Die Hilfsbereitschaft der Menschen ist riesengroß. Mehrere Hundert Flüchtlinge aus der Ukraine sind in Cottbus bei Privatpersonen untergekommen – und es werden immer mehr. Jetzt warnt die Stadt davor, noch mehr Ukrainer nach Cottbus zu holen, wenn nicht geklärt ist, wo sie schlafen können. Wird so ehrenamtliches Engagement behördlich ausgebremst?
Einer der ersten, der mit einem Hilfsgütertransport an die polnisch- ukrainische Grenze fuhr, war Denis Kettlitz, SPD-Stadtverordneter und Chef des Fördervereins der Cottbuser Parkeisenbahn. Auf dem Rückweg wurden 21 Ukrainer, darunter 18 Freunde der Partner-Kindereisenbahn in Saporischschja nach Cottbus geholt. Solche Beispiele gibt es viele.

Warum sich eine Fahrt aufs Blaue an die Grenze nicht lohnt

Doch nun bittet die Stadt Cottbus darum, keine weiteren Menschen ohne Abstimmung mit der Landes- und Stadtverwaltung nach Cottbus zu bringen, wenn keine verlässliche Unterbringung möglich ist. Die Stadt will eigenen Angaben zufolge so viele Menschen wie möglich und nötig adäquat unterbringen. Doch dazu brauche es ein gesteuertes und koordiniertes Vorgehen auf Bundes- und Landesebene, wie es heißt.
„Einfach aufs Blaue an die Grenze fahren, um fremde Menschen abzuholen, würde ich niemanden empfehlen“, sagt Denis Kettlitz. Er kann sich noch gut an seine Erfahrung an der Grenze erinnern. Mehrmals wurden er und seine Begleiter sowie die ukrainischen Flüchtlinge gefragt, ob sie sich wirklich kennen würden. „Die polnischen Grenzbeamten schauen ganz genau hin“, erzählt er.
Die Vorsicht ist nicht unbegründet: Auch der Europarat hat Behörden und Hilfsorganisationen vor den Risiken des Menschenhandels gewarnt. Der Großteil der Flüchtenden sind Frauen und Kindern, weil Männer im Alter von 18 bis 60 Jahren die Ukraine nicht verlassen dürfen. Besonders gefährdet sind den Angaben zufolge allein reisende Minderjährige.

Wie viele Schlafplätze es in Cottbus aktuell gibt

„Wer einen ukrainischen Pass besitzt, kann in Polen und Deutschland kostenlos mit der Bahn fahren“, berichtet Kettlitz. Diese Reisemöglichkeit ist aktuell die schnellste und sicherste – und wird den Flüchtlingen genutzt. Die Zahl der eingesetzten Sonderzüge, die von der ukrainischen Grenze über Polen nach Deutschland fahren, ist deutlich gestiegen. Auch in Cottbus kommen ab 23. März sechs Sonderzüge täglich an.
Der große Flüchtlings-Ansturm stellt die Stadt vor ein Riesenproblem: Die Schlafplätze werden knapp. Rund 400 Unterbringungsplätze hat die Stadt eigenen Angaben zufolge. Die Kapazität in der Notunterkunft in der Messehalle reicht laut DRK für maximal 600 Personen. „Eine 100-prozentige Auslastung dieser Plätze kann es nie geben, weil eine personen- und familiengerechte Unterbringung zu erfolgen hat“, betont Stadtsprecher Jan Gloßmann.
Doch schon jetzt sind mehr wohnungssuchende Kriegsflüchtlinge registriert, als Kapazitäten zur Verfügung stehen. Die Stadt muss Prioritäten setzen. „Ein unkoordiniertes Vorgehen würde dazu führen, dass gegebenenfalls keine Plätze für traumatisierte oder sehr kranke Menschen oder für Corona bedingte Separierungsmaßnahmen zur Verfügung stehen“, warnt Gloßmann.

Warum es für Privat-Unterkünfte kein Geld gibt

Mindestens 400 Menschen sollen auch in Privat-Unterkünften untergekommen sein. Vermutlich sind es sogar noch viel mehr. Geld bekommen die Menschen, die nicht genutzte Räume zur Verfügung stellen oder ihr Arbeits- zum Gästezimmer umfunktionieren, nicht.
„Das ist zunächst eine sehr private und freiwillige Entscheidung“, sagt Jan Gloßmann. Das gelte auch, wenn jemand Menschen aus Eigeninitiative in einem Hotel oder einer Pension unterbringt. Erst mit einer Anmeldung beim Sozialamt stehen den ukrainischen Flüchtlingen Sozialleistungen zu. Dazu gehören auch Kosten für Unterkunft, die jedoch auf ihre sozialhilferechtliche Angemessenheit geprüft werden.
„Kosten aus privater Beherbergung können allerdings nicht geltend gemacht werden“, sagt Gloßmann. Es gab bislang vereinzelte Anfragen, wie der Stadtsprecher einräumt. Doch diesen wurde nicht stattgegeben. „Wer eine private Beherbergung nicht länger organisieren kann, muss sich an das Sozialamt wenden“, sagt er.
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CDU fordert Pauschale für Unterbringung

Aktuell bekommen Privatpersonen, die ukrainische Flüchtlinge aufnehmen, kein Geld. Das will die Unionsfraktion im Bundestag ändern. Der innenpolitische Sprecher Alexander Throm (CDU) fordert eine Pauschale, die zur Deckung der Kosten für die Unterkunft gezahlt wird.
Der Deutsche Städte- und Gemeindebund geht bislang von Kosten im Milliardenbereich für die Aufnahme der Ukrainer aus. „Für Unterbringung und Integration müssen etwa 1000 Euro pro Person und Monat angesetzt werden“, rechnete Städtebund-Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg in der „Bild“-Zeitung vor.