Von Heidrun Seidel

Die Woche vor einer Premiere hat es für alle Theaterleute in sich. So auch an der Neuen Bühne Senftenberg, wenn in diesen Tagen Brechts „Dreigroschenoper“, die eigene Inszenierung des Theaters für die Sommersaison im Amphitheater, ihren Feinschliff erhält. Schließlich soll am Sonnabend zur Premiere alles sitzen.

AMA ist angesagt an diesem kalten Abend am Senftenberger See. AMA, das heißt in der Theatersprache „Alles mit Allem“. Es ist die erste Ablaufprobe einer Inszenierung, in der die Schauspieler in den Kulissen mit Dekoration und in Kostümen und Maske proben. Es ist ein wichtiger Abend für sie, auch wenn er eisig daherkommt und die Sehnsucht nach einem milden Sommerabend zur Premiere befördert.

Text und Musik sitzen nach vielen Wochen Arbeit schon recht gut. Dennoch: Das Stück um die konkurrierenden Londoner Unterweltler Jonathan Peachum und Mackie Messer ist eine Herausforderung. Es hatte nicht nur den 30-jährigen Bertolt Brecht und den 28-jährigen Kurt Weill nach seiner Uraufführung 1928 über Nacht berühmt gemacht, und mit der Mackie-Messer-Moritat, der Seeräuber-Jenny, dem Kanonensong und vielen anderen Liedern zeitlose Ohrwürmer in die Welt gesetzt. Es ist auch unzählige Male aufgeführt worden und hat somit Erwartungen produziert. An die singenden Schauspieler wie auch an die optische Ausstrahlung.

Dieser Probenabend ist also auch ein wichtiger Abend für Barbara Fumian. Sie hat das Bühnen- und Kostümbild, das ihre Kolleginnen aus Maske, Schneiderei und den anderen Gewerken umgesetzt haben, entworfen. Heute zeigt sich, wie das, woran seit Monaten gearbeitet wird, zusammenspielt.

Schon im November hatte die freiberuflich arbeitende Ausstatterin den Entwurf fürs Bühnenbild dem Senftenberger Intendanten Manuel Soubeyrand, der Regie in der Dreigroschenoper führt, vorgelegt, und kurz vor Weihnachten fanden sich alle Beteiligten zur Bauprobe zusammen. Auf der wird der Entwurf auf seine Machbarkeit geprüft. Bald darauf haben die in ihrem Ablauf genau geplanten und aufeinander abgestimmten Arbeiten in den Werkstätten begonnen.

Nun also die AMA: Die Amphitheater-Bühne wird von einem Riesen-Clownsgesicht mit weit aufgerissenem Mund, der den legendären roten Theatervorhang umschließt, beherrscht. Seine Augen sind beweglich, und die vermeintlichen Haare stehen wie spitze Dreiecke zu Berge. „Ich habe mich von Erinnerungen an einen Eingang zu einem Luna-Park inspirieren lassen“, erklärt Barbara Fumian ihre Gestaltung. „So etwas Zirkus-Jahrmarkthaftes sollte es sein.“ Üppig, aber auch noch sichtbares Amphitheater. „Ein bisschen Zirkus – und wir sind alle mittendrin.“

Bühnenbild und Kostüme unterstützen die Show, ordnen die Handlung räumlich und zeitlich ein. Kräftiger Einsatz des Kajalstiftes in den Gesichtern erinnern an die Zeit des Stummfilms. Auch Gauner in schmuddeligen, wuchtigen Nadelstreifen und mit zotteligen Haaren beschreiben ebenso wie der Pelzkragen des korrupten Polizeichefs Tiger Brown (Daniel Borgwardt) das Milieu. Das ist in der Entstehungszeit der Dreigroschenoper, den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts in Londons Unterwelt angesiedelt, auch wenn The Beggars Opera von John Gay, auf der die Dreigroschenoper fußt, viel früher spielt. Die Erkenntnis, „erst kommt das Fressen, dann die Moral“, ist schließlich zeitlos.

Das Bühnenbild offenbart das Milieu auf den ersten Blick: Da ist das Haus der Peachums mit einem Fundus an verschlissenen Kleidern. Diese lassen Bettler so erbarmungswürdig aussehen, dass sie auch in hartherziger Zeit das Mitleid der Menschen erwecken. Eine andere Szene spielt in einem Pferdestall, den Macheath‘ Bande mit geklauten Möbeln und brutal ergaunertem Mahl zur Hochzeitstafel herrichtet. Auch das Hochzeitsbett, von dem aus die – gegen den Willen ihrer Eltern – frisch vermählte Polly Peachum ihren Mackie Messer und den Mond über Soho anhimmelt. Und schließlich soll die relativ kleine Amphitheaterbühne auch noch ein düsteres Londoner Gefängnis hergeben.

Für das Amphitheater hat sie zum ersten Mal das Bühnenbild entworfen. In Senftenberg aber ist sie längst keine Unbekannte mehr. Die Münchnerin, die auch Sendungen im Bayrischen Rundfunk in Szene setzt, hat schon öfter in der Lausitz Spuren hinterlassen: „Der gestiefelte Kater“ (Weihnachtsmärchen von 2014), „Angstmän“, „Ewig jung“, „Aladin und die Wunderlampe“ (Weihnachtsmärchen 2017) tragen ihre Handschrift, ebenso wie Teile des Stürme-Spektakels 2018/19.

Barbara Fumian, die am Mozarteum in Salzburg Bühnen- und Kostümbild studiert hat, arbeitet an Theatern von Lübeck bis Wien, von Chemnitz bis Vorpommern, im Musiktheater, Ballett oder Schauspiel. Nach Senftenberg komme sie allerdings immer wieder gern. Sie mag die Aufgeschlossenheit des gesamten Teams. „Wenn ich Änderungen wünsche, heißt es nie: Das geht nicht“, beschreibt sie das Miteinander.

Es werde immer versucht, trotz finanzieller Zwänge das Beste rauszuholen. Diese Mentalität wird auch in den nächsten Tagen noch gefragt sein. Schließlich hat die AMA noch einiges aufgedeckt: Da sind Mackie Messer (Tom Bartels) die Schuhe zu groß und die Weste zu weit. Jonathan Peachums (Erik Brünner) Maske erscheint dem Regisseur zu künstlich im Vergleich zu seiner Frau (Hanka Mark), und Jennys (Catharina Struwe) Kostüm will er etwas weiblicher. Lucys (Anja Kunzmann) Kleid sollte noch schmuddeliger aussehen und über Pastor Kimballs (Heinz Klevenow) Watton-Bauch soll sich der Frack noch einen Knopf mehr schließen lassen. Und Filch (Sebastian Volk) fühlt sich mit seinem angemalten Gesicht gar nicht wohl.

Dann ist da noch die Sache mit dem Hochzeitstisch, dem leuchtenden Mond und dem Strick, an dem Mackie Messer hängen soll. Doch die versierte Ausstatterin sieht es gelassen, dass nur noch wenige Tage bis zur Premiere bleiben. Alles zu schaffen, sagt sie. „Wir werden bis zur Premiere weiter an den Feinheiten feilen.“


Mit der Premiere der Eigeninszenierung der Dreigroschenoper eröffnet die Neue Bühne Senftenberg die Saison im Amphitheater am Senftenberger See am 25. Mai 2019 um 19.30 Uhr. Weitere Vorstellungen am 1., 9., 21. und 22. Juni und am 22. und 23. August, jeweils um 19.30 Uhr. Karten gibt es in den üblichen Vorverkaufsstellen, auf der Theaterwebsite www.theater-senftenberg.de, im Besucherzentrum in der Theaterpassage oder Tel.: 03573 801286.