Einst gehörten die Reissners zu den wohlhabendsten jüdischen Familien in Cottbus. Der Prinzipal David lebte mit seiner Frau Jenny schon 1873 in der Stadt. Damals wurde die Tochter Marie geboren, 1882 Sohn Martin. Der Handel mit Getreide, Futter und Düngemitteln brachte Vater Reissner ein Vermögen ein. 1908/09 ließ er in der Kaiser-Friedrich-Straße - heute Karl-Liebknecht-Straße 30 - ein imposantes Haus für die Familie bauen. Seit 1925 wurde seine Firma als Aktiengesellschaft geführt. Der Sohn Martin stieg in das Geschäft des Vaters ein. In der jüdischen Gemeinde waren die Reissners bekannt für ihre offene, freigiebige Hand. Spenden für eine jüdische Blindenanstalt oder an den Fürsorgeverein für hilflose jüdische Kinder sind verzeichnet.

David Reissner starb 1933. Ob er geahnt hat, welcher Niedergang der Familie bevorstand? Für Martin Reissner und seine Frau Fredericke begann der Horror 1938. Sicher gab es vorher Schikanen und Demütigungen. Beispielsweise einen Bescheid vom Cottbuser Anzeiger im Dezember 1937, dass "… wir Anzeigen nichtarischer Personen in unserer Zeitung nicht zum Abdruck bringen können". In der Reichspogromnacht vom 9. zum10. November 1938 wurde Martin Reissner mit 29 weiteren Cottbuser Juden verhaftet und in das KZ Sachsenhausen deportiert. Am 12. Dezember kehrte er nach Hause zurück. Nun sollten Reissners nicht mehr zur Ruhe kommen. Ihr Vermögen wurde beschlagnahmt. Das Finanzamt forderte die "Judenbuße" - nach einer "Verordnung über eine Sühneleistung der Juden deutscher Staatsangehörigkeit" - und die Reichsfluchtsteuer für den Sohn Arthur, dem die Emigration nach Peru gelungen war. Es verlangte eine Summe von 54 000 Reichsmark. Mit der Beschlagnahme blieb dem Ehepaar kein Geld mehr für das tägliche Leben. Rechtsanwalt Hammerschmidt vertrat die Interessen der Reissners. Er bat dringend darum, die Beschlagnahme aufzuheben und wies nach, dass die geforderte Summe viel zu hoch angesetzt worden war. Zunächst hatte er Erfolg. Aber der Kampf gegen das Finanzamt, gegen Pfändungsverfügungen und die Beschlagnahme von Vermögenswerten, riss nicht ab. Das Vermögen zerrann.

Im Dezember 1938 wurde auch die Liquidation der D.-Reissner-Kommanditgesellschaft eingeleitet. Im Jahr 1939 war die Firma abgewickelt, 1941 erloschen. Für Reissners begann das letzte Kapitel ihres Lebens. Im Jahr 1941 mussten sie ins Judenhaus in der Roßstraße 27 ziehen. 1942 ging es auf eine Reise ohne Wiederkehr. Im Warschauer Getto verloren sich die Spuren von Fredericke und Martin Reissner. Die Schwester Marie, verheiratete Perls, wurde im Juli 1942 von Berlin ins Getto Theresienstadt deportiert. Dort starb sie am 5. Oktober 1942. Allein Arthur Reissner konnte entkommen. 1947 übersiedelte er von Peru in die USA. Vor dem Haus in der Karl-Liebknecht-Straße 30 erinnern drei Stolpersteine an das Schicksal der Familie Reissner.

Quelle: Nachlass Hermann Hammerschmidt