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Tag der Gegensätze
Umgang mit Flüchtlingen spaltet Cottbus

Auf den Altmarkt als Herzstück der Stadt zog es gleich zu Beginn mehr als 600 Menschen. Sie demonstrierten für ein friedliches Miteinander. Im Verlauf wurden es nach Schätzungen von Beobachtern einige Hundert mehr, darunter Familien, Flüchtlinge, Rentner, Studenten und Schüler.
Auf den Altmarkt als Herzstück der Stadt zog es gleich zu Beginn mehr als 600 Menschen. Sie demonstrierten für ein friedliches Miteinander. Im Verlauf wurden es nach Schätzungen von Beobachtern einige Hundert mehr, darunter Familien, Flüchtlinge, Rentner, Studenten und Schüler. FOTO: Frank Hilbert
Cottbus. Hunderte demonstrierten für Flüchtlinge in Cottbus. Deutlich mehr Zulauf hatten am Samstag die Gegner der Asylpolitik. 

Es begann am Samstagvormittag mit mehr als 600 Menschen auf dem Altmarkt. Sie beteiligten sich an einer Demonstration in Cottbus für ein friedliches Zusammenleben von Einheimischen und Flüchtlingen. Unter dem Motto „Leben ohne Hass“ zogen sie durch die Innenstadt, wobei sich nach und nach noch ein paar Hundert Menschen der Demo anschlossen.

Anlass war die für Samstagnachmittag erneut angekündigte Kundgebung des rechtspopulistischen Vereins „Zukunft Heimat“ aus Golßen im Spreewald. Der Verein ist bis ins rechtsextreme Milieu hinein vernetzt, stellt sich gegen die Flüchtlingsaufnahme in Deutschland und versucht, den Unmut vieler Cottbuser nach zwei gewalttätigen Zwischenfällen mit jungen syrischen Flüchtlingen in Cottbus  für seine Zwecke zu vereinnahmen. Junge Syrer hatten Deutsche bedroht und angriffen. Ein junger Mann wurde dabei mit einem Messer schwer im Gesicht verletzt.

Die Demo am Vormittag für ein friedliches Zusammenleben war von bunten Luftballons geprägt. Flüchtlinge verteilten Rosen. Die Veranstalter, Flüchtlinge und das Bündnis „Cottbus nazifrei“, hatten gebeten, keine Flaggen von Staaten und Parteien zu zeigen, um den übergreifenden Charakter der Versammlung nicht zu stören. Unter den Teilnehmern befanden sich Kommunal- und Landespolitiker von SPD, Linken und Grünen, sowie auch der Verwaltungsratschef des FC Energie Cottbus, Matthias Auth. „Wir wollen hier Gesicht zeigen für Vielfalt und Toleranz“, sagte Auth. Keine Toleranz gebe es für den Verein jedoch gegenüber Rechtsextremisten. Da gelte: „Kein Platz für Nazis“. Für ihn gehe es auch darum, Solidarität zu zeigen mit den Bürgern der Stadt, die friedlich zusammenleben wollten.

Ähnlich äußerte sich auch die Chefin von Bündnis 90/Grüne in Brandenburg, Petra Budke. Sie bedauerte, wie auch der Spremberger Bundestagsabgeordnete der SPD, Ulrich Freese, dass der Cottbuser Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU) nicht zu der Demonstration gekommen war. „Es wäre ein wichtiges Zeichen gewesen, wenn er hier gewesen wäre“, so Budke. Nach Auskunft des Sprechers von Kelch, Jan Gloßmann, nahm Kelch am Samstag andere, langfristig vereinbarte Verpflichtungen wahr.

Gewaltfrei und ohne Hass in Cottbus leben FOTO: Von Michael Helbig

Nach Cottbus waren auch Vertreter von „Buntes Lübbenau“ gekommen, darunter Queenie Nopper. „Wir sind traurig, dass jetzt so ein schlechtes Licht auf Cottbus fällt. Das hat die Stadt nicht verdient“, sagte sie. Wenn man friedlich miteinander ins Gespräch kommt, seien Probleme lösbar, sagte sie. Lübbenau war wie auch Lübben Anfang 2016 Veranstaltungsort von „Zukunft Heimat“-Demos.

Am Ende der Demo für ein friedliches Miteinander zogen etwa einhundert Anhänger der Antifa-Szene mit Transparenten durch die Fußgängerzone. Die Polizei, die mit einem massiven Aufgebot vor Ort war, verhinderte ein Zusammentreffen mit den Anhängern von „Zukunft Heimat“, die sich derweil an der Oberkirche sammelten.

Es waren nicht nur Cottbuser, die dort zusammenkamen und dann kurz durch angrenzende Straßen zogen. Vereinschef Christoph Berndt begrüßte später über das Mikrofon Freunde aus Sachsen, aus Hannover, aus dem Norden. Unter den rund 2000 Teilnehmern – die Veranstalter sprachen später von mindestens 5000 – waren viele Rentner, junge Männer und Frauen und auch erkennbar Anhänger des rechtsradikalen und Hooligan-Milieus. Die Polizei machte zu den Teilnehmerzahlen beider Demos keine Angaben.

„Zukunft Heimat“-Demo am Oberkirchplatz in Cottbus FOTO: Von Frank Hilbert

Die Redner entwarfen wie vor zwei Wochen ein Bild von Cottbus, wonach die Anwesenheit von Flüchtlingen in der Stadt eine generelle Bedrohung darstelle. Von bewaffneten Gruppen „sogenannter Schutzsuchender“ war die Rede, von „angeblich Minderjährigen, die bewaffnet durch die Stadt ziehen“, von „ungebremster Masseneinwanderung“. Die Menge skandierte immer wieder „Widerstand“. Der Verein veranstaltet seit Mai 2017 in Cottbus Demos gegen die Flüchtlingsaufnahme in Deutschland, bis vor zwei Wochen jedoch mit geringerer Resonanz. Das änderte sich, nachdem es im Januar die gewalttätigen Zwischenfälle in der Cottbuser Innenstadt gab.

Sächsische Teilnehmer der Demo an der Oberkirche hielten zwei große Transparente, eines davon mit dem Symbol der bundesweiten völkisch-nationalistischen Sammlungsbewegung „Ein Prozent“. Auf einem Plakat stand „Aufwachen oder untergehen“. Die Redner, darunter Siegfried Däbritz von Pegida aus Dresden, bemühten sich um spürbar gemäßigtere Worte als bei vorangegangenen Kundgebungen des Golßener Vereins in Cottbus. Eine Rede von Däbritz im Sommer in Cottbus war von der Polizei wegen des Verdachtes der Volksverhetzung geprüft worden. Die AfD stellte anders als bei vorangegangenen „Zukunft Heimat“-Kundgebungen in Cottbus keinen Redner. Sie war durch Mitglieder aus dem Elbe-Elster-Kreis und ein großes Transparent sichtbar vertreten.

Übergriffe auf Journalisten gab es diesmal nicht. Zu Beginn der Kundgebung hatte Anne Haberstroh von „Zukunft Heimat“ die Versammelten aufgefordert, Pressevertreter „nicht anzufassen“. Massive Vorwürfe gegen die Berichterstattung über die Veranstaltungen von „Zukunft Heimat“ und „Lügenpresse“-Rufe bestimmten aber immer wieder die Versammlung. Die Polizei nahm am Rand der Kundgebung einen 38-Jährigen fest, der den Hitlergruß gezeigt hatte.

„Zukunft Heimat“-Demo am Oberkirchplatz in Cottbus Teil 2 FOTO: Von Michael Helbig