In einem kleinen Atelier am Berliner Moritzplatz hat Adam Ernst von Pannwitz seine womöglich aufregendsten Tage verbracht. So viel Aufmerksamkeit, wie ihm hier die holde Weiblichkeit und manch kritisch-wohlwollender Fachmann entgegenbrachte, hat er wohl in der Kahrener Kirche in den zurückliegenden 317 Jahren nicht oft gehabt. Wie es ihm damit geht, das kann der im Jahr 1702 im Alter von 37 Jahren verstorbene Obristen-Leutnant nicht mehr wissen lassen. Ernst und stumm schaut er aus seinem Porträt an der Spitze des Epitaphs auf das Geschehen im Atelier herab.

Kulturhistorisch aufregende Entdeckung

Die Restauratorinnen Christiane von Pannwitz und Johanna Thierse haben mit ihm und der ältesten der vier noch erhaltenen hölzernen Totentafeln aus der Kirche in Kahren viele Überraschungen erlebt. So wie jedes Mal, wenn Gemälde, gefasste Holztafeln oder Holzskulpturen zur Restaurierung zu ihnen kommen. Doch das, was das Interesse an der Konservierung dieses Epitaphs hervorgebracht hat, könnte Kreise ziehen, die viel weiter reichen als bis in den Cottbuser Ortsteil Kahren. So könnte es sein, dass sich erstmals zurückverfolgen lässt, wer die aufwändige Schnitzarbeit geleistet hat, obwohl es damals nicht üblich war, dass Schnitzer und Fassmaler die von ihnen gestalteten Gedenktafeln für Verstorbene signieren. „Das ist kulturhistorisch ganz aufregend“, sagt Christiane von Pannwitz, deren Mann zu den Nachkommen derer von Pannwitz gehört.

Hobbyhistoriker aus Bad Muskau hilft bei Spurensuche

Sie verweist auf Jahresblätter zur Denkmalpflege aus dem Jahr 1936. Darin gibt es Hinweise zu den Epitaphen in der Kirche Kahren, zu ihrem damaligen Zustand und zu einer Schnitzer-Familie namens Dreißigmark, die den Altar und die Kanzel der Kirche geschnitzt hat. „Diese Schnitzer-Familie war auch in Bad Muskau aktiv. Und aus Bad Muskau stammt ein Hobbyhistoriker, der sich intensiv mit dieser Schnitzer-Familie beschäftigt. Das ist der Herr Eberhard Muche. Er lebt heute in Stade. Mit ihm stehen wir im Kontakt. Er hat ihr Wirken über mehrere Generationen zurückverfolgt“, erzählt Christiane von Pannwitz.

Dem Hobbyhistoriker zufolge hat die Schnitzer-Familie im ganzen damaligen Kirchkreis viele Kirchen ausgestattet mit Altären, Kanzeln und Epitaphen. „Wenn es gelingt, die Epitaphe aus Kahren kulturhistorisch in den Kirchenkreis einzuordnen, dann wird es rund. Es ist ganz selten, dass man heute noch den Namen des Schnitzer erfährt.“ Rückschlüsse ziehen könne man heute durch den Vergleich der Arbeiten in der Art der Ausführung, der verwendeten Materialien und des künstlerischen Stils, bekräftigt Restauratorin Johanna Thierse realistische Chancen, auch den Urhebern der handwerklichen und künstlerischen Arbeiten an den Epitaphen auf die Spur zu kommen.

Hohe Schnitzkunst bis ins kleinste Detail

Zum Epitaph für Adam Ernst von Pannwitz kann Johanna Thierse sagen: „Er ist aus zwei großen balkendicken Holztafeln und vielen kunstfertigen, passgenau geschnitzten Einzelteilen zusammengesetzt, die den Epitaph zu einem ganz individuellen besonderen Kunstwerk machen.“ Die Holztafeln bilden die Basis für die unteren zwei Drittel des Epitaphs. „Der Platz für die Gedenkschrift und Dekore wie das Blattwerk, die Trommeln am unteren Ende des Epitaphs oder Gewehre, Pike und Hellebarde an den seitlichen Rändern, die Rosenblüten am oberen Rand, all das wurde aus den Holztafeln herausgearbeitet, von Hand geschnitzt“, schildert die Restauratorin. Das hat zur Folge, dass die ursprünglich wohl nahezu balkendicken Tafeln an einigen Stellen sehr dünn sind und sehr vorsichtig mit dem Gesamtwerk umgegangen werden muss. Es sieht robuster aus als es ist.

Holzkonstruktion stärkt dem Kunstwerk den Rücken

„Das hat uns vor einige Herausforderungen gestellt. Wir mussten erst einmal schauen, wie wir den Epitaph statisch sichern und so aufstellen können, dass er nicht auseinander fällt, und wir auch daran arbeiten können“, schildert Johanna Thierse. Deshalb stärkt eine Holzkonstruktion nun das Kunstwerk, die so wie alle noch auffindbaren Einzelteile als erstes von Staub und Schmutz gereinigt und von Mitarbeiter des Landesdenkmalamtes gegen Schädlingsbefall durch den Holzwurm behandelt werden musste. Ebenfalls zu Hilfe gezogene Holz-Restauratoren haben Vorschläge gemacht und beispielhaft ausgeführt, wie beschädigte Stellen so ausgebessert werden können, dass hier wieder die vorgesehene Wandbefestigung hält.

Vorstufe zur Restaurierung abgeschlossen

Johanna Thierse und Christiane von Pannwitz haben den Epitaph wie ein großes Puzzle in vielen kleinen Details wieder zusammengesetzt. Ob und wie weit sie ihn vollständig wiederherstellen und restaurieren können, das hängt davon ab, auf welche Mittel der Förderverein der Johanneskirche zu Kahren als Eigentümer und Sachwalter zurückgreifen kann.

„Wir würden am liebsten weitermachen, weil wir sehen, wie schön es werden könnte“, sagt Christiane von Pannwitz. Sie hoffen, dass der Epitaph zur nächsten Mitgliederversammlung des Förderkreises der Johanneskirche zu Kahren wieder vor Ort in der Kirche sein wird. „Dann können wir den Förderern und Freunden der Johanneskirche Kahren am Original zeigen, was wir leisten konnten mithilfe der Fördermittel von der Deutschen Stiftung für Denkmalschutz, und wie es weitergehen könnte.“

Wappen, Krone, Totenkopf und fehlendes Visier

Entlang zweier Musterachsen haben die beiden Fachfrauen den Epitaph zu Anschauungszwecken bereits musterhaft restauriert. Ein Teil des Porträts ist farblich aufgefrischt und ein Blattspitzensegment im oberen Bereich neu vergoldet. Jeweils ein Wappen aus der mütterlichen und der väterlichen Reihe der Ahnen des Verstorbenen haben die Restauratorinnen wieder an der Stelle des Wappenrings befestigt, wo es ursprünglich angebracht worden war. Insgesamt acht Wappen hat der Epitaph einmal getragen - jeweils vier aus der mütterlichen Linie der Ahnen von Adam Ernst von Pannwitz und vier aus der väterlichen Ahnenreihe. Nicht alle Wappen sind vollständig erhalten.

Geradezu sensationell ist, dass der im 18. Jahrhundert übliche Totenkopf als Symbol der Unendlichkeit erhalten geblieben ist. Die Restauratorinnen haben ihn gereinigt und wieder an seinen Platz am unteren Ende der Totentafel angebracht, zusammen mit den dazugehörigen, detektivisch gesuchten und gefundenen geschnitzten Knochen.

Andere Details sind unvollständig. Dazu gehört die Helmzier am großen Familienwappen derer von Pannwitz im unteren Bereich der Totentafel. Das Visier des Helmes und ein Horn fehlen. Was erhalten ist, wurde gereinigt. „ Bei den weißen Spuren auf der Helmzier und den anderen Schnitzereien handelt es sich nicht um Farbe, sondern um Kreidegrund“, erklärt Christiane von Pannwitz. „Die Schnitzer haben das Holz nach dem Bearbeiten glattgeschliffen, dann wurde es mit Kreidegrund gestrichen und anschließend mit Schellack versiegelt. Erst danach kamen Farbe oder Blattgold drauf. Das war aufwändige Handarbeit bis ins kleinste Detail.“

Die letzte nachweisliche Restaurierung ist sichtbar

Das Familienwappen im unteren Teil des Epitaphs zeigt nicht die typischen Farben. Das hat seinen Grund: „Was wir hier sehen ist das Ergebnis der letzten nachweislichen Restaurierung. Wir haben schon während der Reinigung gemerkt, dass das wir hier nicht die ursprünglichen originalen Farben freilegen“, schildert Johanna Thierse. Eine Bestätigung, dafür liefern Aufzeichnungen eines Verwandten der Familie von Pannwitz aus dem Jahr 1906, die der Vorsitzende des Fördervereins der Johanneskirche zu Kahren, Sieghard von Pannwitz jetzt gefunden hat.

Demnach sind alle vier Epitaphe 1906 restauriert worden. Dabei hat man es möglicherweise nicht so genau genommen mit den Farben der Wappen, die je nach Familie variieren und für alle Zeiten festgelegt sind. Auch diese Aufzeichnungen sind von Wert, wie Christiane von Pannwitz deutlich macht. „Wir haben zwar gesehen, dass es nicht die originalen Farben sein können. Es aber bestätigt zu bekommen, weil es genaue Aufzeichnungen dazu gibt, das ist schon toll und etwas ganz Besonderes.“

Die aktuellen Arbeiten am Epitaph sind dokumentiert

Alle Arbeitsschritte der Restauratorinnen sind dokumentiert. Für den Förderverein, die Kirche und die Stiftung Deutscher Denkmalschutz. Damit jeder sehen und nachverfolgen kann, was an dem Epitaph im Jahr 2019 gemacht wurde.

Mit der Konservierung ist der Erhalt der Tafel zunächst gesichert. Wird sie nun länger halten? „Das hängt davon ab, wo und wie sie gelagert wird“, sagt Johanna Thierse und fügt an: „Jedes Objekt hat seine eigene Geschichte und ist abhängig von der Lagerung unterschiedlichen Einflüssen ausgesetzt. Deshalb muss man vor Beginn jeder Arbeit immer genau schauen, welche Schäden es gibt, was beschädigt ist, und was die Ursachen dafür sein können. Wenn man sich darüber im Klaren ist und weiß, wo und wie das Objekt nach der Konservierung oder Restaurierung aufbewahrt werden soll, kann man ein Konzept erarbeitet, wie die Schäden behoben werden.“ Auf dieser Basis lassen sich dann auch die Kosten abschätzen und der Umfang der Restaurierungsarbeiten festlegen.