Wenn Peter Wingrich an der Eule-Orgel sitzt, hinter sich das riesige Kirchenschiff der Oberkirche St. Nikolai, und der Königin der Instrumente mal gewaltige, mal romantische Klänge entlockt – dann ist er in seinem Element. Wenn er dann noch „seine“ Chöre dirigieren kann, im Büro direkt unter der Orgel an neuen Programmen bastelt, die möglichst etwas Überraschendes bieten und auch neues Publikum anziehen, dann fühlt er sich am richtigen Platz.
Seit Kurzem ist der 48-Jährige nicht mehr „nur“ Kirchenmusiker und Kreiskantor, sondern auch Kirchenmusikdirektor. Ende April bekam er diesen Titel von der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz verliehen – wegen der Corona-Pandemie nur als Schriftstück. Die feierliche Verleihung wird nachgeholt: in einem Lausitzgottesdienst am 13. Dezember mit Generalsuperintendentin Theresa Rinecker.

Lange um den Titel bemüht

Rund drei Jahre lang hatten sich die Evangelische Kirchgemeinde St. Nikolai und der Evangelische Kirchenkreis Cottbus um den Titel für Peter Wingrich bemüht, berichtet Pfarrer Uwe Weise – auch Generalsuperintendent i.R. Martin Herche und Nachfolgerin Theresa Rinecker waren mit im Boot. Damit soll das „bedeutende kirchenmusikalische Engagement“ von Wingrich gewürdigt werden. Denn die Oberkirche St. Nikolai ist nicht nur die größte Kirche in Cottbus und der Niederlausitz, sondern auch „das herausragende kirchenmusikalische Zentrum der Region“, so Weise, das auch die „kulturelle Vielstimmigkeit der Stadt“ bereichere.
Für Peter Wingrich ändert sich durch den Titel in seiner Arbeit nichts, „auch nicht finanziell“, wie er schmunzelnd betont, „aber es ist natürlich eine große Ehre und Anerkennung. Ich habe mich gefreut“, sagt er in seiner bescheidenen Art. Damit ist er neben Hansjürgen Vorrath in Guben der einzige Kirchenmusikdirektor (KMD) der Niederlausitz, weitere gibt es laut Pfarrer Weise in Jüterbog, Frankfurt (Oder) und Görlitz. Auch Wingrichs Vorgänger an der Oberkirche, Wilfried Wilke, trug den Titel.

Zu den Wurzeln zurückgekehrt

Als dessen Stelle vor sieben Jahren frei wurde, schlug Peter Wingrich zu – und kehrte damit zu seinen Wurzeln zurück. Denn der studierte Kirchenmusiker, der zudem noch ein Aufbaustudium im Fach Dirigieren/Orchesterleitung draufgesattelt hatte, war zuvor 13 Jahre lang am Staatstheater Cottbus als Solorepetitor mit Dirigierverpflichtung tätig.
Für diese Aufgabe war er im Jahr 2000 von Halle nach Cottbus gezogen. Am Staatstheater hatte er auch seine Frau Anke, die zufälligerweise ebenfalls aus Halle stammt und Violinistin ist, kennen gelernt. „Doch dann wollte ich mich beruflich verändern – und es hat sogar in Cottbus geklappt“, freut sich der zweifache Familienvater, auf dessen Söhne (15 und 16 Jahre) die Musikliebe mit Posaune und elektronischer Musik abgefärbt hat.
An der Oberkirche fand er ein reiches kirchenmusikalisches Angebot vor, das seit 1998 durch den Freundeskreis Musica Sacra unterstützt wird. Und er bekam den Freiraum, eigene Ideen umzusetzen, die auch in die Stadt ausstrahlen, und baute ein großes Netzwerk auf.

Neue eigene Ideen umgesetzt

Er benannte den Oratorienchor um in Ökumenischen Oratorienchor Cottbus, um ihn auch für andere Glaubensrichtungen zu öffnen. 80 bis 90 Sänger verschiedener Konfessionen singen hier zusammen. Im Chor der Kantorei St. Nikolai sind etwa 40 Sänger aktiv, die zu Gottesdiensten oder beim Weihnachtsliedersingen im Kerzenschein auftreten. „Es ist ein schönes Arbeiten mit den Chören – deshalb ist mein Titel auch eine Ehrung für alle“, so Wingrich.
Seit 2017 treffen sich jüngere Sänger des Oratorienchors zu einem Projektchor und haben schon zwei Jazzmessen aufgeführt. „Denn wir wollen ein möglichst buntes Programm anbieten, das große Oratorienkonzerte enthält, aber auch kleinere Konzerte mit Instrumentalmix oder das Lautenspielertreffen“, beschreibt der Kirchenmusikdirektor, der zudem gern gemeinsam mit seiner Frau in Konzerten auftritt. Als besonders wertvoll schätzt er die Zusammenarbeit mit der Philharmonie Zielona Góra ein – bei zwei Oratorien pro Jahr wirkt das Orchester in Cottbus mit.

Mit neuen Angeboten die Corona-Zeit überbrückt

Die Orgeltage „con organo“ hatte Peter Wingrich gleich am Anfang für den Kirchenkreis auf die Beine gestellt. Aber diese fielen in diesem Jahr wie viele andere Veranstaltungen der Corona-Pandemie zum Opfer. Die Chöre können seit März nicht proben – was den Sängern natürlich fehle. Wingrich blieb nur, mit ihnen und den anderen Musikern des Kirchenkreises per Telefon oder E-Mail in Kontakt zu bleiben. Er musste Konzerte absagen und verlegen.
Und er nutzte die neue Technik, um Grüße an die Gemeinde zu senden. So stellte er Tonaufnahmen mit alten und neuen Orgelwerken ins Netz. Und es wurden Online-Gottesdienste, zum Beispiel zu Ostern, im Internet veröffentlicht.
Nun gehe es langsam wieder los, Gottesdienste sind seit Mitte Mai ­– mit Abstand – wieder möglich.
Ab Juli könnten die Chorproben wieder starten, auch mit rund zwei Metern Abstand zueinander. „Doch das ist schwierig beim Singen, da hören sich die Sänger gegenseitig schlecht“, befürchtet KMD Wingrich. Deshalb überlegt er, vorerst nur mit kleinen Gruppen zu proben.
Die beliebte Orgelmusik zur Mittagszeit hat Peter Wingrich an diesem Dienstag wieder gestartet. Und auf Anhieb kamen 43 Zuhörer.

Die nächsten Veranstaltungen an der Oberkirche St. Nikolai


Die geplanten Veranstaltungen für Juni fallen aus.
Das Orgelkonzert am 4. Juli findet statt, aber hier spielt Peter Wingrich selbst, da Organist Patrick Allen aus New York wegen der Corona-Pandemie nicht anreisen darf: Orgelkonzert „Pastorale - Voluntary - Fantasie“, Musikalische Kleinode aus drei Jahrhunderten mit Werken von J. S. Bach, J. Stanley, F. Mendelssohn Bartholdy, E. Elgar und anderen.
25. Juli: Konzert „Legendäre Filmmusik“ findet statt, eventuelle Änderung in der Besetzung.
15. August: „Sommerliche Serenade“ mit dem Duo Alato (Anke Wingrich ­– Violine, Peter Wingrich – Klavier) findet statt.
Das Konzert „Gospel alive!“ mit dem New Spirit Gospel Choir (Wiesbaden) am 29. August muss leider entfallen.
Das Orgelkonzert „Musik der Spätromantik“ am 12. September findet statt.

Kontakt Kirchenmusikbüro: Tel: 0355 24072