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| 18:53 Uhr

Angst ums eigene Heim
Unrecht, um Unrecht zu beseitigen?

Die Groß Gaglower haben sich am Freitag auf der Straße versammelt, um gegen die Rückübertragungen zu demonstrieren.
Die Groß Gaglower haben sich am Freitag auf der Straße versammelt, um gegen die Rückübertragungen zu demonstrieren.
Cottbus. Die Groß Gaglower fürchten um ihre Grundstücke und gehen auf die Straße. Von Daniel Schauff

„Wir brauchen endlich Klarheit“, sagt Siegfried Wehlan. 1936 ist er in einem Haus in Groß Gaglow geboren. Der heute über 80-Jährige lebt heute darin, will investieren. Die Fenster müssten gemacht werden, sagt er. Ob sich das lohnt, weiß Wehlan nicht. Vielleicht verliert er sein Haus an die Jewish Claims Conference (JCC). Die vertritt Entschädigungsansprüche jüdischer Opfer der NS-Zeit. Ansprüche gibt es: 1935 wurde eine jüdische Siedlungsgemeinschaft aus Groß Gaglow verjagt, dort, wo jetzt Wehlans Haus steht. Sein Vater hatte eine Parzelle dort übernommen, wo die Juden gesiedelt hatten, Siegfried Wehlan erbte schließlich das Grundstück.

Wehlan ist nicht alleine. Die Groß Gaglower sind empört, verunsichert. Am Freitagnachmittag hatte Ortsvorsteher Dieter Schulz zu einer Kundgebung einberufen. „Es darf auf keinen Fall altem Unrecht neues Unrecht folgen“, sagt er. „Sollte damals gegen die jüdischen Eigentümer Unrecht geschehen sein, dann muss aus unserer Sicht die Bundesrepublik als Rechtsnachfolger dafür aufkommen und nicht die heutigen Eigentümer“, fügt er hinzu. Ein Grundstück sei bereits an die Konferenz übertragen und verkauft worden, ein zweites zwangsversteigert, sagt Schulz. Rund 20 Eigentümer hatten im vorigen Jahr Post bekommen – ihr Grundstück werde bis zur Klärung der Ansprüche im Grundbuch mit einem Vermerk gekennzeichnet, der einen Weiterverkauf verhindere.

Sorgen bereiten die Forderungen der JCC auch den Freiers und den Homers. Beide haben ihr Grundstück von den Eltern geerbt, nicht gekauft. Wurden Grundstücke weiterverkauft, werde es vermutlich nur um die Herausgabe des erlösten Kaufpreises gehen, hatte das Bundesamt im Februar erklärt. Monika Freier stimmt dem Ortsvorsteher zu. Nicht sie könne verantwortlich dafür gemacht werden, was 1935 passiert sei, sagt sie. Karl Homer hatte bereits im Februar gegenüber der RUNDSCHAU gesagt, ihn verletze der Eindruck, sein Vater habe zu einer „Rotte von Nazis“ gehört, die die Juden aus Groß Gaglow vertrieben hätten. Das sei falsch. Sein Vater habe nur eine Parzelle freies Land übernommen.

„Wir wollen hiermit Gesicht zeigen“, erklärt Ortsvorsteher Schulz. Bereits zu Beginn des Jahres hatte er angekündigt, eine Protestaktion aus der geplanten Bürgerversammlung machen zu wollen. Die Betroffenen, sagt Schulz, „nervlich am Ende und gesundheitlich auf Grund dieser Belastung stark angegriffen.“ Wehlan bestätigt das. Die Unsicherheit, mittlerweile bereits ein Vierteljahrhundert über den Köpfen der Groß Gaglower schwebend, gehe an die Nieren. Es sei unverständlich, dass der Prozess der Prüfung nun bereits über 25 Jahre dauert, sagt der Ortsvorsteher. „Sollen die Betroffenen denn noch einmal 20 Jahre auf einen Bescheid warten?“ Es könne nicht sein, dass sich die Eigentümer mit der JCC in Verbindung setzten und einen Vergleich aushandelten, um dann ihr Grundstück erneut kaufen zu können. „Die JCC ist für uns kein Verhandlungspartner“, sagt Schulz bestimmt.

„Wir wollen nicht, dass sich auf Grund dieser Situation bei den Betroffenen und unserer Bevölkerung eine antijüdische Haltung entwickelt“, betont der Ortsvorsteher und schiebt nach: „Wir brauchen für die Lösung unserer Probleme keinen Verein ‚Zukunft Heimat’, der teilweise die Gefühle und Ansichten von Menschen missbraucht.“