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| 02:33 Uhr

Vom ewigen Eis an die Hochschule

Gerold Noack auf dem Ritscher-Gipfel. Er und sein Begleiter Wieland Adler waren 1991 die ersten Menschen auf dem Berg.
Gerold Noack auf dem Ritscher-Gipfel. Er und sein Begleiter Wieland Adler waren 1991 die ersten Menschen auf dem Berg. FOTO: Wieland Adler
Cottbus. Die Tage um Weihnachten und den Jahreswechsel sind die Zeit der Überraschungen. Darum will die RUNDSCHAU täglich in einer Serie mit heimlichen Geschichten aus Cottbus und Umgebung überraschen. Schon gewusst, dass ein Cottbuser vor 25 Jahren in der Antarktis überwinterte? Peggy Kompalla

Die Haare sind weniger geworden. Ansonsten strahlt Gerold Noack noch immer die jugendliche Spannkraft von einst aus. Würde er noch mal losfahren? "Nein", sagt er entschlossen und schiebt nach: "Der Familie wegen." Ginge es nur um die Sache, wäre er vermutlich wieder dabei. Doch auf die Liebsten will er nicht noch einmal anderthalb Jahre verzichten. Der BTU-Professor für Geodäsie ist der einzige Cottbuser, der in der Antarktis überwintert hat. Das ist 25 Jahre her. Damit nicht genug: Fast auf den Tag genau 80 Jahre nachdem Amundsen den Südpol erreichte, setzte Gerold Noack gemeinsam mit Wieland Adler als erster Mensch seinen Fuß auf den Ritscher-Gipfel.

Der Berg reckt sich aus dem ewigen Eis der Ost-Antarktis in eine Höhe von 2790 Metern. "Es ist schon etwas Besonderes, wenn man sagen kann, das man als erster seinen Fuß dorthin gesetzt hat, wo Millionen Jahre noch kein Mensch war", sinniert Professor Dr.-Ing. Gerold Noack. "Erstbesteigungen - so etwas gibt es doch heute kaum noch. Selbst der Mount Everest ist längst zertrampelt." Er sitzt in seinem Büro auf dem Sachsendorfer Campus. "Die letzten Meter waren schon ziemlich steil", erinnert er sich und gibt zu: "Ohne die Hilfe von Willi hätte ich das nicht geschafft."

Im Gipfelbuch verewigt

Willi - das ist der Vermesser Wieland Adler. Der Bergsteiger gehörte zum vierköpfigen Team, das in der Station Georg Forster in der Schirmacheroase in der Ost-Antarktis überwinterte. Die beiden Männer hatten sich am 17. Dezember 1991 auf den Weg gemacht - von 4 bis 21 Uhr waren sie unterwegs. Im antarktischen Sommer ist das möglich. "Willi hatte auch eine Plastikhülle dabei für das Gipfelbuch. Darin stehen unsere Namen, das Datum und die Route, die wir genommen haben", berichtet Gerold Noack. Eine Herausforderung war es dann noch einmal, auf der Bergspitze genügend Steine zu finden, um das Gipfelbuch sicher zu deponieren. "Ich weiß von einer Gruppe Schweden, die später auf dem Ritscher waren." Da hatten Noack und Adler längst ihre Marke gesetzt.

Gerold Noack war gerade frisch promoviert an der Ingenieurhochschule Cottbus, als er sich für die Antarktis-Tour bewarb. Da gab es die DDR noch. Ein Jahr Vorbereitung folgte am Zentralinstitut für Physik der Erde in Potsdam. Mit der Wende übernahm das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung das Potsdamer Antarktis-Projekt. Allen politischen Veränderungen zum Trotz ging es Ende Oktober 1990 für den Cottbuser wie geplant ins ewige Eis. "Da hatte ich wirklich Glück", sagt Noack. "Denn die Wende hätte ich nur ungern verpasst." Nachrichten erreichten die Antarktis-Station nur als Wochentelex. "Das waren zwei Seiten. Mehr nicht." Kontakt in die Heimat gab es nur einmal im Monat - über Kurzwelle und Schiffsfunk.

Bewegungen des Eises messen

Die Arbeit von Gerold Noack und seinem Team bestand darin, die Bewegungen des Eises zu messen. Dafür waren die Wissenschaftler im Sommer auf drei Hauptrouten jeweils drei bis vier Wochen lang mit einem Container-Konvoi unterwegs. "Veränderungen sind nur durch Mehrfachmessungen nachvollziehbar", sagt der Geodät. "Wer den Klimawandel erforschen und verstehen will, muss in der Antarktis anfangen." Schließlich sei der Eiskontinent die Klimaküche der Welt. Denn von dort werden die Meeresströme angetrieben, die wiederum das Wetter beeinflussen.

Gerold Noack wird grundsätzlich: "Klimawandel ist etwas ganz natürliches. Es gibt immer Veränderungen. Leider wird das Thema heutzutage zu sehr politisiert." Richtig sei jedoch, dass der Mensch durch seine Verschmutzung dazu beitrage. Tatsächlich würde der Meeresspiegel um 60 Meter ansteigen, wenn das antarktische Eisschild vollständig abtaut. "Aber wir Menschen bekommen das Eis in den nächsten 1000 Jahren nicht klein", versichert Noack. "So oder so; es ist wichtig, dass die BTU Klima- und Umweltthemen ganz oben auf ihrer Agenda hat."

Kontakt zu russischer Station

Der Cottbuser, der auch im Winter kurze Hemden trägt, hat die Antarktis lieben gelernt. "Es gibt so viele verschiedene Eis- und Schneeformen", schwärmt er. "Und wenn man das Polarlicht zum ersten Mal sieht!" Die Luft sei so klar und rein. "Der Mondschein ist so hell, dass man nachts eine Zeitung lesen könnte." Das klingt romantisch. Doch wer in der Antarktis überwintert, muss auch zwei Monate ohne Sonne auskommen. "Es gibt nur drei Stunden Dämmerlicht. Deshalb muss man sich in einen Tagesrhythmus zwingen." Ein Fußmarsch zur benachbarten Nowolasarewskaja-Station gehörte fast täglich dazu. "Die Russen haben uns mit Essen versorgt." Und mit guter Gesellschaft.

Zum Thema:
Gerold Noack hat ein Buch über seine Erlebnisse am Südpol geschrieben. Es umfasst 360 Seiten sowie zahlreiche Fotografien und ist unter dem Titel "Antarktis: Abenteuer und Wissenschaft - Ein Lausitzer im ewigen Eis" im Regia-Verlag erschienen. "Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht an die Antarktis denke", sagt er.