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| 10:39 Uhr

Aus dem Gericht
Gut vier Jahre Haft nach Tankstellenraub in Sandow

Der Täter, der im März in Cottbus eine Tankstelle in Sandow überfallen hat, ist am Dienstag vom Landgericht Cottbus zu vier Jahren Haft verurteilt worden.
Der Täter, der im März in Cottbus eine Tankstelle in Sandow überfallen hat, ist am Dienstag vom Landgericht Cottbus zu vier Jahren Haft verurteilt worden. FOTO: LR / Jan Augustin
Cottbus. Im März überfällt Sebastian F. eine Tankstelle in Sandow. Jetzt hat das Landgericht ein Urteil gefällt. Von Daniel Schauff

Für vier Jahre und drei Monate muss Sebastian F. hinter Gitter. Im März hatte er mit einem Messer in der Tasche und einem Schal im Gesicht eine Tankstelle in Sandow überfallen. Die Beute: 265 Euro. Damit mietete sich F. in ein Hotel ein, verbrachte drei Nächte dort, um endlich noch mal auszuschlafen. Die Nächte zuvor hatte er in einem leerstehenden Gebäude in der Nähe des Cottbuser Hauptbahnhofs verbracht. Nachdem ihn ein Bekannter aus der Wohnung geworfen hatte, war F. obdachlos.

Dieser Bekannte ist es, der am Dienstagvormittag als erster Zeuge im Gerichtssaal auftaucht. Er müsse gleich zu Anfang sagen, dass er Alkoholiker sei und sich an Details aus der Vergangenheit nicht mehr erinnern könne, sagt er. Sebastian F. sei für rund zwei Wochen bei ihm untergekommen. Kennengelernt hatte man sich im Stadtcafé, sagt der Zeuge. In den 14 Tagen hätten die beiden gemeinsam Drogen genommen und „gesoffen“. Zehn bis zwölf Flaschen Bier seien es meist gewesen. Und Schnaps, wenn das Geld dazu gereicht hat.

Irgendwann, sagt der Zeuge, habe Sebastian F. angefangen, über Überfälle zu sprechen. Er wolle einen Supermarkt, eine Tankstelle „klarmachen“. Er habe ihn daraufhin rausgeworfen, erzählt der ehemalige Freund von Sebastian F. Mit einem Raub, sagt er, habe er nichts zu tun haben wollen. „Ich habe zwei Kinder und Verantwortung.“ Als er die Polizeimeldung zum Tankstellenraub in der Zeitung entdeckte, wusste er, dass der Räuber sein ehemaliger Mitbewohner gewesen sei. „Die ­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­Beschreibung hat gepasst“, sagt der Zeuge aus. Er nahm das Telefon und rief die Polizei an. „Ich muss meinen Scheiß, den ich baue, auch ausbaden“, sagt er.

Nach ihm sagt ein Polizist aus. Ihn habe F. eines Abends angesprochen, als er nicht im Dienst gewesen sei, gefragt, wo er die Nacht verbringen könne. Kurze Zeit später erfährt der Beamte von der Tat an der Tankstelle, die Beschreibung passt auf den Mann, der ihn am Abend vor einem Supermarkt angesprochen hatte. Dessen Personalien lagen vor, F. war einmal in eine Polizeikontrolle geraten. Die Streifenpolizisten wussten, von wem ihr Kollege sprach, als er ihnen vom Treffen mit F. erzählte.

Der Tankstellenräuber war gerade erst aus einer dreijährigen Jugendhaft entlassen worden. Grund für die Haft: Raubüberfälle, jedes Mal mit Messer, jedes Mal fast nach dem gleichen Muster wie in Cottbus. Einmal hatte ihn ein Händler überwältigt, hat ihn mit einem Zeitungsständer niedergestreckt, festgehalten, bis die Beamten kamen. Insgesamt sieben Einträge hat F.s Strafregister, das erste Mal im Gefängnis war er mit 18.

Als Kind war er missbraucht worden, hatte er dem Gutachter erzählt. Früh musste er seine Familie verlassen, ist in Heimen aufgewachsen, hatte jedes Mal Probleme, sich an Regeln zu halten. Unbegründet ist das nicht, erklärt der Gutachter am Dienstag. F. ist zu 50 Prozent behindert, mental, betont der Angeklagte. Er leide unter psychischen Störungen, habe ständig das Gefühl, dass andere ihm etwas Schlechtes wollten. Ärzte attestieren ihm eine Intelligenzminderung, Gericht und Verteidiger sehen in seiner Krankheit einen gewichtigen Grund dafür, dass er keine Maßnahme je zu Ende führen konnte. Einen Job in der Jugendvollzugsanstalt (JVA) hat er geschmissen. Nur wenn er auf Drogen sei, könne er mit anderen Menschen umgehen, sagt Sebastian F.

Ein Umstand, der ins Urteil einfließt. Auch, dass sich Sebastian F. bei der Mitarbeiterin der Tankstelle entschuldigt hat. Das Gericht habe nicht das Gefühl gehabt, dass F. ihm etwas vorspiele, sagt der Vorsitzende Richter. Auch dass F. selbst von dem Messer erzählt hat, das er bei der Tat in Cottbus bei sich trug, wirkt sich strafmildernd aus. Zudem sei die Beute gering gewesen. F.s Wunsch, in den Maßregelvollzug zu kommen, kommt das Gericht nicht nach. Der Gutachter spricht sich zuvor auch gegen die Idee aus. Dort seien Gruppentherapien an der Tagesordnung, ein Umstand, mit dem F. noch nicht umgehen könne. Ein strukturierter Alltag wie in der JVA könne derweil erste Erfolge bringen. Die sind jetzt schon deutlich. F. nimmt keine Drogen mehr, trinkt nicht mehr. Die JVA bescheinigt ihm ein gutes Verhalten gegenüber Mithäftlingen und Mitarbeitern.

Die Staatsanwaltschaft fordert sechs Jahre und sechs Monate Haft – F. müsse mit einer langen Haftstrafe begreifen, dass sein Verhalten Konsequenzen hat. F.s Verteidiger will keinen konkreten Zeitraum nennen, für den sein Mandant hinter Gitter soll. Mit mehr als zwei Jahren allerdings, sagt er, solle F. nicht bestraft werden.

Das Gericht einigt sich auf die Mitte – ein für das Delikt relativ niedriges Strafmaß. Zusätzlich muss Sebastian F. die Kosten des Verfahrens tragen. Rechtskräftig ist das Urteil noch nicht.