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| 13:37 Uhr

Cottbus früher und heute
Ein wechselvolles Schicksal

Die Spedition Emil Böttcher bestach mit ihren prachtvollen Fassaden.
Die Spedition Emil Böttcher bestach mit ihren prachtvollen Fassaden. FOTO: Sammlung Hans Krause
Cottbus. Dora Liersch erzählt die Geschichte der Spedition Emil Böttcher anhand einer Postkarte aus der Sammlung von Hans Krause.

In dieser Serie „Cottbus Früher & Heute“ in der Lausitzer Rundschau vom 30. Oktober 2017 wurde bereits über die Anfänge der Speditionen in Cottbus berichtet. Damals ging es um das Speditionsgeschäft von Caspar & Co. aus der Dresdener Straße 160, heute Straße der Jugend 105. Von dieser Firma sind noch Bauwerke vorhanden, einschließlich eines großen Betriebshofes.

Von der Spedition Emil Böttcher sind inzwischen keine Gebäude mehr vorhanden. Unsere alte Postkarte mit kleinen Beschädigungen zeigt ein relativ prächtiges Gebäude. An Stelle eines älteren Vorgängerbaus ist dieses Haus etwa um 1853 errichtete worden. Eigentümer und auch Bauherr war der Maurermeister Friedrich Wilhelm Neumann. Er wurde 1824 geboren und erwarb im Mai 1862 das Bürgerrecht der Stadt Cottbus. Das Haus in der Dresdener Straße 77, ältere Nummerierung, fiel mit seiner symetrischen Fassade schon auf. Ein vier Achsen breiter zweigeschossiger Mittelteil, eingefasst von zwei identischen etwas hervorgesetzten und höheren Seitenteilen, ebenfalls zweigeschossig, aber die Fenster in Rundbögen gefasst. Hauptverzierung war ein breites umlaufendes Stuckband unterhalb der Dachkante.

Viele Jahre befand sich das Namensschild der Spedition „Emil Böttcher“ zwischen den Fenstern der unteren und der oberen Etage. Wann Emil Böttcher dieses Haus mit Grundstück erworben hat, ist bisher nicht genau bekannt. Vermutlich noch Ende der 1860er Jahre. In den Inseraten der damaligen Zeit waren genaue Adressen nicht unbedingt nötig. Die Cottbuser wussten, wo man hinzugehen hatte.

Es war die Zeit, in der südlich der Altstadt tüchtig an der Bahnstrecke Berlin – Cottbus gebaut wurde. So ist es Emil Böttcher, der bereits am 16. Dezember 1865 im „Anzeiger für Cottbus und Umgegend“ inseriert: „Dem geehrten Publikum erlaube ich mir ergebenst anzuzeigen, dass ich neben meinem bisherigen Geschäfte ein Material-, Speditions & Destillations- Geschäft in meinem Hause, Spremberger Str. 83 eröffnet habe, so wie dass ich das Cigarren- und Tabaks-Geschäft der Herren J. F. Schuchard Erben hier übernommen habe und solches in der bisherigen Weise fortführen werde. Ich empfehle dies Unternehmen ihrem gütigen Wohlwollen und zeichne mit Hochachtungsvoll Emil Böttcher.“

Die Hausnummer 83 befand sich am nördlichen Ende, auf der Westseite der Spremberger Straße. Der Wurstfabrikant Hermann Röhricht war in den 1870er Jahren der nachfolgende Hausbesitzer in der Spremberger Straße. Inzwischen ist das Grundstück schon viele Jahrzehnte anderweitig bebaut. Als im Sommer des Jahres 1866 die Fertigstellung des Teilstückes der Bahn näher rückte, waren es beide Speditionen, die gleichzeitig in der Beilage zur Nr. 74 des „Anzeigers für Cottbus und Umgegend“ vom 16. August 1866 auffallend groß und natürlich getrennt inserieren: „Vorläufige Anzeige“ heißt es bei Casper & Co, „ daß wir von heute ab Güter aller Art zur Versendung übernehmen mit der Bahn und ersuchen die geehrten Interessenten bis zum Errichten von Zettelkästen gef. Anmeldungen im Comptior von J.A. Casper abgeben zu wollen.

Das Inserat von Böttcher ist größer, mit der Überschrift: „Speditions- Comptior von Emil Böttcher Spremberger Straße übernimmt Güter jeder Art zur Versendung mit der Bahn. Zur Bequemlichkeit des geehrten Publikums werde ich Anmeldekästen in noch zu benennenden Gegenden der Stadt einrichten.“

Die Bahnstrecke Berlin-Cottbus, der Berlin-Görlitzer Eisenbahn wurde am 13. September 1866 eingeweiht und seitdem regelmäßig befahren. Zunächst ging täglich ein Zug von Berlin nach Cottbus und von Cottbus nach Berlin mit Personen- und Güterbeförderung. In Cottbus gab es bereits 1874 vier Speditionen. Neben Emil Böttcher und Casper & Co. waren es noch Franz Dehnicke und Hugo Schobrick. Da das Grundstück in der Dresdener Straße recht groß war, ließ der Kaufmann Emil Böttcher 1870 an das Haus anbauen. Leider hatte der tüchtige Kaufmann nicht das Glück, sich weiter als Spediteur an seiner aufblühenden Firma zu erfreuen. Emil Böttcher verstarb plötzlich und viel zu zeitig im Alter von 39 Jahren am 1. Februar 1871. Seine Frau sorgte dafür, dass das Speditionsgeschäft den Namen Emil Böttcher weiter tragen sollte. Sie fand tüchtige Kaufleute, die den Betrieb aufrecht erhielten. Zunächst soll es der Spediteur Engel gewesen sein. Für viele Jahre war es dann der Kaufmann Wilhelm Haltermann.

Weitere An- und Umbauten erfolgten, so 1872 ein neues Remisengebäude, 1880 erfolgte der Umbau des Stallgebäudes. 1881/1882 der Neubau eines Lagerraumgebäudes, 1884 wurde der Pferdestall ganz neu gebaut- Im Jahre 1899 sind inzwischen die Kinder von Emil Böttcher herangewachsen und Georg Böttcher arbeitet in der Spedition mit, die er später ganz übernimmt.

Nach dem Ersten Weltkrieg führt Otto Seil die Spedition unter dem Namen Emil Böttcher weiter. Er erwarb auch das Grundstück, die Dresdener Straße 165. Laut Adressbuch 1940 lebte Otto Seil inzwischen in Roitz bei Spremberg. Außer der Spedition ist zu dieser Zeit die Firma Jähne & Schreier mit Herrenbekleidung im Parterre, ebenso die Dedektei und Schreibstube von Emil Kannenwischer. Während die Nachbargebäude der Spedition, so das kleine Haus Dresdener Straße 164 mit dem Bürobedarf von Erich Ponath und Helmut Drescher und das größere Eckhaus Kaiserstraße 80 (heute Rudolf-Breitscheid-Str.) mit der Firma Gustav Richter 1945 in Flammen aufgehen, bleiben die Speditionsgebäude beschädigt stehen. Auch nach 1945 existiert die Spedition von Emil Böttcher weiter und trägt bereits um 1960 die Zusatzbezeichnung KG, sie arbeitet also mit staatlicher Beteiligung. Noch Anfang der 1970er Jahre bestand diese Spedition. Ob man 1965 den 100. Geburtstag dieser Firma gefeiert hat, obwohl der Begründer und Namensgeber einst so zeitig verstarb? Ältere Cottbuser erinnern sich gewiss noch an die großen Möbelwagen mit Böttchers Namen und noch mehr an die fröhlichen Kutscher mit den Pferdewagen, die im Stadtbild auffielen. Auf dem Grundstück Dresdener Straße 165 steht heute ein Teil des Neubaus Citypoint und davon der Gebäudeteil Straße der Jugend 114.

Von der einstigen Spedition sind im heutigen Stadtbild keine Spuren mehr zu finden.
Von der einstigen Spedition sind im heutigen Stadtbild keine Spuren mehr zu finden. FOTO: Liersch Dora und Heinrich / Dora und Heinrich Liersch