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| 02:32 Uhr

Verein zählt mehr rechte Übergriffe in Cottbus

Alltag in Cottbus: No-Asyl-Schmierereien in der Innenstadt schüren die Stimmung.
Alltag in Cottbus: No-Asyl-Schmierereien in der Innenstadt schüren die Stimmung. FOTO: pk
Cottbus. Rechte Gewalt hat in Cottbus im vergangenen Jahr deutlich zugenommen. Nach Angaben der Opferperspektive verdreifachte sich die Anzahl der Übergriffe fast im Vergleich zu 2014. Damit sticht Cottbus brandenburgweit heraus. Die Opfer können sich nirgendwo in der Stadt sicher fühlen. Peggy Kompalla

Sonntagabend, 19.45 Uhr, Hauptbahnhof Cottbus: Fünf junge Männer zwischen 18 und 20 Jahre alt schlendern durch den Bahnhofstunnel, sie unterhalten sich. Sie stammen aus Deutschland und dem Libanon, passen vom Aussehen ins rassistische Raster von vier alkoholisierten Männern, die die Gruppe beleidigen und attackieren. Die Fünf flüchten. Eine Bundespolizeistreife mit Diensthund bietet ihnen Schutz. Beim Anblick der Polizisten türmen zwei der vier Angreifer. Die beiden Verbliebenen, 21 und 23 Jahre, bedrohen nun auch die Beamten und greifen an. Mit Unterstützung einer weiteren herbeigerufenen Streife werden die zwei Angreifer schließlich festgenommen. Beide stammen aus dem Raum Spremberg. Einer ist der Polizei bestens bekannt aufgrund früherer Gewaltdelikte.

Für Martin Vesely und Veronika von Eichborn steht der aktuelle Fall explizit für die Entwicklung in Cottbus. Die beiden sind Betreuer der Opferperspektive. Der Verein kümmert sich in Brandenburg um Betroffene rechter Gewalt, berät und begleitet sie. "Die Übergriffe haben eine neue Qualität erreicht", sagt Vesely. "Zwischen Alltagsrassismus und organisierten Übergriffen von Gruppen gibt es das gesamte Spektrum." Seine Kollegin ergänzt: "Die Hemmschwelle von einer Beleidigung hin zu einer Gewalttat ist gesunken."

Keine sicheren Rückzugsorte

Der Vorfall vom Hauptbahnhof bestätigt eine weitere Beobachtung: "Die Opfer können sich an keinem Ort in der Stadt sicher fühlen", betont Martin Vesely. "Sachsendorf und Schmellwitz sind bekannte Schwerpunkte, aber Übergriffe gibt es auch in der Innenstadt, in Bussen und Bahnen oder sogar auf dem Campus." Es gebe keine sicheren Rückzugsorte mehr in Cottbus.

Der Süden des Landes war seit jeher ein Arbeitsschwerpunkt der Opferperspektive. Doch im Jahr 2015 sticht die Stadt Cottbus besonders heraus. "Wir kommen kaum noch hinterher", sagt Martin Vesely mit Bitterkeit auf der Stimme. "Unsere Beratung ist dadurch reduziert."

Die Zahlen sprechen für sich. Im vergangenen Jahr wurden dem Verein nach eigenen Angaben mehr als 25 rechte Übergriffe in Cottbus gemeldet. Damit hat sich die Anzahl im Vergleich zum Vorjahr fast verdreifacht. 2014 waren es zehn Vorfälle, 2013 fünf. "Die Dunkelziffer wird noch einmal deutlich darüber liegen", mutmaßt der Berater. Brandenburgweit haben sich die Übergriffe im Jahr 2015 demnach verdoppelt.

Die beiden Betreuer beobachten, dass die Menschen erst bei dem Verein Hilfe suchen, wenn sie massive Gewalt erleben. Doch dem gehen oft zahlreiche kleinere Taten voraus. "Alltagsrassismus halten viele Betroffene bereits für normal", sagt Veronika von Eichborn. Die Menschen werden bespuckt und beschimpft. Ihnen fliegen Flaschen und Dosen hinterher, Autos fahren direkt auf sie zu, um erst kurz vor ihnen abzubremsen. "Rassismus ist das Haupttatmotiv", konstatiert Vesely.

Die Mehrzahl der Opfer seien Flüchtlinge und zunehmend internationale Studenten. "Die geraten allein durch ihr Aussehen in den Fokus der Täter", berichtet Martin Vesely. "Wir haben den Kontakt zu Betroffenen, die so schnell wie möglich ihr Studium in Cottbus abschließen wollen, um in eine größere Stadt zu ziehen, weil sie sich dort sicherer fühlen."

Sechs Übergriffe in Oktobernacht

Die schlimmsten Erinnerungen haben die beiden Betreuer an eine Freitagnacht im Oktober 2015. "Nach unseren Erkenntnissen hat es in der Nacht vom 23. auf den 24. Oktober mindestens sechs Übergriffe gegeben, die in einem Zusammenhang stehen", berichtet Martin Vesely. "Mehrere Gruppen sind durch die Stadt gezogen und haben Menschen angegriffen. Das gipfelte darin, dass mindestens 20 Leute mehrere Studierende vor der Stadthalle überfielen, die sich dann auf den Campus flüchteten." Die Polizei habe nicht eindeutig auf diese Übergriffe reagiert, obwohl wegen einer Demonstration in Sachsendorf mehr Personal vor Ort war. "Da gibt es aus unserer Sicht noch einigen Klärungsbedarf", sagt Vesely.

Die Stimmung in der Stadt sei teils verheerend. "Zur Hochphase der Demonstrationen im Herbst in Cottbus haben sich einige Betroffene nicht einmal tagsüber allein auf die Straße getraut", berichtet Vesely. Im Oktober und November war Cottbus der Paradeplatz der Asylgegner. Die NPD organisierte drei Aufmärsche in Sachsendorf. Die AfD lud Parteichefin Frauke Petry ins Stadthaus ein. Die Landeschefs Alexander Gauland und Björn Höcke redeten vor der Oberkirche, Gauland nochmals auf dem Viehmarkt. Letztere Veranstaltung zog mit knapp 1000 Teilnehmern landesweit die meisten Menschen auf die Straße.

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