Von Frank Hilbert

Eine Mischung aus Kaffeeduft, verschmortem Holz und Schuhcreme liegt in der Luft. Am kleinen quadratischen Tisch in der Stube sitzt ein junger Mann und bastelt aus Sperrholz mit einer Laubsäge sowie buntem Butzenglas und einer einfachen Glühbirnenfassung eine Lampe, deren Holzelemente er mit einem Lötkolben-Muster verziert.

Einige seiner Mitbewohner putzen in Unterhemd und Trainingshose ihre Stiefel, lungern auf den blau-weiß bezogenen stählernen Doppelstock-Betten herum oder schlürfen Kaffee aus ihren braunen Plastik-Henkeltassen. So oder so ähnlich sah vor mehr als 30 Jahren der Alltag nach Dienstschluss in den Holzbaracken der einstigen Fla-Raketenabteilung am Schäferberg bei Groß Döbbern aus.

Flugabwehr für Kraftwerke und Tagebaue

Ab 1958 hatte die Nationale Volksarmee (NVA) der DDR damit begonnen, Flugabwehr (Fla)-Raketentruppenteile aufzustellen. Der Standort Groß Döbbern gehörte zu einem der fünf Fla-Raketenregimenter, dem Fla-Raketenregiment 14 (FR 14), das 1964 gefechtsbereit war. Gefechtsbereit, um den Luftraum der DDR östlich der Linie Dresden-Cottbus und speziell der Kraftwerke und des Kombinats Schwarze Pumpe zu schützen, wie sich Dieter Ebert erinnert. Der einstige Oberstleutnant der NVA war von 1979 bis 1983 Kommandeur der Fla-Raketenabteilung 311, wie der Standort vor den Toren von Cottbus offiziell bezeichnet wurde. Weitere Abteilungen des FR 14 waren in Großräschen, Kroppen und Großröhrsdorf. Der Stab befand sich in Straßgräbchen.

Rund 130 Soldaten waren in Groß Döbbern im laut NVA-Deutsch „A-Objekt“ stationiert. „Ernste Situationen mit den Raketen gab es nie. Die Sicherheitssysteme waren sehr hoch und für den Startknopf der Raketen gab es ein spezielles Prozedere mit diversen Codes“, erinnert sich der 74-Jährige, der noch immer in einem der seinerzeit für junge Soldaten-Familien errichteten beiden Wohnblöcke in Groß Döbbern lebt.

Keine Atom-Sprengköpfe bei Groß Döbbern

Und er betont auf Nachfrage, es sei ein Gerücht, dass sich im Wald unweit des Dorfes Atom-Sprengköpfe befunden hätten. „Die hat es nie gegeben“, betont der frühere Kommandeur, der 1990 zwar mit seinem Rang als Oberstleutnant vom einstigen imperialistischen Klassenfeind in die Bundeswehr übernommen worden war, aber zum 31. Dezember des gleichen Jahres kündigte.

„Man hat ja für etwas eingestanden. Die Wende wollten eigentlich alle haben, aber so dann auch nicht“, sagt Dieter Ebert, der nach seinem Ausscheiden aus dem Militärdienst noch zehn Jahre in der Sicherheitsbranche und danach als Hausmeister tätig war.

Rund 1500 Meter entfernt von seiner früheren Stabsbaracke befand sich mitten im Wald, streng bewacht und mit einem Elektrozaun gesichert das sogenannte B-Objekt, eine Raketenstellung mit mehreren Startrampen für die S-75. Es war jener Raketentyp, der am 1. Mai 1960 berühmt geworden war. An diesem Tag wurde mit dieser Waffe der US-amerikanische Pilot Francis Gary Powers während eines Spionagefluges über der Sowjetunion in einer Höhe von 20 000 Metern abgeschossen. Powers konnte sich mit dem Fallschirm retten und wurde dann zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt.

Soldaten hatten Angst vor Wildschweinen

Wer nachts als Soldat in Groß Döbbern im A-Objekt auf Wache ging, musste durch die zahlreich gelagerten, silbern lackierten, scharfen Raketen patroullieren. Und dabei war er fast nie allein. Die täglich hinter dem Küchengebäude in Mülltonnen entsorgten Essenabfälle lockten viele Wildschweine samt Nachwuchs an. Irgendwie fanden die Tiere immer einen Weg durch den Zaun, doch kaum einer der mit 60 Schuss scharfer Munition ausgestatteten Wachsoldaten legte seine AK 47 auf die Tiere an – zu groß war die Angst, dass ein Querschläger eine der Raketen treffen könnte. So blieb oft nur die Flucht auf eines der Raketen-Transportfahrzeuge, bis sich die Tiere gesättigt wieder verzogen hatten.

Tiere ganz anderer Art leben heute dort, wo einst die Soldaten ihren 18-monatigen Wehrdienst ableisten mussten. Auf dem 110 000 Qudratmeter große Gelände befindet sich seit 1995 das Tierschutzliga-Dorf. Damit sei es nicht nur das größte von zwölf Tierheimen der Tierschutzliga, sondern flächenmäßig auch das größte Tierheim in Brandenburg, sagt Dr. Annett Stange. Sie leitet seit 2008 dieses Tierheim und war bereits seit 1998 ehrenamtlich für die Tierschutzliga tätig.

Rund 500 Tiere in den NVA-Baracken

Für rund 450 bis 500 Tiere ist sie gemeinsam mit 28 Mitarbeitern, darunter sechs Azubis, verantwortlich. Aus den einstigen Soldatenstuben sind Unterkünfte für rund 100 Hunde, 250 bis 300 Katzen sowie verschiedene Kleintiere geworden. Fünf Baracken seien ausgebaut worden und eine werde bald abgerissen, erklärt die Chefin.

Voll in Pose wirft sich dabei auf dem einstigen Kompanie-Appellplatz Kater Kojak. Er hat nicht nur ein paar Gramm zu viel auf den Rippen, sondern darf auf dem Gelände auch frei umherlaufen – ganz so, als wäre er jetzt der Kommandeur. „Der ist uns zugelaufen und wir vermuten, dass er ausgesetzt wurde“, sagt die Tierärztin.

Da, wo einst ein kleiner Kinosaal für Unterhaltung sorgte und wo die Wehrdienstleistenden Frau oder Freundin beim Besuch empfangen durften, soll ein Besucherzentrum, inklusive Büros, entstehen. Das eiserne Tor am Eingang hat sich kaum zu früher verändert. Aber bunter ist es Dank der Bilder darauf geworden.

Anders die Baracke gleich daneben: Zu NVA-Zeiten war dies der „Kontroll-Durchlass-Posten“ (KDP), wo nicht nur die Urlaubsscheine der Soldaten streng kontrolliert wurden. In diesem Gebäude befand sich nämlich auch die täglich wechselnde Wachmannschaft. Heute sind dort Büros – und Katzen.

Bis auf einen kleinen Bereich für die Werkstatt ist das frühere kompakte Küchen- und Heizungsgebäude ungenutzt – die Decke ist eingestürzt. Die Baracken haben heute alle eine dezentrale Heizung. Der Zahn der Zeit hat auch an den ehemaligen Unterstellplätzen für die Fahrzeuge genagt. Unverwüstlich ist aber offenbar die alte Rampe, auf der die Militärtechnik gewartet wurde.

Schickes Schulungs- und Beherbergungszentrum

Richtig schick ist eine der Holzbaracken zu einem Schulungs- und Beherbergungszentrum umgebaut worden. Sie bietet Übernachtungsplätze für 20 Personen. Besonders schlimm empfindet es Annett Stange, dass auch 30 Jahre später immer noch viele Glasscherben rings um die Baracken zu finden sind – Überreste früherer heimlicher Trinkgelage der Soldaten, vermutet sie.

Apropos Trinkgelage: Es ist kein Geheimnis, dass innerhalb der NVA zwar Alkohol in den Unterkünften verboten war, dieser aber dennoch reichlich floss. Hinter dem jetzigen Schulungszentrum befand sich damals ein kleiner Teich, unter dessen Eisschicht die Soldaten im Winter ihre Wodkaflaschen vor den Kontrollblicken der Offiziere versteckten. Aus dem Teich ist inzwischen längst ein Wasservorrats-Becken geworden. Und auch sonst ist Annett Stange sehr zufrieden mit der Qualität des Wassers: „Unser Brunnenwasser ist eins A“, betont sie. Also keinerlei Kontaminierungen aus Armeezeiten auf dem Gelände.

Es komme hin und wieder vor, dass sich ehemalige Wehrdienstleistende mit dem Wunsch im Tierschutzliga-Dorf melden, sich das Gelände anzuschauen, um offenbar in Erinnerungen zu schwelgen. Das sei nicht möglich. „Dafür gibt es aber unseren Tag der offenen Tür am 8. September“, sagt die Chefin.

Schlechte Zufahrt über alte Panzerstraße

Täglich können Interessierte jedoch im Tierheim nach einem potenziellen neuen Familienmitglied Ausschau halten. Wer dies das erste Mal tut, wird von der holprigen Zufahrt – einer früheren Panzerstraße – nicht begeistert sein. „Wir sind diesbezüglich mit der Gemeinde und der Forstbehörde im Gespräch, um an diesem Weg etwas zu verbessern. Die Zuständigkeit ist aber noch nicht voll geklärt“, sagt die Tierheim-Chefin. Vor 30 Jahren mussten die Rekruten übrigens jeden Morgen auf der Piste keuchend ihre Frühsport-Runden drehen.

Ziemlich beansprucht würden die Betonplatten auch durch die Lastwagen, die zu einer Reifenentsorgungsfirma fahren, ergänzt Annett Stange. Diese ist seit 1993 auf dem Gelände des B-Objekts ansässig – und Dank NVA-Absperrungen nahezu von der Außenwelt abgeschirmt. Am Tor hat, statt früher Soldaten, eine Kamera ein wachsames Auge auf alles, was sich dort abspielt.

Hergestellt aus Altreifen würden hier Sprengmatten, unter anderem für den norwegischen Markt, wie von der Firmenchefin zu erfahren ist. Das seien Matten, bestehend aus zusammengefügten Laufflächen der ausgedienten Reifen, die vor einer Sprengung von Felsgestein darüber ausgebreitet werden müssen.

Noch heute im Wald: Schützengräben und Stacheldraht

Rings um das B-Objekt lassen sich noch immer etliche Zeitzeugen finden: Das sind nicht nur mit Beton verkleidete und inzwischen bemooste Schützengräben, sondern auch stark verrosteter Stacheldraht vom Boden bis auf Kopfhöhe. Eine gefährliche Sache für Spaziergänger oder Pilzfreunde, die mit gesenktem Kopf auf der Suche nach den essbaren Waldfrüchten sind.

Denn Pilze gibt es wie vor 30 Jahren in dem Waldgebiet noch immer jede Menge. Der Vorteil heute allerdings: Es ist kein streng bewachtes Sperrgebiet der NVA mehr und man läuft nicht Gefahr, von einer „Pilz-Streife“ erwischt zu werden. Das war seinerzeit nämlich eine ernste Sache, denn man blickte in den Lauf einer geladenen Kalaschnikow und musste zur Klärung der Personalien mit zum Wachgebäude.

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