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| 19:28 Uhr

Strukturwandel
Alles andere als beschaulich: Ein Pfarrer spielt Feuerwehr

Pfarrer Burkhard Behr
Pfarrer Burkhard Behr FOTO: Daniel Steiger
Cottbus. Burkhard Behr pendelt zwischen den Brennpunkten der Lausitz. Sein Job: Die Region im Wandel begleiten. Von Andrea Hilscher

Seit knapp einem halben Jahr arbeitet der Pfarrer Burkhard Behr als Leiter des neu gegründeten Zentrums für Dialog und Wandel in Cottbus. Die gemeinsame Einrichtung von Landeskirche und den vier Lausitzer Kirchenkreisen will den Wandel in der Region nach eigenem Bekunden „kirchlich begleiten“. Und schon in den ersten Monaten seiner Amtszeit ist dem Pfarrer klar geworden: Ein besonders beschaulicher Job wird das nicht.

Behr eilt wie ein Feuerwehrmann zu den Brennpunkten der Region. Steht Siemensmitarbeitern in Görlitz bei, redet mit Umsiedlungs-Betroffenen in Schleife, muss sich einarbeiten in die Cottbuser Flüchtlingsproblematik. Einen großen Bogen muss er da spannen, sowohl räumlich als auch thematisch.

„Ich habe schnell gemerkt, dass es diese eine große Lausitz gar nicht gibt“, sagt Behr. „In Cottbus hat man nicht auf dem Schirm, was sich gerade bei den Görlitzer Arbeitnehmern abspielt, die Sorben ticken anders als die Wenden, im Spreewald hat man andere Probleme als in Schleife oder Bautzen.“

Reden will und wird er mit allen Lausitzern. Mit Kohlegegnern und Ostseebefürwortern, mit Vorstandschefs, Bürgermeistern, Gemeindemitgliedern auf allen Ebenen. „Es ist meine Aufgabe, die Stimmung in der Region zu verbessern. Schließlich habe ich eine frohe Botschaft zu verkünden“, sagt er augenzwinkernd. Er selbst nimmt die Region als lebendig, kreativ und aufgeweckt wahr. Woher die eher negative Selbsteinschätzung der Menschen in der Region kommt, hat er noch nicht herausgefunden. Einen großen Gesprächsbedarf, den spürt er allerdings bei vielen Menschen.

„Ich bin glücklich, dass ich schon viele unterschiedliche Leute dazu gebracht habe, miteinander oder einfach mit mir zu reden.“ Einen regelrechten Gefühlsstau will er bei einigen Gesprächspartnern ausgemacht haben, die sich nur innerhalb eines geschützten Raumes öffnen können. „Die Leute können sich mir gegenüber von der Seele reden, was anderswo nicht ausgesprochen werden kann.“

Diese Seele ist es auch, die ihm am Herzen liegt. „Seelsorger ist mein ureigenster Beruf. Und bei allem was ich tue, frage ich mich, was der Seele der Menschen guttut.“ Das könne manchmal auch Formen annehmen, die bei Unbeteiligten auf Unverständnis stößt. Kurz vor Weihnachten etwa, da hat Burkhard Behr mit 1500 Beschäftigten in Görlitz vor dem Siemens-Werktor gestanden und Weihnachtslieder gesungen. Ein Zeichen der Hoffnung gegen die vorherrschende Verzweiflung.

Dass es nur mit Singen nicht getan ist, weiß der gebürtige Thüringer. Gesprächsangebote machen, darin sieht er seine Hauptaufgabe in den kommenden Monaten. Natürlich wird es dabei um den Strukturwandel gehen, doch auch der Rechtspopulismus sei ein zentrales Thema. „Wir müssen einen Weg finden, damit die Menschen wirklich miteinander reden und nicht nur Parolen austauschen.“ Ängste, davon ist er überzeugt, treten immer dort auf, wo es die wenigsten Berührungspunkte gibt. „Schreckgespenster vertreibt man durch Begegnungen.“

Viele seiner Gespräche Begegnungen stehen allerdings unter der Überschrift: Wie weiter mit der Lausitz? Und hier, das sagt der Pfarrer offen, hat er noch keine wirkliche Antwort gefunden. Die strategische Steuerung des Strukturwandels müsse stärker als bisher in den Fokus der Bemühungen rücken. „Vielleicht ist es wieder Zeit für einen Runden Tisch“, sagt Burkhard Behr. Besetzt mit Leuten, die Verantwortung tragen, dennoch jenseits festgefahrener Strukturen. „Menschen miteinander ins Gespräch bringen, die sonst nicht miteinander reden. Das ist mein Job.“