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Vom Stadtplan verschwunden

In der Großenhainer Straße 2h befand sich das Medico-Mechanische Institut von Carl Thiem.
In der Großenhainer Straße 2h befand sich das Medico-Mechanische Institut von Carl Thiem. FOTO: Sammlung Krause
Cottbus. Die Cottbuser Heimatforscherin Dora Liersch erzählt die Geschichte einer verschwundenen Häuserzeile, die eng mit Carl Thiem verbunden war. Zum Vergleich hat sie eine historische Postkarte aus der Sammlung von Hans Krause. Dora Liersch / dli9

An diese Häuserzeile wird sich kaum noch jemand erinnern können, denn es gibt sie seit Jahrzehnten nicht mehr. Einziger Anhaltspunkt ist der Altbau der heutigen Vetschauer Straße 14, an der Ecke Räschener Straße. Die abgebildeten Häuser standen aber am Anfang der Vetschauer Straße, die von der Thiemstraße nach Westen abzweigte, mit den Hausnummern 1 bis 3. Durch den Bau des neuen Bahnhofsgebäudes südlich der Gleise, sowie dem Bau des Stadtrings ist der erste Teil der Vetschauer Straße ebenfalls weiter nach Süden verlegt worden.

Nur durch den Vergleich von Stadtplänen lässt sich der einstige Standort der Gebäude heute noch feststellen. Sie würden fast nördlich der Straßenbahngleise der Linie 1 noch vor der Haltestelle Hauptbahnhof stehen.

Die Postkarte ist zum Beginn des 20. Jahrhunderts hergestellt worden. Sie zeigt eine private medizinische Einrichtung, die große Bedeutung für Cottbus hatte. Sie hängt mit dem Namen Carl Thiem eng zusammen. Dieser Arzt, 1850 in Nikolsschmiede im Kreis Sagan geboren, nahm nach dem Abitur sein Medizinstudium in Greifswald auf. Danach war er in Prag, Berlin, Wien und Greifswald als Arzt tätig. Im Jahr 1877 kam er nach Cottbus, wo er sich selbstständig machte. Seine Spezialgebiete waren die Gynäkologie und die Chirurgie. Gemeinsam mit dem praktischen Arzt Dr. Gustav Kühn eröffnete er im Juni 1885 die Chirurgisch-Gynaekologische Privat-Klinik in der Mühlenstraße 356 (die spätere Mühlenstraße 29 bis 31, zuletzt Wichernhaus).

Thiem erkannte bald, dass die medizinische Versorgung der Cottbuser Bevölkerung nicht ausreichte. Sein großer Traum, in dieser aufstrebenden Stadt: ein richtiges Krankenhaus, um den Menschen umfassend zu helfen. Zumal durch die Industrie mit den vielen Maschinen, aber auch im Bergbau die Unfälle und damit die zahl der Patienten zunahm. Thiem befasste sich deshalb mit der Unfallchirurgie. Nur fünf Jahre nach Eröffnung der Klinik in der Mühlenstraße hatte er in der damaligen Großenhainer Straße 2 h ein passendes Haus durch den Maurer- und Zimmermeister Oskar Mittag errichten lassen, das zum 1. November 1890 als Medico-Mechanisches-Institut festlich eingeweiht werden konnte. Dieses Institut, natürlich ein rein privates Unternehmen von Carl Thiem, war auf das Praktischste eingerichtet. In einem Haus befanden sich solide eingerichtete Räume für die Patienten, von denen bereits 60 allein aus dem Bezirk der Knappschaftsgenossenschaff / Halle benötigt wurden.

Die Genossenschaft hatte sich auch an Thiem gewandt, um eine dementsprechende Klinik zu errichten. In einem Anbau zu ebener Erde befand sich ein "vierpferdekräftiger Dampfmotor", aber auch die Wohnung des Inspektors, sowie ein Rauch-, Lese- und Esszimmer für die Kranken. Eine Treppe aufwärts lag der Maschinensaal mit seinen vielen medizinisch-mechanischen Apparaturen.

Carl Thiem plante, die Bettenzahl auf 100 zu erhöhen, denn bis dato waren seine Patienten in vier verschiedenen Kliniken untergebracht. Neben Carl Thiem als Leiter der Anstalt waren Dr. Fischer als Oberarzt und Dr. Palmgreen als Assistenzarzt, Herr Wallenburg als Inspektor, Wilhelm Kulisch als Masseur und zwei Krankenwärter für dieses Haus angestellt. Die Einweihungsfeier begann um 15 Uhr. Dazu gab es Reden, wie im "Cottbuser Anzeiger" vom 4. November 1890 nachzulesen ist. Die offizielle Feier endete um 17 Uhr, aber bis 19 Uhr saß man noch bei einem Imbiss zusammen. Dann wurde für die Patienten eingedeckt, aber die Herrschaften blieben länger. Natürlich gab es auch den Hinweis, dass ebenso für Gesunde eine medico-mechanische Behandlungsweise zu empfehlen sei, besonders für Berufsarten, bei denen die geistige Arbeit in keinem Verhältnis zur körperlichen Bewegung stehe.

Aus dem westlichen Teil der Großenhainer Straße wurde wenige Jahre später die Vetschauer Straße und das Institut bekam die Hausnummer 3. Als Thiems Traum von einem Krankenhaus wahr wurde, stand fest, dass seine Privatkliniken in dieses Krankenhaus - der Vereinigten Städtischen und Thiemschen Heilanstalt integriert werden. Diese wurde am 27. Juni 1914 eingeweiht.

Die in Thiemschen Besitz befindlichen Häuser hatte die Stadt bereits 1910/1911 aufgekauft, um sie später weiter zu veräußern. Der Chefarzt des neuen Städtischen Krankenhauses, Geheimer Sanitätsrat Professor Dr. Carl Thiem, verstarb im Jahr 1917. Was würde Carl Thiem wohl zu den heute bestehenden vielen Reha-Kliniken und Fitness-Centern sagen? Mit Sicherheit, hätte er noch weitere Vorschläge zur Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung zu machen.