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| 02:33 Uhr

Fantasie ist gefragt
Wandel am Berliner Platz

FOTO: Heute: Dora Liersch - Damals: Sammlung Hans Krause
Cottbus. Diese alte Ansichtskarte zeigt, von Westen kommend, einen Teil der Eingangssituation in die Cottbuser Altstadt. Zu unserem Glück haben die Absender ein Datum auf die Karte geschrieben, es war das Jahr 1899. Heute steht keines der Häuser mehr. Damit verlangt ein Vergleichsfoto aus heutigen Tagen dem Betrachter viel Fantasie ab. Dora Liersch / dli9

In dieser Serie "Cottbus früher und heute" vom 8. September 2015 und dem 30. Mai 2016 waren schon Nachfolgebebauungen dieser Fläche vorgestellt worden. Wir befinden uns am Berliner Platz und der Berliner Straße. Der Fotograf von einst mag für diese Ansicht etwa an der heutigen Ausfahrt vom Postparkplatz gestanden haben, mit Blickrichtung nach Nordost. Wir müssen uns dafür vorstellen, dass der Berliner Platz und auch die Berliner Straße damals viel schmaler waren und die Grundstücksbebauung gleich nördlich des heutigen Straßenbahngleises der Linie 2 von Sandow kommend, also genau auf der nördlichen Straßentrasse von einst war.

Das linke Haus stand zwischen der Wallstraße - der heutigen Friedrich-Ebert-Straße - und dem Zugang zur Promenade, zum Fuckauer Wall beziehungsweise zu den Hinterhäusern der Wallstraße 50 bis 55. Es trug zuletzt die Bezeichnung Berliner Platz 9. Es war in die Wallstraße hinein sechs Achsen tief und die Vorderfront sieben Achsen breit. An der linken Ecke zur Wallstraße war es abgeschrägt. Es bestand aus Erdgeschoss und erster Etage sowie einem Satteldach mit Fledermausgauben. Auf der Ostseite hatte das Haus ein Krüppelwalmdach.

Wann dieses Gebäude neben dem Luckauer Tor erbaut wurde, ist nicht bekannt, doch gab es auf einem alten Stadtplan aus der Zeit um 1800 bereits eine Bebauung. Auf dieser Postkarte ist das Geschäft von Albert Ballier zu erkennen. Er handelte mit Schreib- und Papierwaren.

Ein zweites Geschäft, auf der Karte nicht zu sehen, war die Kolonialwarenhandlung von Emil Kürsten, der bereits vor 1874 Eigentümer des Grundstückes war. Das Haus wurde schon bald als "Kürstens Ecke" bezeichnet. Zuletzt, 1935, waren Franz Wittka mit seinen elektrischen Anlagen, Gotthold Zema mit dem Kolonialwarengeschäft sowie der Spirituosen- und Weinhandlung und Richard Schönwitz mit seinem Papierwaren und Büchern die Geschäftsinhaber in diesem Haus.

Das Gebäude wurde um das Jahr 1936 abgerissen, um die Straße etwas zu verbreitern und für die Straßenbahn, vom Altmarkt kommend, eine leichtere Einfahrt in die Wallstraße zu schaffen. Außerdem konnte damit für die bisher dahinter liegende Zweite Gemeindeschule ein attraktiver Eingang auf deren Südseite mit Säulen und Balkon als Eingangsüberdach geschaffen werden.

Zwischen dem Haus Berliner Platz 9 und den nächsten Häusern der Berliner Straße 20/21/22 - zuletzt Berliner Straße 154/155/156 - befand sich der schmale, aber mit Bäumen bepflanzte Zugang zur Promenade - heute Puschkinpromenade.

Die Häuser der Berliner Straße, allen voran das Eckhaus, sind etwa in den Jahren zwischen 1880 und 1885 umgebaut oder auch neu errichtet worden. Die bauausführende Firma gehörte Ewald Schulz. Das Eckhaus mit dem girlandenartigen Schmuck zwischen den Fenstern der obersten Etage, den hervorgehobenen Balkonen, den betonten Fensterumrahmungen sowie dem großzügigen Restaurantbereich im Erdgeschoss erwarb der Restaurateur Paul Robel von der Baufirma.

Das Nachbargebäude mit den Rundbogenfenstern gehörte dem Glasermeister Hugo Eichner. Das Eckhaus zur damaligen Münzstraße und heutigen Töpferstraße, in dem bereits ein Stück Stadtmauer integriert war, besaß die Kaufmannsfamilie Ferdinand Lehmann. Die Zeiten änderten sich und damit auch die Eigentümer und der Handel.

Im Jahre 1940 sah es wie folgt aus: Das Eckhaus Nr. 154 war in den Besitz von Anna Pfeiffer gekommen. Dort betrieb sie eine Obsthandlung und Karl Schwenzer eine Gemüsehandlung. Aus der ehemaligen Eigentümerfamilie war es Martha Robel, die mit Zigarren und Tabakwaren handelte. Das Wohn- und Geschäftshaus Nr. 155 war in den Besitz der Niederlausitzer Kohlen-Handels-Gesellschaft K.G. übergegangen. Im Erdgeschoss des Hauses befand sich das Eisenwarengeschäft von Noack & Hoffmann. Die Berliner Straße 156 - auf der Postkarte ist nur ein schmaler Streifen davon erkennbar - war nach dem Tode des Kaufmannes Ferdinand Lehmann und seiner Frau wegen Erbteilung verkauft worden. Neuer Eigentümer wurde der Kaufmann Jacob Rosenthal. Er ließ 1913/14 ein neues Wohn- und Geschäftshaus an gleicher Stelle errichten. Spätere Eigentümer waren Eugen Heilbrun und Gotthold Zema. Durch den Abriss des Hauses Berliner Platz 9 zogen die Geschäftsleute in dieses Haus um. Die Geschichte des Hauses wäre einen eigenen Artikel wert.

Der gesamte Häuserblock wurde im Jahr 1945 ein Raub der Flammen. Das betraf die Berliner Straße 154 bis 156, genauso wie die Häuser bis zur Töpferstraße, einschließlich aller Hinterbebauungen bis zur verlängerten Klosterstraße und zur Promenade. Nach der Beseitigung der Ruinen wurde eine erste schlichte Grünanlage geschaffen. Später entstand durch das Nationale Aufbauwerk an der Stelle ein Pavillon, der allerdings im Frühjahr 1968 wieder abgerissen wurde. Auch die gut ins Blickfeld gerückte Schule musste ein Jahr später einer Neuplanung für dieses Gebiet weichen. Am rechten Bildrand der Postkarte erkennt man den westlichen Seitengiebel des Hauses Berliner Straße 5 von Tuch-Lehmann, das aus gleichem Grund ebenfalls im Jahr 1969 abgerissen wurde.