Noch heute zweigt ein steingepflasterter Weg von der Dresdner Straße/Madlower Hauptstraße, unmittelbar an der einstigen Grenze von Cottbus und Madlow, nach Osten in den früheren Madlower Wald. Er führt die Bezeichnung „Waldweg“ , obwohl er nur als Zufahrtsweg zum Walderholungsheim diente. Am 11. Mai 1908 hatte die Cottbuser Heilfürsorge für Kinder dieses städtisch betriebene Walderholungsheim erhalten.
Das war eine weitsichtige Entscheidung, die beispielhaft in der preußisch-brandenburgischen Provinz war. Die Entwicklung der niederlausitzer Tuchindustrie hatte besorgniserregende Tuberkulose-Gefahren heraufbeschworen. Im Ergebnis dazu wurde schon im Jahr 1900 die Lungenheilstätte Kolkwitz eingerichtet. Doch was sollte mit den ständig sich vermehrenden Anzeichen gesundheitlich unterentwickelter Kinder werden? Die seit dem Jahr 1899 wirkenden Cottbuser Schulärzte forderten eine Erweiterung der vorbeugenden Maßnahmen bei der Schuljugend. Unter diesen Anstrengungen entstand das Walderholungsheim, zumal auch Cottbuser Persönlichkeiten wie zum Beispiel der Stadtverordnete und Tuchfabrikbesitzer Grüne baum forderten, „unsere Jugend mehr als das jetzt der Fall ist in engere Fühlung mit der Natur zu bringen“ . Da städtischerseits größtmögliche Unterstützung gewährt wurde und der Cottbuser Heilstättenverein manche finanzielle Spende sowie materielle Zusage wie zum Beispiel von den Ziegeleien erhielt, ging der künftige Betreiber im Frühjahr 1907 zum Handeln über. So erfolgte der Bau des Walderholungsheimes als Pendant zur Kolkwitzer Heilstätte für über 63 000 Mark.
Womit allerdings niemand gerechnet hatte, war, dass sich die Madlower Waldbesitzer über den Bau beim Bezirksausschuss Frankfurt/Oder beschwerten, da sie darin eine Beeinträchtigung ihrer Handlungsfreiheit beim Einschlag sahen. Die Antwort vom 12. Februar 1912 lautete, dass der Stadtgemeinde Cottbus das Enteignungsrecht gemäß Paragrafen 32, 34 des Gesetzes vom 11. Juni 1874 „zur Errichtung einer Waldschule und eines Beamtenerholungsheimes verliehen“ wurde. Diese Aussage genügte, um den Bau einzuleiten, zumal er repräsentativ unterlegt wurde: eine Stiftung anlässlich der Silberhochzeit des Kaiserpaares. Die Ausführung übertrug Stadtbaurat Richard Bachsmann seinem Stadtbaumeister Georg Nippert. Dieser wirkte bereits sachkundig und mit Geschick an anderen Bauten der Stadt und zeichnete sich, trotz des in Mode gekommenen Jugendstils, an der Beibehaltung der Gotik bei Anwendung des großformatigen Backsteines aus. Diese Baukunst an den Bauten des Südfriedhofs demonstriert, übertrug er auf das Walderholungsheim. Als zweigeschossiger Längsbau mit vorgesetztem risalitartigem Vorbau, der als Dreiecksgiebel abschloss, reihten sich zahlreiche der Gotik entlehnte Fenster an der Erdgeschosszone entlang. Schon äußerlich war sichtbar, dass hier die gemeinschaftlichen Aufenthaltsräume waren, während „unter dem Dach“ die Schlafsäle lagen. Das Grundstück, bei Beibehaltung des Kiefernbestandes, war von einem hohen Drahtzaun gesichert, der demonstrativ durch ein ein Walmdach tragendes Portal durchbrochen war. Bei seiner Weihe mit Persönlichkeiten der Stadt und Fürsorgeeinrichtungen, wie Waisenhäuser, Landarmen- und Invalidenhäuser, demons trierte bereits ein solches Walderholungsheim die Richtigkeit der Entscheidung. Bedauerlich war, dass Stadtbaumeister Nippert dafür kaum gedankt wurde.
Für die Betreiber des Walderholungsheimes zeigte sich bald, dass die Einrichtung Mängel hatte. So sicherte der Enteignungsbeschluss des Bezirksausschusses Frankfurt/Oder vom 22. Mai 1913 mit dem Drängen von Stadtarzt und Stadtschulrat bei der körperlichen Kräftigung schwächlicher Schüler baldigst die Vervollkommnung des erholsamen Aufenthalts der Jugendlichen zu. So konnten am 9. August 1920 zwei Baracken zur Ganztagsbetreuung und zum Schulunterricht für 60 erholungsbedürftige Kinder übergeben werden.
Walderholung und schulische Betreuung traten immer mehr in den Mittelpunkt, was seinen Niederschlag im Bau eines massiven Waldschulgebäudes fand. Am sonnigen Nachmittag des 23. August 1929 konnte der Stadtschulrat vor zahlreichen Ehrengästen erklären: „Für 52 000 Bau- und 18 800 Reichsmark Inventarkosten konnten vier Klassenräume, das Lehrerzimmer und die Küche mit Speisesaal eingerichtet werden.“ Der Leiter der neuen Waldschule gegenüber dem Walderholungsheim sagte in seiner Festrede: „Die Vorteile des Freiluftlebens ohne die Nachteile der Unterbrechung des regelmäßigen Unterrichts für 100 Schüler sind jetzt Alltäglichkeit.“
Bald jedoch hatte die Jugenderholung ihr Ende. Die Nazis „kassierten“ den Komplex für ihre Zwecke ein. Die Reste der Waldschule montierten Madlower Bauern ab und konnten davon wenigstens ihre aus dem Zweiten Weltkrieg 1939/45 übrig gebliebenen Ruinen wieder ausbauen.