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Verärgerte Pflegeeltern kritisieren Sparpläne der Stadt

André Noack stört in der momentanen Debatte, dass fast nur über Geld geredet wird.
André Noack stört in der momentanen Debatte, dass fast nur über Geld geredet wird. FOTO: I. Dahme
Cottbus. Seit sechs Jahren zahlt die Stadt Cottbus Pflegeeltern eine vergleichsweise hohe Pauschale. Sie war als Anreiz für neue Pflegefamilien gedacht. Weil dies nicht gefruchtet hat, soll die Pauschale nun wieder gekürzt werden. Betroffene Pflegeeltern kritisieren dies. Nicole Nocon

André Noack und Lebenspartner Stefan Simonides haben zwei Pflegekinder dauerhaft bei sich aufgenommen. Die beiden Cottbuser haben sich Kinder gewünscht. "Da wir keinen leiblichen Nachwuchs haben können, sind wir praktisch über diese Hintertür zu einer Familie gekommen", sagt André Noack. Bei der Entscheidung habe die Höhe der Pauschale, die die Stadt Pflegeeltern für die Unterbringung und Betreuung von Kindern zahlt, keine Rolle gespielt.

Nur das Monetäre im Blick

Die aktuelle Diskussion um die Kürzung der Pauschale geht nach Noacks Auffassung in eine ganz falsche Richtung. "Ich kann nachvollziehen, dass Verwaltung und Stadtparlament darauf achten, dass das Stadtsäckel geschont wird. Es ist legitim, dass sich Cottbus mit anderen Kommunen vergleicht, was die Höhe der Pauschale betrifft. Mich stört aber, dass bei der Diskussion nur die monetäre Seite gesehen wird. Das Problem, dass es dem Cottbuser Jugendamt nicht in ausreichendem Maße gelingt, Pflegeeltern zu gewinnen, wird durch die drastische Kürzung der Pauschale garantiert nicht gelöst", gibt Noack zu bedenken.

Vertrag mit Pflichten

Aus Gesprächen mit anderen Pflegefamilien weiß er, dass die Sparpläne bei vielen auf Kritik und Verärgerung stoßen. "Die Stimmung ist schlecht. Auch wenn für die wenigsten von uns der finanzielle Anreiz ausschlaggebend für die Aufnahme eines Pflegekindes gewesen sein dürfte, so ist es doch legitim, dass die Familien für die Unterbringung, Betreuung und Erziehung der Kinder entlohnt werden. Auch wenn wir mit unseren Pflegekindern wie in einer ganz normalen Familie zusammenleben, sieht uns die Stadt als Dienstleister. Wir unterzeichnen einen Dienstleistungsvertrag, in dem unsere Pflichten festgeschrieben sind", erklärt Noack. So seien Pflegeeltern zu regelmäßigen Fortbildungen etwa am Sozialpädiatrischen Zentrum verpflichtet.

Kritisch sieht er auch, dass das Jugendamt nicht intensiver um neue Pflegeeltern wirbt. "Ich habe in der Stadt sehr wenige Flyer gesehen. Es gibt zu wenig Pressearbeit, Anzeigen und Fernsehspots. Und wenn Werbeplakate zum Beispiel in Kindergärten hängen, bringt das nicht viel. Eltern die mit eigenen Kleinkindern beschäftigt sind, denken wahrscheinlich kaum darüber nach, noch Pflegekinder aufzunehmen.

Es müsste gezielter und offensiver geworben werden", sagt Noack und erinnert daran, dass jede Pflegefamilie den Stadtetat um eine fünfstellige Summe entlaste, weil die Kosten für Heimunterbringung auch die ungekürzte Pauschale um ein Vielfaches übersteigen. "Etwa 100 Kinder werden in Cottbus in Pflegefamilien betreut. Bevor vor sechs Jahren die Pauschale angehoben wurde, kostete die Heimunterbringung monatlich 3500 Euro je Kind, heute wahrscheinlich noch mehr. Selbst wenn die Pauschale nicht gekürzt wird, spart die Stadt durch die Bereitschaft von Pflegeeltern, ein Kind aufzunehmen, eine beachtliche Summe."

Mit Geld nicht aufzuwiegen

Kai Kuhnert, amtierender Leiter des Jugendamtes weiß das Engagement der Pflegeeltern sehr wohl zu schätzen. "Was sie leisten, ist mit Geld nicht aufzuwiegen", betont er. Nicht mangelnde Wertschätzung des Leistung der Pflegeeltern, sondern ein grundsätzlicher Strategiewechsel sei der Grund für die geplante Kürzung der Pauschale. "Die Pauschale anzuheben, um zusätzliche Pflegefamilien zu werben, sei ein Versuch gewesen, der aus welchen Ursachen auch immer, nicht gefruchtet hat", sagt er. Dass das Jugendamt bei der Suche nach Pflegeeltern nicht genug effektiv genug geworben hätte, bestreitet Kuhnert. "Es gab durchaus öffentlichkeitswirksame Werbung, etwa Plakate in Straßenbahnen", nennt er ein Beispiel.

Fokus nun auf frühen Hilfen

Nun wolle das Jugendamt aber andere Prioritäten setzen. "Jedes Kind, das in einer Pflegefamilie oder in einem Heim untergebracht werden muss, ist eins zu viel. Deshalb wollen wir frühzeitig Bedingungen schaffen, damit Kinder in ihren Familien aufwachsen können. Der Fokus muss auf frühen Hilfen liegen, wie sie zum Beispiel das Netzwerk Gesunde Kinder oder Familienhebammen bieten. Kitas sollten sich als Familienbildungseinrichtungen sehen." Kuhnert muss einräumen, dass diese Aufgabe damit zum Großteil auf nichtstädtische Einrichtungen verteilt wird. "Wir sollten kritisch hinterfragen, was die Angebote der Sozialarbeit tatsächlich bringen und vermehrt wieder Selbsthilfeprozesse von Familien wecken", sagt der amtierende Jugendamtsleiter. Das Problemfeld sei vielschichtig, einfache Lösungen gebe es deshalb nicht.

Zum Thema:
Für Kinder von null bis sechs Jahren soll die Pauschale von aktuell 1039,50 auf 745 Euro sinken. Für Kinder von sechs bis zwölf ist eine Absenkung von 1150,50 auf 826 Euro geplant. Für über Zwölfjährige soll der Betrag von 1272 auf 913 Euro gekürzt werden.