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| 18:02 Uhr

Überraschendes Projekt
Eine neue Kirche für die Stadt Cottbus

Aaron Köhler (l.) und Tobias Klement haben sich auf den ersten Blick in die Stadt Cottbus verliebt.
Aaron Köhler (l.) und Tobias Klement haben sich auf den ersten Blick in die Stadt Cottbus verliebt. FOTO: LR / Hilscher Andrea
Cottbus. Zwei junge Pastoren wollen in Cottbus eine ganz neue Form der Gemeinschaft. Von Andrea Hilscher

Tobias Klement (29) und Aaron Köhler (28) sind mutige Menschen. Sie haben sich quasi aus dem Nichts heraus entschlossen, mit ihren jungen Familien nach Cottbus zu ziehen, um hier eine neue Kirche zu gründen: eine Kirche ohne Kirche.

Die beiden Männer – einer stammt aus dem Erzgebirge, der andere aus dem Sauerland – haben sich beim Theologiestudium in Gießen kennengelernt. Beide gehören einer evangelischen Freikirche an, einer evangelischen Glaubensgemeinschaft, die nicht über Kirchensteuern sondern rein über Spenden finanziert ist. In ihrer Potsdamer Muttergemeinde war die Idee einer „Kirche ohne Ort“ zuerst aufgekommen, gleichzeitig wuchs auch der Wunsch, noch in einer weiteren ostdeutschen Stadt ein derartiges Projekt an den Start zu bringen.

„Cottbus als Großstadt hat uns gereizt“, erinnert sich Tobias Klement. „Und gleich beim ersten Besuch hier waren die Menschen so offen und freundlich, dass wir uns sofort in den Ort verliebt haben.“ Dass kurz nach ihrer Entscheidung deutschlandweit über den vermeintlichen „Brennpunkt Cottbus“ berichtete wurde, konnte sie nicht umstimmen.

Seit April leben sie mit ihren Kindern und Ehefrauen in der City und sind fast täglich auf Erkundungstour. „Wir sind neugierig auf die Stadt, auf die Menschen, auf ihr Lebensgefühl, ihre Sorgen und Wünsche“, sagt Aaron Köhler. Er weiß, dass 87 Prozent der Einwohner keiner Konfession angehören, gerade das aber mache die Angelegenheit so spannend. „Vielleicht kommen wir mit diesem Menschen ins Gespräch und können herausfinden, was sie an Kirche stört oder wie sie beschaffen sein müsste, damit sie interessant wird“, sagt er.

Mit „Kirche“ meinen Aaron Köhler und Tobias Klement keinen Ort, kein Gebäude. „Wir wollen frei sein, uns mit Leuten in unserer Wohnung zusammensetzen, Kneipenabende veranstalten oder uns dort treffen, wo sich die Cottbuser ohnehin gern aufhalten.“

So wollen die Pastoren einen Raum für Fragen und Diskussionen schaffen – und dabei zeigen, dass der Glaube auch Antwort sein kann. Natürlich ist den jungen Männern bewusst, dass es bereits gut drei Dutzend Gotteshäuser in der Stadt Cottbus gibt, der Bedarf eigentlich gedeckt sein müsste. „Trotzdem braucht es immer wieder Innovationen“, sagt Aaron Köhler, „Wir sehen uns als Startup, als Ergänzung.“ Ohne Blockaden, ohne Traditionen, schnell und wendig.

Ähnliche Projekte gibt es bereits in vielen Städten Ost- und Westdeutschlands: den Versuch, Religion neu erlebbar zu machen, modern und gerne auch für junge Menschen.

Finanziert wird die „Kirche für Cottbus“ über Spenden, andere Gemeinden, Freunde und Familie. Das ist ein gewagtes Abenteuer, für das die Pastoren einen langen Atem mitbringen. „Wir haben uns auf Dauer hier eingerichtet, wollen nicht nach ein oder zwei Jahren wieder verschwinden.“

Sie haben sich mit vielen Pastoren anderer Kirchen getroffen, waren auf allen Bürgerdialogen zu Gast, laden die unterschiedlichsten Menschen zu sich nach Hause ein. „Wir haben den Eindruck, dass die Cottbuser freundliche und sehr direkte Menschen sind, die eng mit ihrer Heimat verbunden sind und unter dem negativem Image leiden, dass derzeit über Cottbus verbreitet wird.“ Beide zeigen sich beeindruckt von dem starken Ringen, dass es um die Zukunft der Stadt gibt. „Das passt zu den Menschen, die eigentlich grundpositiv eingestellt sind.“