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Was darf der Wolf alles?

Pumpak ist rätselhaft verschwunden.
Pumpak ist rätselhaft verschwunden. FOTO: Julian Stratenschulte (dpa)
Drachhausen. Der Antenne-Stammtisch in Drachhausen zeigt die Grenzen der Akzeptanz des Raubtiers auf. Alle Seiten kommen zu Wort – Applaus gibt es nicht für alle. Peggy Kompalla

Der Goldene Drache ist bis zum letzten Platz gefüllt. An der Theke werden Biergläser gefüllt. Es ist Mittwochabend in Drachhausen. Der Radiosender Antenne Brandenburg hat zum Stammtisch geladen. Es geht um den Streitfall Wolf. Jäger, Landwirte, Schäfer, Umweltschützer sind gekommen.

Viele Besucher berichten von Begegnungen mit dem Raubtier. Allein Umweltminister Jörg Vogelsänger (SPD) hat Isegrim in der Natur noch nicht zu Gesicht bekommen. Anders als Drachhausens Bürgermeister Fritz Woitow: "Ich bin dem Wolf schon begegnet. Er war zwei Meter von mir entfernt. Ängstlich war der nicht. Als wildes Tier habe ich ihn nicht empfunden." Genau das macht den Menschen Sorge.

Im Gespräch mit Moderator Christian Matthée zeigt sich: Misstrauen und Frust sind groß. Dazu mischt sich Existenzangst. Dirk-Henner Wellershoff kritisiert: "Es wird nicht mit offenen Karten gespielt." Der Präsident des Brandenburger Landesjagdverbandes ergänzt: "Wir brauchen ein ehrliches Wolfsmonitoring. Die Dunkelziffer ist mindestens doppelt, wenn nicht sogar dreimal so hoch." Dafür erntet er Applaus und Jawoll-Rufe.

Die rapide Zunahme des Wolfs verleugnet selbst der Minister nicht. Mit den Konsequenzen müssen derweil die Landwirte leben, wie Frank Michelchen. Er hält Mutterkühe im Unterspreewald. Als Wolfsbeauftrager beim Bauernbund hält er Zahlen parat: Demnach hat sich die Anzahl der Wolfsrisse im Land im vergangenen Jahr verdoppelt. Von 97 getöteten Nutztieren im Jahr 2015 auf 244 im Jahr 2016. "Im ersten Quartal 2017 haben wir schon 114 Risse. Die Zahlen gehen so rapide hoch. Das ist eine Katastrophe für uns Tierhalter." Die entstehenden Mehrkosten für den Wolfsschutz könnten die Landwirte nicht allein tragen. "Diese Ressourcen haben wir einfach nicht."

Ein entscheidender Punkt in der Diskussion ist dann auch die Frage: Wie viel ist der Gesellschaft der Wolf wert? Gestellt wird sie von Schäfer Knut Kucznik. "Ökologie und Biodiversität kosten Geld. Das fängt in Brüssel an und reicht bis nach Neukölln, wo für die Menschen das Wolfsheulen romantisch klingt", sagt der Chef des Schafzuchtverbandes. Da hakt der Minister ein: "Der Bund wird uns irgendwann unterstützen müssen." Brandenburg sei bislang das am stärksten betroffene Bundesland. Allerdings rechnet der Minister allein durch die Wanderbewegung der Tiere damit, dass in absehbarer Zeit der Wolfsschutz eine bundesweite Aufgabe sein wird.

Christiane Schröder vom Brandenburger Naturschutzbund glaubt dagegen, dass durch ein Umdenken in der Förderpolitik des Landes den Tierhaltern besser geholfen werden kann. Dazu gehörten auch unbürokratischere Wege in der Prävention für den Herdenschutz. In Richtung der Verbraucher sagt sie: "Fleisch, das verantwortungsvoll produziert wurde, will auch entsprechend bezahlt werden."

Für die meisten Stammtischbesucher ist klar: Es streifen längst zu viele Wölfe durch die Lausitz. Jäger Wellershoff fragt: "Mit wie vielen Wölfen wollen wir leben?" Und gibt im nächsten Atemzug selbst die Antwort: "Der Schaden entscheidet über die Größe der Wildpopulation. Das muss auch für den Wolf gelten." Das Wort Abschuss fällt nicht. Doch genau das meint der Jäger. In Deutschland steht der Wolf aber unter besonderem Schutz, darf nicht getötet werden. Minister Vogelsänger weiß, dass es für Problemwölfe in Zukunft Ausnahmen geben wird. "Das müssen wir im Wolfsmanagement klar definieren. Dann sind wir auch die Hilfe der Jäger angewiesen."

Zum Thema:
In Brandenburg siedelte sich im Jahr 2007 ein erstes Wolfspaar an. Zwei Jahre später wurden erstmals seit über einem Jahrhundert Wolfswelpen aufgezogen. Seitdem ist der Bestand gewachsen. Nach derzeitigem Kenntnisstand des Monitorings leben in Brandenburg 21 Wolfsrudel und zwei Paare, heißt es aus dem Umweltministerium. Hinzu kommen zwei Gebiete mit unklarem Status. Alle Reviere sind besetzt. Tiere wandern ab.