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| 19:26 Uhr

Gesundheit
Erstmals Vertrauliche Geburten im CTK

Seit 2014 gibt es am Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum die Möglichkeit der vertraulichen Geburt.
Seit 2014 gibt es am Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum die Möglichkeit der vertraulichen Geburt. FOTO: dpa / Uli Deck
Cottbus. Zwei Mütter bringen ihre Babys unter Pseudonym zur Welt und verschwinden dann aus dem Leben ihrer Kinder. Frauen in Not können so geschützt entbinden. Von Andrea Hilscher

Über viele Jahre hinweg wurde in Brandenburg über die Möglichkeiten von vertraulicher oder anonymer Geburt, über Babyklappen und Krisenmanagement debattiert: Nach Kindstötungen in Nauen (Havelland), Lübben (Dahme-Spreewald) und Brieskow-Finkenheerd (Oder-Spree) sollte Frauen in Notlagen die Möglichkeit gegeben werden, ihre Kinder geschützt und medizinisch betreut zur Welt zu bringen.

Seit vier Jahren nun gibt es die Möglichkeit der vertraulichen Geburt: Eine Schwangere kann dabei unter Pseudonym entbunden werden, nur eine Beratungsstelle kennt ihre Identität. Am Carl-Thiem-Klinikum mit jährlich über 1100 Entbindungen war das bisher reine Theorie. In den letzten zwei Monaten allerdings haben zwei Frauen die Chance der vertraulichen Geburt genutzt. Dabei hat sich gezeigt, welche Lücken der Gesetzgeber noch zu schließen hat.

Oberärztin Isabel Treude ist mit beiden Geburten vertraut. „Eine der Frauen stand plötzlich hier, die Wehen hatten schon eingesetzt.“ Eine vorherige Beratung war an dem Fehlen von entsprechendem Personal in der Beratungsstelle gescheitert. „Das läuft nicht optimal“, so die Ärztin. Weiterer Stolperstein: Eine Frau, die Wehen hat, meldet sich zunächst in der Notaufnahme, muss dort natürlich ihre Daten angeben – und wird erst im Nachhinein mühsam anonymisiert. Ein klärendes Gespräch zwischen Beratungsstelle und Klinik soll derartige Probleme  künftig verhindern.

Trotz aller bürokratischen Schwierigkeiten: Beide Frauen haben gesunde Kinder geboren, bei beiden Frauen konnte ihre Identität geschützt werden. Isabel Treude: „Die werdenden Mütter bekommen bei uns das vorgegebene Pseudonym und ein fiktives Geburtsdatum.“ Sobald die Babys auf der Welt sind, werden Jugendamt und Beratungsstelle informiert. Dort ist die wahre Identität der Mutter festgehalten. Auch einen Wunschnamen für ihr Baby kann sie hier angeben. Die Beratungsstelle sendet dann einen verschlossenen Herkunftsnachweis an das Bundesamt für Familie.

Dort wird der Herkunftsnachweis sicher aufbewahrt, damit das Kind ihn nach 16 Jahren einsehen kann. Das Kind hat so später die Möglichkeit, seine Wurzeln zu erforschen. Bei einer komplett anonymen Geburt gibt es keine Möglichkeit, einen späteren Kontakt zwischen Mutter und Kind zu knüpfen.

Die Säuglinge nach einer vertraulichen Geburt kommen direkt nach der Entbindung auf die Kinderstation, werden dort von ihren potenziellen Adoptiveltern abgeholt. Isabel Treude: „Auch bei normalen Adoptionen kommen die Säuglinge zumeist direkt von der Klinik in ihre neue Familie.“

Warum genau sich die Mütter in Cottbus für eine vertrauliche Geburt  entschieden haben, weiß die Ärztin nicht. „Frauen unter Wehen sind immer in einer Ausnahmesituation, da hat kaum eine den Kopf für intensive Gespräche.“ Allerdings erinnert sie sich an den Fall einer Frau, die von der Beratung in die Klinik kam und anonym entbinden wollte. Ein Gespräch überzeugte sie von den Vorteilen einer regulären Adoption.

Eine der Mütter, die jetzt vertraulich geboren haben, ist vier Stunden nach der Geburt wieder nach Hause gegangen, die andere wurde nach einem Kaiserschnitt stationär aufgenommen. Über ihre Gründe können auch die Experten nur spekulieren: Mütter, die ihre Schwangerschaft ablehnen, sind oft mit bereits geborenen Kindern überfordert, stecken in einer schwierigen oder heimlichen Beziehung, sind Opfer von Vergewaltigungen.

In Brandenburg haben mit den beiden Cottbuser Fällen seit 2014 mindestens zehn Mütter vertraulich geboren. Bundesweit kamen laut Bundesfamilienministerium bislang insgesamt 417 Kinder vertraulich auf die Welt.

Nach Auskunft des Bundesfamilienministeriums ist die Zahl der anonymen Formen der Kindsabgabe seit Einführung der vertraulichen Geburt gesunken. Der Rückgang von anonymen Formen der Kindsabgabe bedeutet zugleich einen Rückgang medizinisch unbegleiteter Geburten und den damit verbundenen Risiken für die Gesundheit oder das Leben des Kindes und der Frau.