ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 19:06 Uhr

Reportertausch 2019
Ein Leben zwischen Ost und West

 Mit Familie in Cottbus: Holger Bergmann unterwegs mit Oma Gitti und Mutter Angela. Derzeit kommt er nur auf Besuch in die Heimat.
Mit Familie in Cottbus: Holger Bergmann unterwegs mit Oma Gitti und Mutter Angela. Derzeit kommt er nur auf Besuch in die Heimat. FOTO: Bergmann
Cottbus/Ludwigsburg. Seit dem Fall der Mauer vor 30 Jahren sind Zehntausende Ostdeutsche nach Baden-Württemberg gezogen. Cottbus verliert besonders viele Menschen. Das hat sich geändert. Von Peggy Kompalla

Der Mann, der die Mauer zum Einsturz gebracht hat, kommt nach Ludwigsburg. Zumindest David Hasselhoff hält diesen Mythos gern aufrecht. Im Oktober tritt der Amerikaner in der MHP-Arena auf. Seine Tour trägt den vielsagenden Titel „Freedom! The Journey Continues“ – Freiheit! Die Reise geht weiter. Für viele Deutsche beginnt mit dem Wendeherbst 1989 eine Lebensreise im wahrsten Sinne des Wortes. Fast ein Viertel der Ostdeutschen zieht in den Jahren 1991 bis 2017 in den Westen. Der größte Zuwanderungsstrom führt nach Süddeutschland. Doch die erste Welle erreicht Baden-Württemberg nicht erst mit dem Fall der Mauer.

Werner Brachat-Schwarz kann aus Zahlen Geschichten lesen. Der Volkswirt arbeitet im Statistischen Landesamt Baden-Württemberg, Bevölkerungsbewegungen gehören zu seinem Forschungsgebiet. Die Zuwanderung aus dem Osten ereignet sich in Wellen.

Erste Welle vor dem Mauerbau

Die Erste erreicht Süddeutschland bereits in den 50er-Jahren und wird erst mit dem Bau der Mauer gestoppt. Für Baden-Württemberg bedeutet das: „Enorme Wanderungsgewinne insbesondere in den Jahren 1953 und 1957, ein deutlicher Rückgang in den Folgejahren und ein Einbruch nach dem Mauerbau“, sagt der Statistiker. Von 1962 bis 1983 schaffen es fortan im Jahresdurchschnitt lediglich noch knapp 2000 Menschen aus der DDR nach Süddeutschland. Zum Vergleich: Im Jahr der Wiedervereinigung kommen 49 000 Menschen aus den neuen Bundesländern allein nach Baden-Württemberg. Das ist die zweite Wanderungswelle nach dem Ende der DDR im Jahr 1990.

Im Jahr des Mauerfalls ist Holger Bergmann fünf Jahre alt. Seine zwei Erinnerungen an diese Zeit: „Wir mussten Samstag nicht mehr in die Schule. Das war natürlich toll. Schade fand ich aber, dass ich kein Pionier mehr werden konnte. Die Organisation habe ich mir als Kind wie die Pfadfinder vorgestellt.“ Seine Eltern gehören zu den Glücklichen. Sie behalten ihre Arbeit, werden von den Nachfolgeunternehmen übernommen. Die Familie bleibt in Cottbus.

Cottbus verliert besonders viele Menschen

Dabei erlebt sie, wie sich die Heimatstadt verändert. Cottbus verliert in den Jahren nach der Wende massiv Einwohner, weil die Mehrzahl der Betriebe schließt. Wie dramatisch die Bevölkerungsverluste sind, belegt eine ausführliche Datenanalyse von Zeit Online. Darin wird die Ost-West-Wanderungsbewegung bundesweit ausgewertet. Demnach gehört Cottbus zu den Regionen im Osten, die die größten Verluste verkraften müssen. Die Stadt steht in dieser Liste auf Platz drei. Cottbus verlassen zwischen 1990 und 2017 demnach 13,7 Prozent der Einwohner gen Westen.

 Die Grafik zeigt die Wanderungsbewegung von Ostdeutschland nach Ludwigsburg sowie von Westdeutschland nach Cottbus.
Die Grafik zeigt die Wanderungsbewegung von Ostdeutschland nach Ludwigsburg sowie von Westdeutschland nach Cottbus. FOTO: LR / Elisabeth Wrobel

Zur Jahrtausendwende geht die gut ausgebildete Jugend

Um die Jahrtausendwende setzt die dritte große Wanderungsbewegung ein. Vor allem gut ausgebildete, junge Erwachsene und Frauen wollen ein besseres Leben im Westen, sagt Werner Brachat-Schwarz. Die Zuwanderung aus den neuen Bundesländern nach Baden-Württemberg erreicht im Jahr 2001 mit knapp 38 000 Menschen ein zwischenzeitliches Hoch. In den Folgejahren geht die Ost-West-Migration zurück.

Holger Bergmann ist zur Jahrtausendwende fast mit der Schule fertig. Nach dem Abitur geht die Mehrzahl seiner Schulfreunde in den Westen. Holger Bergmann macht das Gegenteil. Er bleibt zu Hause und studiert an der BTU Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus. Informations- und Medientechnik ist sein Fach. Er hängt noch einen Masterstudiengang in Wirtschaftsingenieurwesen dran. Aber da wachsen Zweifel. „Das war nicht das Richtige für mich“, sagt er heute. Deshalb wagt er mit 26 Jahren einen Neuanfang. Er will Filme machen und bewirbt sich an allen deutschen Filmhochschulen.

Ahnungslos, aber genau richtig in Ludwigsburg

Die Ludwigsburger Filmakademie ist die erste, die ihn einlädt. Er besteht die Aufnahmeprüfung und zieht nach Baden-Württemberg. Es ist 2010. „Ich war völlig ahnungslos“, erzählt Holger Bergmann. Er lacht. Lange braune Schüttelsträhnen, dunkler Vollbart, T-Shirt, legere Hose. „Ich habe erst mit der Aufnahme an der Filmakademie Ludwigsburg kapiert, dass sie genau das Richtige für mich war, vor allem in der Art, wie dort Wissen vermittelt wird. Die Arbeit ist nicht so theoretisiert. Wir konnten einfach machen.“ Für Student Holger Bergmann bedeutet das: 13 Filme in viereinhalb Jahren Studium.

In Ludwigsburg angekommen, lebt sich der Cottbuser schnell ein. Beide Städte sind ähnlich groß, haben Schloss und Park und unter jungen Leuten den Ruf, öde zu sein. „In Cottbus wird generell rumgemeckert, dass nichts los sei“, sagt Holger Bergmann. „Dabei muss man einfach rausgehen oder selbst etwas auf die Beine stellen.“ In Ludwigsburg genauso. Die benachbarte Großstadt Stuttgart interessiert ihn damals nicht. „Ich kann an einer Hand abzählen, wie oft ich dort während meines Studiums war.“

Der Cottbuser steht zu seiner Herkunft

 Premiere in Ludwigsburg: Holger Bergmann mit einem Pappaufsteller von Schauspieler Stipe Erceg, der die Hauptrolle in seinem Abschlussfilm „Mein Herz schlägt Schlager“ übernommen hat. Das war im Jahr 2015 auf dem Hof der Filmakademie.
Premiere in Ludwigsburg: Holger Bergmann mit einem Pappaufsteller von Schauspieler Stipe Erceg, der die Hauptrolle in seinem Abschlussfilm „Mein Herz schlägt Schlager“ übernommen hat. Das war im Jahr 2015 auf dem Hof der Filmakademie. FOTO: Bergmann

Holger Bergmann versteckt seine Herkunft nicht. Im Gegenteil: „Ein Pfannkuchen bleibt bei mir immer ein Plins.“ Die Lausitz steckt in ihm. „Ich bin, wer ich bin, weil ich in Cottbus aufgewachsen bin.“ Der Kontakt in die Heimat ist eng. Das Herz und die Familie sind in Cottbus zu Hause. Deshalb verschließt er sich nicht dem Neuen. „Ich mag Ludwigsburg. Die Menschen sind dort sehr gechillt.“ Aber vor allem ermöglicht ihm die Stadt, seine Träume zu verwirklichen – Filme machen. Für seine Abschlussarbeit übernimmt Schauspieler Stipe Erceg die Hauptrolle. Jetzt ist der gebürtige Cottbuser ganz offiziell Filmproduzent.

Mit dem Diplom in der Tasche geht Holger Bergmann im Jahr 2015 zurück in den Osten. In Berlin bekommt er einen Job bei der Ufa. Mit dieser Rückkehr ist der Cottbuser keine Ausnahme. Er folgt einem Trend, bestätigt Werner Brachat-Schwarz vom Statistischen Landesamt Baden-Württemberg. Demnach rutscht der Ost-West-Wanderungssaldo im Jahr 2014 erstmals ins Minus. Das setzt sich in den folgenden Jahren fort. „Das bedeutet, es ziehen mehr Menschen aus Baden-Württemberg in den Osten“, erklärt der Referatsleiter.

2017 wird zur historischen Zäsur

Das gilt nicht allein für Süddeutschland. Das Jahr 2017 markiert eine historische Zäsur: Die jahrzehntelange Abwanderung von Ost nach West ist gestoppt.

Derweil hadert Holger Bergmann mit Berlin. Er zieht von Untermiete zu Untermiete und schließlich doch in seine alte Heimatstadt Cottbus zurück. „Es war mir lieber, zu pendeln“, erzählt er. „Ich habe mich gleich wieder sauwohl gefühlt mit der liebenden Familie und meinen Freunden um mich herum.“ Aber mit der Arbeit hapert es. Dann kommt ein Angebot aus Stuttgart. Holger Bergmann stellt sich bei der AV Medien Film + Fernsehen GmbH vor. Es passt. Der Cottbuser packt seine Koffer und zieht erneut nach Süddeutschland.

Großer Traum: Ein Filmstudio auf dem alten Flugplatz

„Ich bin angekommen“, sagt er heute. Mitte Juni wird er Vater. „Ich würde jederzeit nach Cottbus zurückkehren und dort meine Kinder großziehen.“ Im nächsten Atemzug schiebt er nach: „Aber in Cottbus gibt es keine Arbeit für mich.“ Dabei hat er immer davon geträumt, den ehemaligen Flugplatz in Cottbus in ein Filmstudio zu verwandeln. „Die Filmleute fliegen ein und in den Hangars wird gedreht.“ Diesem Bild sinniert er einen Moment nach. Der Flugplatz ist jetzt ein Gewerbegebiet mit einigen Ansiedlungen, allerdings sehr viel mehr Platz und einer Wölfin, die das Gelände regelmäßig mit ihren Welpen durchstreift.

Es ist viel Raum für Träume und Mut in Cottbus – allerdings auch in Ludwigsburg und Süddeutschland.

FOTO: LR / Elisabeth Wrobel
FOTO: LR / Elisabeth Wrobel