Von Andrea Hilscher

Schwarze Haare, dezent geschminkt, feminine Kleider – so hat Sandra S. (31) in diesem Frühjahr als Praktikantin der RUNDSCHAU ihre ersten Gehversuche im Journalismus absolviert. Eigentlich aber wird sie mir „Frau Hauptfeldwebel“ angesprochen und tut Dienst bei der Bundeswehr.

„Ich habe mich schon früh für Polizei, Feuerwehr und Bundeswehr interessiert“, erzählt die junge Kolkwitzerin. Da sie mit ihren 1,62 Metern für den Polizeidienst ein paar Zentimeter zu klein ist, fiel die Entscheidung leicht: Der Bund würde es werden. „Ich wollte etwas Gutes tun, raus aus der Region. Die humanitären Einsätze haben mich beeindruckt.“

Nach dem Abitur und einem Gespräch beim Kreiswehrersatzamt nahm Sandra S. 2006 mit Erfolg am obligatorischen Einstellungstest teil, verpflichtete sich für zwölf Jahre und wurde im Oktober in Berlin zur Grundausbildung eingezogen.

„Mein Sportlehrer war fassungslos, als er gehört hat, dass ich zum Bund gehe“, erzählt sie lächelnd. „Ich war ein kleines dickes Kind und habe mich um jeden Ausdauer­lauf herumgemogelt.“ Aber: Ohne Fitness geht bei der Bundesweh gar nichts, also hat sie die Zähne zusammengebissen und trainiert. „Ich wusste ja, wofür.“

So ganz allerdings war der jungen Frau nicht klar, worauf sie sich bei einem Leben in Uniform einlässt. „Heute ist ja ein dezenter Lidstrich erlaubt, aber vor ein paar Jahren war Make-up noch verpönt.“ Wie sehr, das merkte die Soldatin erst, als sie während der Grundausbildung von einem Vorgesetzten abgeschminkt wurde – kein schönes Erlebnis.

„Wenn man sich mit 19 für einen Beruf entscheidet, weiß man wohl nie, was genau auf einen zukommt“, sagt sie heute. Was es heißt, dauerhaft nicht in der Nähe der Familie leben zu können. Oft versetzt zu werden. Monatelang im Einsatz, auf engstem Raum und ohne Privatsphäre. „Leicht ist das alles nicht“, erzählt die Kolkwitzerin.

Dennoch: Als 2018 ihre zwölf Jahre abgedient waren, nahm sie das Angebot an und wurde Berufssoldatin – Uniform auf Lebenszeit. „Meine Arbeitszufriedenheit ist sehr hoch, ich bin abgesichert und die Pension ist auch nicht zu verachten.“ Außerdem, da ist sie sicher: „So viele Möglichkeiten wie hier hätte ich in anderen Berufsfeldern nicht.“

Sandra S., die ihren Nachnamen aus Sicherheitsgründen nicht in der Zeitung sehen möchte, hat die ersten Jahre beim Bund als Rettungsassistentin gearbeitet, war in dieser Funktion auch zum ersten Mal im Auslandseinsatz. Den Jahreswechsel 2011/12 hat sie im Rahmen des ISAF-Mandats in Usbekistan verbracht. „Ich selbst hatte mich sehr auf den Einsatz gefreut, schließlich bereitet man sich monatelang sehr intensiv darauf vor“, erinnert sie sich. Allerdings sei es schwer gewesen, die Ängste der Familie auszuhalten.

An das Leben im Lager habe sie sich dagegen schnell gewöhnt. „Wir waren dort keiner direkten Gefahr ausgesetzt, haben rasch unsere Routinen entwickelt.“ Wie fast alle Kameraden hatte sie ein Kuscheltier und ein paar besondere Andenken an Zuhause mitgenommen. „Das braucht man, um die Zeit gut zu überstehen“, sagt Sandra S.

Sie selbst, so sagt sie, habe zum Glück während ihrer Einsätze keinen Partner gehabt, der daheim auf sie wartet. „Für Paare sind diese Monate eine echte Zerreißprobe. Im Einsatz entwickelst du automatisch sehr enge Bindungen an die Menschen in deiner Umgebung.“ Und das könne zu Hause dann schnell zu Spannungen führen.

Im Rahmen ihrer Laufbahn musste Sandra S. mehrmals den Standort wechseln, ihr Hauptwohnsitz blieb all die Jahre in der Lausitz. Irgendwann stellte sich ihr dann auch die Frage, ob sie nach ihrer Dienstzeit ins zivile Leben wechseln wollte. „Die Arbeit als Rettungsassistent war sehr anstrengend und hat mich auch emotional sehr mitgenommen.“

Als sich an ihrem Standort in Bremen herausstellte, dass sich niemand wirklich um die Personalakten der Kameraden kümmerte, griff sie kurzerhand zu. Die neue Aufgabe machte ihr Spaß, sie konnte sich nach einiger Zeit zum Personalfeldwebel ausbilden lassen – und war beruflich so glücklich wie nie zuvor. „Also bin ich dabeigeblieben“, erzählt sie lächelnd.

Inzwischen allerdings hat sie längst wieder die Neugier gepackt. Um beruflich noch etwas Neues auszuprobieren, hat sie sich zum Presse- und Informationsdienst der Luftwaffe in Berlin versetzen lassen, macht aktuell eine Ausbildung zum Informationsfeldwebel.Die Bewerbung zum Offizier läuft, dann würde ihr die Bundeswehr noch ein abgespecktes Betriebswirtschaftsstudium ermöglichen.

Das Praktikum bei der LAUSITZER RUNDSCHAU hat sie genossen. „Zur Abwechslung mal nicht jeden Tag eine Uniform anzuziehen, das hat was.“