und der DDR-Führung betrieben worden: „Warum können wir nicht unsere sprachlichen Eigenarten behalten?“

Gleichmacherei? „Eine Frage der Befindlichkeit.“ So vorsichtig formuliert es Werner Meschkank vom Wendischen Museum in Cottbus. „Viele Wenden in unserer Region empfinden den Sorbenbegriff immer noch als fremd für ihre eigene Kultur, diese Befindlichkeit muss man achten und beachten.“ Zwar sei die neue Variante bereits in den 50er-Jahren eingeführt worden – doch offizielle Vorschriften stoßen nach seinen Worten bei den Tradtionsbewahrern immer noch auf Widerstand: „Manche sehen ihre Freude am Gesangbuch getrübt.“ Ihm selbst gefalle das Werk, es handele sich immerhin um den ersten umfassenden Kanon seit hundert Jahren, die Autoren hätten sich große Mühe gegeben. „Für den einen oder anderen Werben bleibt nun aber ein Wermutstropfen.“

Martin Pernack aus Berlin gehört zu den Fachleuten, die das Gesangbuch zusammengestellt haben: Er arbeitete als Korrektor an der nun veröffentlichten Variante mit. „Die Starosta war nun mal maßgeblich für den Domowina-Verlag“, erklärt er. Verlagsleiterin Marie Matschie räumt ein: „Die Herausgabe eines so anspruchsvollen Projekts nach 100 Jahren wird immer widersprüchliche Meinungen hervorrufen.“ Ein Kompromiss sei nötig, und diesen Kompromiss hätten die Fachleute gefunden. „Ich halte ihn für gelungen.“

Regeln wider die Tradition Ihr pflichtet Anna Kossatz bei, die Beauftragte für sorbische/ wendische Angelegenheiten bei der Cottbuser Stadtverwaltung. „Wir halten uns an die Regeln, die existieren.“ Die Niedersorbische Sprachkommission begleite Veränderungen, das Buch beruhe auf den heute geltenden grammatikalischen und orthografischen Vorschriften.

„Es wäre so einfach gewesen“, entgegnet Malk. „Die Autoren hätten einfach die traditionelle Variante für die lateinische Version übernehmen können.“ Den Menschen seien Traditionen nun mal wichtiger als offizielle Regeln. Siegfried Malk bleibt beim stummen „H“ statt des „W“. „Und ich bin keineswegs der Einzige.“