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Was Cottbus und Hamburg eint

Beim G 20-Gipfel in Hamburg randalierten Autonome, plünderten Geschäfte und lieferten sich mit der Polizei Straßenschlachten.
Beim G 20-Gipfel in Hamburg randalierten Autonome, plünderten Geschäfte und lieferten sich mit der Polizei Straßenschlachten. FOTO: dpa
Cottbus. Der Bundespolizist Jürgen Maresch war beim G 20-Gipfel im Einsatz. Noch unter dem Eindruck dieser Tage sieht der Stadtverordnete Parallelen zu seiner Heimatstadt. Peggy Kompalla

Die vergangenen Tage stecken Jürgen Maresch noch in den Knochen. Der Bundespolizist war von Freitag bis Sonntag in Hamburg beim G 20-Gipfel im Einsatz. Er sagt: "So etwas habe ich in 25 Jahren Polizeidienst noch nicht erlebt - solche Aggressivität und Bosheit, die Polizisten entgegengebracht wurde, kannte ich bislang nicht. Das macht mich fertig und beschäftigt mich bis heute." Umso mehr ärgere ihn die Debatte im Nachhinein, wobei der Polizei von einigen die Schuld zugeschoben werde. Er ist überzeugt, die Politik habe einen Anteil an den Auswüchsen, die in Hamburg zutage traten. Diese Verantwortung sieht der parteilose Stadtverordnete auch in seiner Heimatstadt Cottbus.

"Natürlich kann man die Dimensionen von Hamburg und Cottbus nicht miteinander vergleichen", räumt Maresch ein. Trotzdem sieht er Parallelen. "Die linksextremistischen Strukturen sind viel zu lange geduldet und nicht ernst genommen worden." Das sei sowohl für Hamburg als auch für Cottbus der Fall. Nach Berichten der Hamburger Morgenpost mischten sich allerdings auch Rechtsextreme unter die Randalierer beim G 20-Gipfel.

Laut Hamburger Verfassungsschutz lebten im Jahr 2015 rund 620 gewaltbereite Linksextremisten in der Hansestadt. Für das selbe Jahr schätzt der Brandenburger Verfassungsschutz die autonome Szene in Cottbus auf 35 Personen, "darunter Gewaltbereite". In dem Bericht heißt es weiter: "Die Szene bekam Zulauf, als Vertreter nach vorangegangenen Übergriffen der relativ starken rechtsextremistischen Szene in Cottbus proklamierten, es sei legitim, sich unter Umgehung demokratischer Spielregeln mit Gewalt gegen Rechtsextremisten zur Wehr zu setzen."

Genau das sei das Grundproblem, argumentiert Maresch. In dem Zusammenhang spielt das Bündnis Cottbus Nazifrei aus seiner Sicht eine fragwürdige Rolle. "Natürlich sind nicht alle in dem Bündnis Linksextremisten, aber es wird von ihnen ausgenutzt", sagt Maresch mit Überzeugung. In der Zusammenarbeit mit Cottbus Nazifrei sei der Cottbuser Aufbruch viel zu kritiklos. Der Bundespolizist fordert deshalb eine längst fällige Abgrenzung zu den Extremisten.

Luise Meyer ist Sprecherin von Cottbus Nazifrei. Sie sagt zu den Vorwürfen: "Man sieht an unseren Aktionen, dass von uns keine Gewalt ausgeht." Vielmehr spüre das Bündnis ein wachsendes Misstrauen in der Stadt. Zudem hinke der Vergleich zwischen einem regionalen Bündnis, das sich gegen Nazis stellt mit einer globalen Bewegung von Kapitalismuskritikern in einer Weltstadt.

"Natürlich verkenne ich nicht, dass wir in Cottbus ein viel größeres Problem mit dem Rechtsextremismus haben", betont Jürgen Maresch. "Aber im Kampf gegen Rechts dürfen wir doch den Linksextremismus nicht außer Acht lassen." Deshalb wünscht er sich als Stadtverordneter eine Gleichbehandlung. "Im Kampf gegen Rechts sind in Cottbus alle geeint - richtig so. Im Kampf gegen Linksextremisten herrscht dagegen Stille." Das müsse sich ändern. In Cottbus werde das Problem von der SPD, den Grünen, der AUB und der Linken verharmlost. Für die Linke saß Maresch selbst fünf Jahre im Potsdamer Landtag, überwarf sich dann mit der Partei und trat im Jahr 2014 aus. Seither sitzt er als Einzelabgeordneter im Cottbuser Stadtparlament.

Nach dem Wochenende zieht Maresch das Fazit: "Cottbus und Hamburg haben einiges gemeinsam. In beiden Städten werden linksextremistische Strukturen geduldet, gefördert und eben nicht bekämpft. Um ganz klar zu sein: Ich habe selbst erlebt, was dabei herauskommt. Wer Antidemokraten mit Antidemokraten bekämpfen will, handelt selbst antidemokratisch."