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| 18:37 Uhr

Stasi und das Cottbuser Gesundheitswesen
Von Anabolika bis Zahngold

Rüdiger Sielaff, Leiter der BStU-Außenstelle Frankfurt (Oder).
Rüdiger Sielaff, Leiter der BStU-Außenstelle Frankfurt (Oder). FOTO: Patrick Pleul / dpa
Cottbus. Vortrag über Stasi-Einfluss auf Cottbuser Gesundheitswesen überfüllt das Stadtmuseum. Von Stephan Meyer

„Einen Platz in der ersten Reihe haben wir noch“, rief Steffen Krestin am Dienstagabend im Vorlesungsraum des Stadtmuseums in die Runde. Mittlerweile hatte der Museumsleiter mit seinen Kollegen alle verbliebenen Sitzgelegenheiten bereitgestellt. Auch im Vorraum war das Gedränge groß, dass viele stehen bleiben mussten. Grund für den Ansturm war ein Vortrag über den Einfluss der Stasi auf das Cottbuser Gesundheitssystem zu DDR-Zeiten. Vortragender war Rüdiger Sielaff, Leiter der Frankfurter Außenstelle des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (BStU). Er belegte mit Zitaten aus Akten von 1988, wie damals Ärzte die Arbeitssituation im Bezirkskrankenhaus Cottbus empfanden. Das hätte einem Feldlazarett geglichen. Verbandsmaterial, OP-Nadeln, Röntgenfilm, Bleischürzen oder Zahngold – an vielen Ecken habe Grundlegendes gefehlt.

Vielen Besuchern des Vortrags war die damalige Situation vertraut. „Genauso war das damals“, kommentierten ehemalige Mediziner Sielaffs Schilderungen. Nach aktenkundigen Einschätzungen von Ärzten habe das DDR-Gesundheitssystem Ende der 80er-Jahre der BRD 20 Jahre hinterher gehangen. „Das war noch eine sehr optimistische Einschätzung“, so der Stasi-Experte. Doch bereits zu Beginn machte er deutlich: Im Vergleich zu anderen sozialistischen Ländern habe das Gesundheitssystem der DDR zu den besser entwickelten sozialen Strukturen gehört. „Trotz und nicht wegen des Sozialismus haben die Mediziner gute Arbeit geleistet.“

Wie andere Bereiche war auch das Gesundheitswesen von der damaligen Mangelwirtschaft betroffen. Um durch Devisen die Staatsschulden zu minimieren, sei die DDR auch im Gesundheitswesen aktiv gewesen, erklärte der Experte. Versuchte der sozialistische Staat zunächst, Medizintouristen anzuziehen, konnte am Ende mehr Geld durch den Export von Blutkonserven eingebracht werden. Damit die Stasi den Überblick über das marode Gesundheitssystem behielt, hatte sie auch Cottbuser Mediziner im Visier. Dazu bediente sie sich vieler inoffizieller Mitarbeiter (IMs). Das überliefern ganze 17 Regalmeter an Akten, die in Frankfurt (Oder) stehen. Laut Sielaff sind 52 Säcke mit von Hand zerrissenem Material noch nicht mal erfasst.

„Doch IM war nicht gleich IM“, erläuterte er. Während einige inbrünstig mit dem Motiv, anderen schaden zu wollen, der Stasi berichteten, gab es auch jene, die unfreiwillig und lustlos ihrer inoffiziellen Mitarbeit nachgingen.

Ein IM der perfideren Sorte hieß „Chirurg“. Er war Sielaff zufolge nicht zimperlich bei der Berichterstattung und nannte Kollegen „dumm“ oder „Waschlappen“. Einem anderen Arzt habe er die medizinische Kompetenz abgesprochen, nur weil er Mundgeruch hatte und angeblich unästhetisch aussah. Wegen seiner Berichte wurde sogar eine Blumenhändlerin inhaftiert. „Chirurg“ sei sich andererseits nicht zu schade gewesen, Anabolika unter der Hand in der Gaststätte Stadttor zu verkaufen, was aus Aufzeichnungen anderer IMs hervorgehe. Aber nicht alle Kontaktaufnahmen der Stasi hätten funktioniert, wie Sielaff an einem Beispiel belegte. So habe die Stasi 1976 versucht, 15- bis 17-jährige Schwesternschülerinnen der Medizinischen Fachschule anzuwerben. Zwar hätten diese zugesagt, jedoch nie etwas berichtet, weshalb eine weitere Mitarbeit später abgelehnt wurde. „Ich hoffe, sie sind gute Krankenschwestern geworden“, kommentierte der Leiter der BStU-Außenstelle deren couragierte Entscheidung.

Anhand vieler Beispiele erklärte Sielaff auch, warum viele Cottbuser Ärzte Ende der 1980er-Jahre das Weite suchten. Weil ein Mediziner zu einer gesellschaftlichen Veranstaltung zu Hause nicht geflaggt hatte, bekam er einen negativen Eintrag, woraufhin er eine Dienstreise in den Westen nicht antreten durfte. Bei der nächsten Reise entschloss er sich, wegen der Gängelung nicht mehr zurückzukehren. Doch trotz aller Widrigkeiten hätten sich die Patienten im Gesundheitssystem aber gut aufgehoben gefühlt, so Silaffs Fazit am Ende des Vortrags.

Wegen des sehr großen Interesses will er in circa vier Wochen sein Referat wiederholen. Das Datum wird noch bekanntgegeben.