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| 18:32 Uhr

Umbrüche
Kindeswohl im Fokus

Cottbus . Immer häufiger gehen beim Jugendamt Meldungen über Gefährdungssituationen ein. Die Gründe sind vielfältig. Von Andrea Hilscher

Wenn André Schneider, Chef des Cottbuser Jugendamtes, mit seinen Mitarbeitern zusammen sitzt, dann steht eine Frage häufig im Mittelpunkt ihrer Gespräche: Warum gehen immer häufiger Meldungen über Kindeswohlgefährdungen im Jugendamt ein?

Einfache Antworten darauf gibt es offenbar nicht. „Zumindest kann man aus steigenden Meldezahlen nicht folgern, dass sich die Lebenssituation der Kinder in der Stadt verschlechtert hat“, sagt André Schneider. Einer der Gründe für gestiegene Melde- und Fallzahlen liegt auf der Hand: In der Altersgruppe 0 bis  unter 18 Jahre hatte Cottbus  am 31. Dezember 2010  11 761 Einwohner, am 31.12. 2017 waren es   schon 14 367.

Die Gefährdungsmeldungen, die im Jugendamt einlaufen, sind im gleichen Zeitraum von 423 auf 630 in 2017 gestiegen, bis April diesen Jahres waren es bereits 328 Meldungen. Betroffen waren davon 2016 rund 550 Kinder, im folgenden Jahr 721 und 2018 bisher 328 Kinder Kinder.

Antje Henkler, Kinderschutz-Koordinatorin im Jugendamt weiß aus Erfahrung, dass etwa 30 Prozent dieser Meldungen die Sozialarbeiter tatsächlich auf die Spur von realen Gefährdungssituationen führen.  In vielen Fällen resultieren die Meldungen allerdings auf Trennungs- oder Scheidungskonflikten. „Hocheskalativ“ seien diese Auseinandersetzungen oft, ihre Häufigkeit nehme zu, so André Schneider.

Dort, wo die Mitarbeiter tatsächlich einen akuten Handlungsbedarf sehen, stoßen sie oft auf eine Mischung aus Vernachlässigung, mangelhafter Grundversorgung, Suchtproblemen oder körperlichen Misshandlungen. „Gerade erst wurden wir von der Polizei zu einem Familienstreit gerufen, bei dem beide Elternteile betrunken  waren. Das zweijährige Kind wurde von uns sofort in Obhut genommen.“

Der Anstieg der Meldungen auf Kindeswohlgefährdung ist ein bundesweiter Trend. Er beruht nach Einschätzung von Antje Henkler unter anderem auf der Sensibilisierung des Gemeinwesens für das Kindeswohl. Außerdem hätten sich auch die Kooperationsstrukturen in den Kommunen verbessert. „Meine Stelle zum Beispiel gibt es erst seit zehn Jahren. Inzwischen haben wir eine Vielzahl von Hilfsmöglichkeiten und neuen Strukturen aufgebaut, zudem gibt es die Möglichkeit, auch anonym über problematische Fälle zu reden.“

Je mehr Menschen sich um das Kindeswohl bemühen, umso eher fallen Missstände auf. Polizei, Sozialarbeiter, Nachbarn oder Lehrer reagieren sensibler also noch vor einigen Jahren. Leider, so die Fachleute, gibt es im Bereich Kindertagesstätten noch eine große Vorsicht. „Hier sind die Mitarbeiter wohl sehr darauf bedacht, den guten Kontakt zu den Eltern nicht zu gefährden“, schätzt Antje Henkler.

Immer, wenn eine Kindeswohlgefährdung gemeldet wird, setzt ein standardisierter Prozess ein. Im Vier-Augen-Prinzip prüfen Mitarbeiter des Amtes das Gefährdungsrisiko.  Im Schnitt gehen mittlerweile an jedem Arbeitstag vier Gefährdungsmeldungen im Jugendamt ein, acht Mitarbeiter sind also täglich mit den Prüfungen gebunden.

Antje Henkler: „Wir reden mit den Minderjährigen und mit ihren Sorgeberechtigten, häufig werden Ärzte, Therapeuten oder das Klinikum hinzugezogen, auch Hort und Kita werden befragt.“ Manchmal sei es ausreichend, dass die Familie Hilfen angeboten bekommt, um bestimmte problematische Situationen besser in den Griff zu bekommen.

Hilft das alles nicht, müssen die Kinder, zumindest zeitweise, aus ihren Familien genommen werden. Im Kinder- und Jugendnotdienst gab es 140 dieser Inobhutnahmen im Jahr 2017. Im Rahmen von Überprüfungen von im Jugendamt eingegangenen Meldungen über Kindeswohlgefährdungen wurden 16 Inobhutnahmen durchgeführt. Neben der Unterbringung in Wohngruppen sind es vor allem Pflegefamilien, die in solchen Situationen für die Kinder sorgen. Derzeit leben 147 Cottbuser Kinder in 108 Pflegefamilien. Vor zwei Jahren waren es noch 112 Kinder. Die Stadt sucht daher intensiv nach weiteren Pflegefamilien.

Von den 320 stationären Plätzen in verschiedenen Wohnformen sind ungefähr die Hälfte mit Cottbuser Kindern besetzt.