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| 16:46 Uhr

Cottbus früher & heute
Vom Zoll, von Pferden und einem alten Hof

Zum Zeitpunkt der Aufnahme hatte der Hof bereits eine Geschichte hinter sich.
Zum Zeitpunkt der Aufnahme hatte der Hof bereits eine Geschichte hinter sich. FOTO: Sammlung Krause
Cottbus. Stadthistorikerin Dora Liersch erzählt die Geschichte der heutigen Berliner Straße 130 anhand einer Postkarte aus der Sammlung von Hans Krause. Von Dora und Heinrich Liersch

Es war einmal ... – So könnte die Geschichte zur Nutzung dieses Grundstückes anfangen. Es gab zur Mitte des 19. Jahrhunderts in Cottbus in der Lieberoser Straße ein Grundstück, das als Packhof diente. In solchen Packhöfen mussten die Waren, die in einem Zollbereich aus- oder eingeführt werden sollten, kontrolliert und die vorgeschriebenen Zölle oder Steuern gezahlt werden. Aus dem Jahre 1842 hat sich sogar eine Zollhof-Ordnung für den Cottbuser Packhof erhalten. Da im Jahre 1853 der Pachtvertrag für die Örtlichkeiten als Packhof auslief, die Räumlichkeiten ohnehin zu klein geworden waren, mussten sich die Cottbuser Kauf- und Handelsleute umsehen, wo sie einen günstigen Ort finden.

Cottbus hatte noch keinen Eisenbahnanschluss, obwohl gerade die Fabrikanten, die Kauf- und Handelsleute schon längst den Nutzen, gerade was den Transport von Waren anbetraf, erkannt hatten. Aus diesem Grund war von ihnen eine Pferdeeisenbahn angeregt worden, die Cottbus mit Goyatz am Schwielochsee verband. Pferde liefen zwischen den Gleisen und zogen die Frachtwagen, die auf Schienen natürlich besser rollten als auf Sandwegen. Mit dem Chausseebau war man noch lange nicht so weit. In Goyatz konnten die Waren auf Schiffe umgeladen und auf dem Wasserwege weiter transportiert werden (über Spree, Havel, Elbe nach Hamburg und weiter). Seit dem 24. Juni 1846 bestand diese Verbindung einer Pferdeeisenbahn. Natürlich hatte die Kaufmannschaft weiter gedacht und gehofft, dass „ihre“ Strecke mal als feste Trasse ausgebaut würde. Wie wir wissen, geschah das leider nicht.

Da das Grundstück neben der Cottbus – Schwielochsee-Pferdeeisenbahn an der damaligen Berliner Chaussee noch frei war, erlaubte die königliche Regierung die Verlegung des Packhofs neben die Pferdeeisenbahn mit der Auflage, zunächst einen größeren Lagerraum zu bauen. Die interessierten Kaufleute finanzierten Ankauf und Bau. Auf alten Stadtplänen ist der „königliche Packhof“ eingezeichnet. Mit der Eröffnung der Berlin-Cottbuser- (Görlitzer) Eisenbahn 1866 und 1867 sowie weiterer Strecken hatte die Pferdeeisenbahn keine Chance mehr, weiter zu bestehen. Mit Genehmigung der preußischen Regierung, durfte der Betrieb dieser Bahn eingestellt werden. Am 18. April 1879 war Betriebsschluss für die Cottbus – Schwielochsee-Pferdeeisenbahn.

Heute erinnert so gut wie nichts mehr an den einstigen Packhof.
Heute erinnert so gut wie nichts mehr an den einstigen Packhof. FOTO: Liersch Dora und Heinrich / Dora und Heinrich Liersch

Die Steuerexpedition befand sich noch auf dem Packhofgelände. Erst nach dem zweiten Antrag wurde einer Verlegung der Behörde auf den Cottbuser Hauptbahnhof (damit entfiel der Transport der zu verzollenden Waren vom Bahnhof zum Packhof und zurück) genehmigt.

Im Jahre 1900 soll Richard Koppe das Grundstück, damals Berliner Straße 92, mit den darauf befindlichen Gebäuden gekauft und seine Firma gegründet haben. Im Cottbuser Adressbuch von 1905 gibt es eine umfangreiche Firmenwerbung: „Stabeisen und U-Träger und Baumaterialien – Engros. Grösstes Lager am Platze. Eisenbleche, Zink- und Weissbleche, Gasröhren und Fittings, Kesselröhren, Lagermetalle, Löt- und englischer Zinn, Eisenträger und Eisenbahnschienen. Baumaterialien: Zement, Gips für Stuck und Putz, Stück- und Zementkalk, Buchwäldchener Klinker, Chamottsteine. Verzinktes Drahtgeflecht vier- und sechseckig. Werkzeuge für Schlosser, Schmiede, Installateure. Hauptgeschäft: Berliner Straße 92, Filiale: Spremberger Straße 35.“ Die Filiale in der Spremberger Straße hatte Richard Koppe schon vor dem Ersten Weltkrieg aufgegeben, dafür aber sein Angebot in der Berliner Straße vergrößert. Stall- und Fabrikfenster, eiserne Bausäulen, Kanalisationsartikel, Sanitäts-Utensilien und weitere Waren. In einer Werbeanzeige von 1923 schreibt der Firmeninhaber: „Aus kleinen Anfängen ist die Firma zu einer der ersten ihrer Art in der Lausitz geworden, an Stelle des alten Bürohauses der Cottbus – Schwielochsee-Eisenbahngesellschaft steht heute ein im schönen Barockstil ausgeführtes Verwaltungsgebäude und weit über die engen Grenzen der Heimat reichen heute die geschäftlichen Beziehungen der Firma Richard Koppe Eisenhandlung G.m.b.H.“

Schaut man sich das Verwaltungsgebäude genauer an, vor allem die vielen Bauanträge zwischen 1900 und 1923, die stichpunktartig im Stadtarchiv liegen, so muss man feststellen, dass Richard Koppe etliche tüchtige Architekturbüros und Baufirmen beschäftigte, ehe sein Haus so ausschaute, wie er es 1923 beschrieben hat: Dümpert & Haucke, Hermann Pabel & Co, vor allem aber Schmidt & Arnold. Bei den Nebengebäuden waren auch noch August Patzelt, Paul Sack und Wilhelm Meyer tätig.

Die alte Postkarte stammt aus der Zeit um 1931. Nach 1945 befand sich auf dem Grundstück, inzwischen Berliner Straße 130, die Geschäftsleitung des Versorgungskontors für Maschinenbauerzeugnisse, aber meist auch noch Mietwohnungen im sogenannten Kontorhaus. Nach 1990 waren dann verschiedene Firmen auf dem Grundstück ansässig, beispielsweise die Avis Autovermietung, eine Rentenberatung & -berechnung, Geomedia Ing Ges für Vermessung u. Projektier m.b.H., eine Versicherungsvermittlung und auch die MVG-Maschinenbau-Vertr. G.m.b.H.. Die alten Packhofgebäude, wenn auch ein wenig umgebaut, verfielen.

Das „Ingenieurbüro Hussock“ erwarb 2004 das Grundstück mit allen Baulichkeiten. Inzwischen sind diese umfangreich umgebaut und saniert, auch für Wohnzwecke neu gebaut worden. An die Firma von Richard Koppe erinnert nichts mehr, an den Packhof aber noch die Fassadengestaltung des großen Warenspeichers im Hintergrund des Grundstücks und des Vergleichsfotos.