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| 02:33 Uhr

Üble Scherze mit 112 und 110

Axel Leubauer nimmt in der Leitstelle Lausitz Notrufe entgegen.
Axel Leubauer nimmt in der Leitstelle Lausitz Notrufe entgegen. FOTO: Andrea Hilscher
Cottbus. Zwei Jungen (15/16) rufen nachts von einer Sandower Telefonzelle aus die 110 an, stellen sich als Adolf Hitler vor, pöbeln und sprechen sexuelle Beleidigungen aus. Sie kichern und lachen – nicht ahnend, dass die Polizei ihnen längst auf den Spuren ist: Beide werden trotz eines kleinen Fluchtversuchs geschnappt und in ihre Einrichtungen zurückgebracht, in denen sie bereits vermisst worden waren. Andrea Hilscher

Jetzt wird gegen sie ermittelt - Notrufmissbrauch ist ein Straftatbestand, kein Kavaliersdelikt.

Polizeisprecher Torsten Wendt: "Wer sich zu solchen Dummheiten hinreißen lässt, kann großen Schaden anrichten - wenn echte und eventuell lebensbedrohliche Notfälle nicht bearbeitet werden können, weil wir oder die Feuerwehr mit diesem Blödsinn beschäftigt sind."

Allein in Cottbus und Spree-Neiße kam es im Jahr 2015 zu insgesamt 51 Fällen von registriertem Notrufmissbrauch. 25 Tatverdächtige wurden ermittelt, die Aufklärungsquote lag bei 55 Prozent. 2016 stieg die Zahl der Fälle auf 69 an, 45 Verdächtige wurden ermittelt. Aufklärungsquote: 85,5 Prozent. Torsten Wendt: "In den ersten Monaten dieses Jahres ist die Fallzahl wieder leicht gesunken, wir hatten von Januar bis Mai 31 Fälle, sieben weniger als im gleichen Vorjahreszeitraum."

Fallbeispiele:Anruf aus Guben: Ein Mann und eine Frau bezichtigen sich am Telefon gegenseitig diverser Untaten. "Eifersucht und Beziehungsstress führen oft zum Notrufmissbrauch", so Torsten Wendt.

Während einer Verkehrskontrolle in Cottbus ruft ein "Reichsbürger" die 110, beschwert sich über den unrechtmäßigen Einsatz und die Überprüfung seiner Person.

Aus einer Cottbuser Telefonzelle zeigt ein Mann an, dass brennende Flaschen in einen Pkw geworfen werden - eine ausgedachte Geschichte.

Eine Frau ruft lallend an und sagt, sie sei geschlagen worden. Eine Überprüfung ergibt: Sie wurde nicht geschlagen, hat aber 3,43 Promille im Blut.

Etwas seltener als bei der Polizei gehen falsche Notrufe bei der Feuerwehr ein. Leitstellenchef Ingolf Zellmann: "Es hat stark nachgelassen, seit man alle Handyanrufe zurückverfolgen kann." Von insgesamt 160 000 Notrufen, die im Jahr in der Leitstelle eingehen, sei nur eine Handvoll wirklich missbräuchlich. Anne Perschel, Qualitätsmanagerin in der Leitstelle Lausitz: "Manchmal sind es Kinder, die sich einen Scherz erlauben." Schlimmer sind falsche Feuermeldungen oder die Manipulation von Brandmeldern. "So etwas bringen wir zur Anzeige", sagt Zellmann. Was ihn allerdings mehr beschäftigt: "Wir haben regelmäßig Anrufer mit psychischen Problemen, die immer wieder aufwendige Einsätze provozieren." Die Namen der Anrufer seien bekannt, ihre Probleme auch - aber eine Lösung hat keine der betroffenen Stellen parat. Ingolf Zellmann: "Es gibt immer wieder Gesprächsrunden, aber selten eine Möglichkeit, den Betroffenen zu helfen und die überflüssigen Einsätze zu unterbinden."

Bei allem Frust über vereinzelte Fehlalarme - Zellmann appelliert dennoch an alle Lausitzer, den Notruf im Zweifelsfall lieber einmal zu viel als einmal zu wenig anzurufen. "Unser Rettungssystem basiert auf solchen Meldungen."

Sein Personal sei gut geschult, könne echte Notfälle schnell von anders lösbaren Problemen unterscheiden. "Anrufer sollten auch Verständnis zeigen, wenn unsere Mitarbeiter sie am Telefon intensiv befragen", so Zellmann.

Das sei mitnichten Zeitverschwendung. "Während der Kollege noch Fragen stellt, löst er im Hintergrund längst Rettungsmaßnahmen aus. Aber mit jeder Frage kann er den laufenden Einsatz optimieren."

Zum Thema:
In Paragraf 145 STGB ist geregelt:Wer absichtlich oder wissentlich Notrufe oder Notzeichen missbraucht oder vortäuscht, dass wegen eines Unglücksfalles oder wegen gemeiner Gefahr oder Not die Hilfe anderer erforderlich sei, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft. Wer absichtlich oder wissentlich die zur Verhütung von Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr dienenden Warn- oder Verbotszeichen beseitigt, unkenntlich macht oder in ihrem Sinn entstellt, (. . .) wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft, wenn die Tat nicht in § 303 oder § 304 mit Strafe bedroht ist.