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| 02:33 Uhr

Was blieb, sind Briefe von Opa

Christina Schulz blättert öfter in der Mappe mit den Briefen des im Krieg in Frankreich verwundeten und in Belgien gestorbenen Großvaters und hat dabei auch die Karte, die den Marschweg seines Regimentes in den Kämpfen im Osten und Westen genommen hatte, in der Hand.
Christina Schulz blättert öfter in der Mappe mit den Briefen des im Krieg in Frankreich verwundeten und in Belgien gestorbenen Großvaters und hat dabei auch die Karte, die den Marschweg seines Regimentes in den Kämpfen im Osten und Westen genommen hatte, in der Hand. FOTO: Hirche/jul1
Groß Gaglow. Christina Schulz stammt aus einer großen Kolkwitzer Familie ab. Erst in den vergangenen Monaten ist sie ihrem Großvater Ernst, dem sie nie begegnen konnte, näher gekommen. Geholfen hat ihr dabei der Madlower Erich Schramm. Deshalb hat sie ihm auch zu Beginn der Woche zum 91. Geburtstag gratuliert. Marion Hirche / jul1

Christina Schulz hat vier Geschwister, ihr Vater Kurt Borisch, lebt in der Großgemeinde und ist jetzt 92 Jahre alt. Ihre Mutter Erika ist bereits verstorben. Den Vater ihrer Mutter, ihren Großvater Ernst Materna, hat sie nie persönlich kennengelernt. Er ist am 2. Juni 1940 an den Folgen einer Kriegsverletzung gestorben. Da er auf dem Rücktransport nach der Verwundung bei Calais aus dem Leben schied, wurde er zunächst in Belgien bestattet, später jedoch auf den großen Soldatenfriedhof nach Ysselstyn in Holland umgebettet. 1995 besuchte sie zusammen mit den Eltern und einer Schwester zum ersten Mal das Grab. "Außer seinen Briefen, einer Karte vom Marschweg seines Regimentes und der offiziellen Todes-Erklärung war auch meiner Mutter nichts von ihrem Vater geblieben. Zu DDR-Zeiten durfte man nicht nach Holland, deshalb haben wir das 45 Jahre nach seinem Tod endlich nachgeholt."

Aber auch Erika Borisch konnte nur wenig über ihren Papa berichten, denn sie war noch jung, als er ins Feld musste. Christina Schulz wurde neugierig: "Als dann 2014 der 70. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie feierlich begangen wurde und auch das Fernsehen ausgiebig darüber berichtete, kam mir der Gedanke, dass mein Großvater mit dem Westfeldzug ja auch bis nach Frankreich gekommen war. Ich erinnerte mich, dass es da noch seine Briefe gab und wollte erfahren, was er in diesen Tagen erlebte, wie er vielleicht gefühlt und gedacht hat." Die heutige Groß Gaglowerin holte sich beim Vater die fast vergessenen Poststücke und versuchte sie zu lesen. Da fingen jedoch die Probleme an: "Opa hat Deutsch geschrieben, ich konnte kein Wort entziffern."

Die Sachbearbeiterin einer Landesbehörde entwickelte dann den Ehrgeiz, alles lesbar zu machen. Über ihre Physiotherapeutin lernte sie Erich Schramm kennen. Der rührige Cottbuser war sofort bereit, zu helfen. In vielen Treffen wurden die Briefe "übersetzt".

"Erich Schramm hat gelesen, ich habe mitgeschrieben. Wir haben in etwa drei Stunden so zwei Briefe geschafft." So hat die 61-jährige erfahren, mit welchen schwierigen Umständen die Soldaten beim Feldzug in Polen zu kämpfen hatten: "Wir mussten auf den Dielen schlafen, seid zufrieden, dass ihr zuhause ruhig in euren Betten liegen könnt" und dass er vergeblich einen Verwandten in Lodz besuchen wollte.

Die Enkelin weiß nun auch, dass ihr Großvater beim Kampf in Frankreich einen Schuss ins Gesicht abbekam und eine Kugel durch die Wange im Mund den Kiefer beschädigte und unmittelbar vor der Halsschlagader zum Stehen kam.

Trotz großer Schmerzen schrieb er noch zwei Tage vor seinem Tod einen letzten Brief und war immer noch voller Hoffnung, dass er bald nach Hause könnte.

Immer wieder sprach aus seinen Briefen auch die Zuversicht, dass spätestens im Sommer 1940 der Krieg vorbei sein würde. Er glaubte an den Sieg der Deutschen - wie wohl der größte Teil der Bevölkerung in der Anfangszeit. Bei den Briefen war auch ein Liedtext vom "Fahnenträger" dabei. Dieses Lied wurde von den deutschen Soldaten in Frankreich gesungen. Ein Kriegspfarrer hat am 6. Juni 1940 über die Beerdigung des Gefallenen an die Witwe geschrieben: "Ein Stück Heimat war bei der Beerdigung ihres lieben Mannes mit dabei. Zu Friedenszeiten bin ich Pfarrer in der Schlosskirche in Cottbus, habe auch Gottesdienste in Kolkwitz gehalten."

"Der Inhalt der Briefe hat mir meinen Großvater näher gebracht. Ich habe so viel über die Vergangenheit erfahren. Es ist wichtig, sich mit der Geschichte zu beschäftigen", resümiert Christina Schulz heute und bereut ihre Mühe nicht. Sie wünscht sich, dass möglichst viele Zeitzeugen noch über ihre Erlebnisse berichten können und, dass junge Menschen zuhören.