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| 02:34 Uhr

Von bunten Grautönen und Gästen auf Tafeltüchern

Marion Stendel und Günther Rechn geben den Bildern Rahmen.
Marion Stendel und Günther Rechn geben den Bildern Rahmen. FOTO: Igel
Cottbus. Der Maler Günther Rechn wird am morgigen Freitag 70. Seine große Ausstellung im Cottbuser Rathaus ist seit dem 6. März zu sehen. In dieser Woche nun tigerte er unruhig durch die Galerie Haus 23 in der Cottbuser Marienstraße. Hier wird er mit einer Grafik-Ausstellung den Geburtstag feiern. Annett Igel-Allzeit

Der geschwungene, muskulöse Rücken, die langen, weit ausgebreiteten Hörner, das urige Braun, das ein wenig Weiß schneller, etwas Rosa mild und blaue Flecken verletzlich macht. "Und sie sind so friedlich", sagt Günther Rechn, neigt den Kopf vor dem Maremmaner Stier, um von den Rindern der Toskana und ihrer genetischen Nähe zu den Auerochsen zu erzählen. Er weiß nicht, wohin mit seinen Händen, schiebt sie immer wieder zum Ruhigwerden in die Hosentasche oder geht mit ihnen rauchen. Malen, Sehen, Zeichnen - mit 70 fühlt sich Günther Rechn herrlich produktiv.

Marion Stendel und Birgit Dvorak schneiden Pappen, schieben die Grafiken in Rahmen, messen Abstände, lassen Haken schnipsen. An der Wand stehen manche Bilder Kopf. Günther Rechn ist dankbar dafür und dreht sie auf die Füße. Es war ihm wichtig, neben der großen Schau auch in der Marie mit seinen Bildern zum Geburtstag aufzutauchen. "Ich liebe das Ambiente hier und wie es dazu kam", sagt er. Heute muss er nur festlegen, wie die Grafiken und Lithografien, Aquarelle und Radierungen zueinanderstehen sollen. Er blinzelt durch die milchigen Fenster, verirrt sich in den Balken und erklärt: "Bei euch hier gibt es keinen einzigen rechten Winkel." Zufrieden streicht er über den kleinen Ausstellungskatalog: Kater Felix hat es mit seiner Gelassenheit aufs Cover geschafft und hinten ist noch einmal sein verschmitztes Lächeln - ein frecher Abgang. "Von klein auf bin ich immer von Viechern umgeben." Er muss nicht in ein Gestüt fahren, um ein rassiges Pferd zu zeichnen. "So etwas habe ich im Kopf", sagt Rechn. Verkniffene Affen, ein glotzender Bär, das hässliche Vogelkind, die tote Turteltaube, die auf dem Balkon die Füße in den Himmel streckt, der stolz stinkende Steinbock.

"Alles, was bei mir groß und farbig wird, habe ich zuerst auf Papier skizziert und ausprobiert. Es gibt sogar Phasen, in denen ich nur zeichne", sagt Günther Rechn. Landschaften und Häuser in der Toskana, die Winkel der Gassen. Die Miniatur-Porträts von seiner Frau und sich hat er mit der Kaltnadel auf einer Zigarrenschachtel vollendet. Sie guckt kokett, er wilde. Menschen herausgefordert und herausfordernd. Ruhige Akte und toll verknäulte Liebespaare - "andere nennen das Schweinkram", flüstert er. Wenn er zeichnet, vermisst er die Farben nicht. "Zwischen Schwarz und Weiß gibt es viele Grautöne", sagt er. Außerdem gibt es grünes Papier.

Und es gibt Tischtücher mit Falten und Rotwein-, Tee- und Kaffeeflecken. Aus solch einem Tafeltuch hat Rechn ein wunderbares Kunstwerk geschaffen. Gleich im Erdgeschoss begrüßt es die Besucher. Er hat zwischen und auf die Flecken Gesichter gemalt, von Menschen, die kamen, an diesem Tischtuch saßen, aßen und tranken, lachten, diskutierten und gingen. Auch Hund Tito springt mehrfach darauf herum - ein neugieriger Kerl eben.

Eröffnet wird die Ausstellung am morgigen Freitag um 18 Uhr unter dem Titel "… längst keine Retrospektive". Besucht werden kann sie bis zum 3. Mai immer donnerstags bis samstags von 18 bis 22 Uhr. Und ob Kunstfreunde erst durch "Licht und Schatten" im Rathaus schlendern und dann die Marie besuchen oder umgekehrt, das ist Günther Rechn egal. Eine kleine Wiedersehensfreude gibt es immer.