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| 10:44 Uhr

Achter Teil der Serie „Irgendwas mit Liebe“
Auf den Hund gekommen

Dr. Annett Stange hat sieben Hunde. Wichtel ist ein Mops-Mischling, den sie seit sieben Jahren hat und Bella ist ein Chow-Chow, der seit vier Jahren bei ihr ist.
Dr. Annett Stange hat sieben Hunde. Wichtel ist ein Mops-Mischling, den sie seit sieben Jahren hat und Bella ist ein Chow-Chow, der seit vier Jahren bei ihr ist. FOTO: LR / Josephine Japke
Neuhausen/Spree. „Irgendwas mit Liebe“ ist der Titel der Serie der RUNDSCHAU-Volontäre. Ausgefallen, konservativ, anders? Facetten der Liebe stehen im Fokus. Für den achten Teil hat Josephine Japke mit der Tierschutzligadorf-Chefin Dr. Annett Stange über ihre Liebe zu Tieren gesprochen und darüber, wo sie für andere scheinbar aufhört. Von Josephine Japke

Mehr als 400 Katzen, 300 Hunde und unzählige Kleintiere landen jährlich im Tierschutzligadorf Neuhausen/Spree. Einige von ihnen werden auf der Straße und an Raststätten gefunden, von Familien in Kartons vor dem Tierheim abgestellt oder durch Behörden beschlagnahmt und in Sicherheit gebracht. Tierliebe sieht anders aus.

Doch da hört die Geschichte der verstoßenen Vierbeiner nicht auf. Landen sie „auf der Straße“, gibt es Menschen, die sie aufnehmen, sie pflegen und ihnen zeigen, dass die Welt nicht nur schlimm ist. Dr. Annett Stange und ihr Team gehören dazu. „Es treibt uns an, dass die Tiere ihre schlimme Vergangenheit überwinden können und im Hier und Jetzt wieder glücklich sind“, sagt sie und schaut sich in ihrem Tierschutzligadorf um.

Und was sie da sieht, ist ein kleines Paradies für verlassene Tiere. Auf dem 110 000 Quadratmeter großen, ehemaligen Raketenstützpunkt der NVA stehen derzeit 24 Gebäude, von denen fünf genutzt werden. Seit 1996 ist das Gelände im Besitz der Tierschützer. 750 000 Euro im Jahr, inklusive Personalkosten und Tierversorgung, braucht es, um das Dorf am Leben zu halten. „Jeden Monat kämpfe ich darum, dass wir weitermachen können. Hier arbeitet niemand, weil er reich werden will, sondern weil er die Tiere liebt“, erklärt Annett Stange.

Etwa 35 Mitarbeiter kümmern sich täglich um das Wohl der Tiere. Dazu kommen mehr als 60 Ehrenamtliche, die den Tieren Zuwendung geben, für Auslauf und Auslastung sorgen, die Geländepflege übernehmen und bei Festen helfen. „Sie wollen etwas Gutes und Sinnvolles in ihrer Freizeit tun. Als Dank kriegen sie die Liebe der Tiere“, sagt Annett Stange und verweist darauf, dass man ihre Liebe nicht mit der des Menschen vergleichen kann.

„Sie sind von uns abhängig und sehen in Menschen ein Rudel, dem sie sich anschließen können und das für Futter sorgt“, erklärt die gelernte Biologin sachlich. Natürlich bauen auch Tiere eine Bindung zu ihrem „Herrchen“ auf und leiden, wenn sie sich von dieser Person trennen müssen. „Doch fast alle Tiere gewöhnen sich nach einer Zeit an eine neue Umgebung und können dann genauso glücklich werden wie vorher“, erklärt die Tierheim-Chefin.

Etwa 250 Katzen leben derzeit im Tierschutzligadorf Neuhausen/Spree. Mehrere von ihnen teilen sich ein Gehege, das sowohl außen als auch innen viel Auslauf und Spielmöglichkeiten bietet.
Etwa 250 Katzen leben derzeit im Tierschutzligadorf Neuhausen/Spree. Mehrere von ihnen teilen sich ein Gehege, das sowohl außen als auch innen viel Auslauf und Spielmöglichkeiten bietet. FOTO: LR / Josephine Japke

Warum die Vierbeiner im Tierschutzligadorf landen, hat ganz unterschiedliche Gründe. Einige Besitzer merken zu spät, dass sie die Verantwortung für ihr Tier nicht übernehmen können, keine Zeit haben und überfordert sind. Vor allem im Januar, wenn die Arbeit nach den Feiertagen wieder losgeht, kommt die Erkenntnis, dass das vierbeinige Weihnachtsgeschenk doch nicht so durchdacht war.

Auf Bauernhöfen wiederum wird sich häufig nicht um die Kastration freilaufender Katzen gekümmert. Diese vermehren sich dann unkontrolliert, bis einige Bauern genervt sind und sie verhungern lassen, noch ehe die Tierschützer helfen können. Manche Halter nehmen sich auch nicht mehr die Zeit, um ihr Tier anzulernen. Bellt, knurrt oder beißt der Hund dann, weil er ein anderes Verhalten nie beigebracht bekommen hat, geben die Besitzer auf und wollen ihn loswerden.

Bei all den teils herzzerreißenden Geschichten, die Annett Stange täglich mitbekommt, könnte man meinen, dass die Liebe zu Tieren gesunken ist. Doch das Gegenteil ist der Fall: Allein in Cottbus sind etwa 4500 Hunde offiziell gemeldet, in Senftenberg und Finsterwalde sind es mehr als 1000. Auch in Hoyerswerda lässt sich eine steigende Beliebtheit der Vierbeiner feststellen: Waren es noch vor wenigen Jahren um die 1300 Hunde, sind es seit 2015 im Schnitt weit mehr als 1500. Auch in Lübbenau/Spreewald steigen die Zahlen weiter und haben mittlerweile die 1000-Marke geknackt.

Annett Stange selbst hat sieben Hunde, drei eigene und vier aus dem Tierheim. „Einige von ihnen waren Extremfälle, die nicht vermittelt werden konnten. Sie waren bissig, autistisch, blind und taub. Doch mein Ansporn ist es, dass es den Tieren besser geht als in ihrer Vergangenheit und sie einen schönen Lebtag bei mir verbringen können“, erklärt sie.

Als Annett Stange elf Jahre alt war, hat ihre Mama für sie eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung gesucht. Dass es irgendetwas mit Tieren sein muss, war von Beginn an klar. Später wollte sie Tierpflegerin werden, doch da hatten die Eltern etwas dagegen. „Also habe ich Biologie studiert. Hat ja auch irgendwie was mit Tieren zu tun“, sagt die Tierheimleiterin lachend. Seit 1999 arbeitet sie ehrenamtlich im Tierschutzligadorf, seit 2008 hauptamtlich.

Den Tieren ein neues Zuhause zu geben, gehört zu den Hauptaufgaben der Mitarbeiter des Tierschutzligadorfes. Fast alle Tiere, die in Neuhausen landen, können auch wieder vermittelt werden. Die Gründe, warum Menschen den Weg in das abgelegene Tierschutzligadorf auf sich nehmen, sind ganz unterschiedlich, so die Biologin. Ältere Menschen fühlen sich einsam, junge Menschen sehen in Tieren einen Familienzuwachs und eine Verantwortungs-Probe, andere wollen einfach etwas Gutes tun. „Es gibt keine falschen Beweggründe, sich ein Tier zu holen“, ist sich die Tierheimleiterin sicher.

Aber es gibt falsche Tierliebe. Nämlich immer dann, wenn die Halter nicht zwischen Mensch und Tier differenzieren können. „Man kann Tiere auch kaputt streicheln, überfüttern und verblöden lassen, weil man es gut meint. Doch den meisten Tieren tut man einen Gefallen, wenn man ihnen zeigt, wo es langgeht. Dann können sie sich orientieren, finden ihren Platz im Rudel und ihnen wird eine Last abgenommen“, erklärt Annett Stange.

Liebe zu Tieren hat für sie viele Facetten. Sie bedeutet beispielsweise auch, Entscheidungen für das Tier zu treffen, die man für einen Menschen nicht treffen würde. „Wenn das Tier leidet und es keinen anderen Ausweg mehr gibt, muss ich es erlösen. Auch das ist Tierliebe“, sagt sie. Doch bis dahin hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, den Tieren, egal ob Katze, Hund, Meerschwein oder Vogel, das schönstmögliche Leben zu bieten.

Annett Stange sagt: „Diese beiden Katzen wurden neben einer Mülltonne in Spremberg gefunden.“
Annett Stange sagt: „Diese beiden Katzen wurden neben einer Mülltonne in Spremberg gefunden.“ FOTO: LR / Rene Wappler

„Irgendwas mit Liebe“ ist der Titel der Serie der RUNDSCHAU-Volontäre. Ausgefallen, konservativ, anders? Facetten der Liebe stehen im Fokus. Doch wie findet man den richtigen Partner?

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