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| 18:52 Uhr

Cottbuser Stadtgeschichte
Maurermeister Kahle und die Schinkel-Halle

 Mit der Feierhalle wurde Kahle bekannt.
Mit der Feierhalle wurde Kahle bekannt. FOTO: Sammlung Hans Krause
Cottbus. Heimatforscherin Dora Liersch erzählt anhand einer alten Postkarte von Hans Krause die Geschichte über den neuen Friedhof in der Spremberger Vorstadt. Von Dora Liersch

Die seltene Ansichtskarte vom Friedhof in der Spremberger Vorstadt stammt aus der Kunstanstalt von Fritz Böhm, einem Fotografen, der in Cottbus 1905 sein Atelier mit der Kunstanstalt eröffnete und bis etwa 1912 betrieb. Aus dieser Zeit stammt auch die Karte.

Diesmal ist ein Bildervergleich eigentlich nicht möglich, denn das dargestellte Gebäude steht nicht mehr. Es ist ein Stück Cottbuser Friedhofsgeschichte. Zum Beginn des 19. Jahrhunderts gab es als Hauptfriedhof in Cottbus den südwestlich vor dem Spremberger Thor gelegenen, der schon einige Jahrhunderte genutzt wurde und nicht mehr ausreichte. Die Stadtverordneten wandten sich deshalb im Oktober 1834 an den Magistrat der Stadt Cottbus: „Immer dringender und notwendiger wird das Bedürfnis, den neuen Friedhof zu eröffnen, da der gegenwärtige nun so überfüllt ist, daß sich die Verlegenheit für neue Gräber mit jedem Tage steigert und erst wenige Jahre Beerdigte den neu ankommenden Platz machen müssen.“ Die Stadt hatte bereits einige Grundstücke von einem Weinberg des Kaufmanns Callinich, bzw. dessen Nacheigentümer Scheibner, erworben, der zwischen der Dresden er Straße (heute Straße der Jugend) und der Scharfrichtergasse (heute Taubenstraße) lag, um darauf einen Friedhof anzulegen.

 Die ersten Abrissarbeiten erfolgten im Februar 1958. Auf einem Teil des ehemaligen Friedhofs steht heute ein Seniorenzentrum.
Die ersten Abrissarbeiten erfolgten im Februar 1958. Auf einem Teil des ehemaligen Friedhofs steht heute ein Seniorenzentrum. FOTO: Liersch Dora und Heinrich / Dora und Heinrich Liersch

Am 27. Oktober 1835 genehmigten die Stadtverordneten die von einer speziellen Kornmission erarbeiteten Vorschläge zur Anlage und zur Nutzung des neuen Friedhofs. Es war die erste planmäßige Anlage eines Friedhofs in Cottbus. „Der neue Gottesacker ist durch einen vom Eingange (an der heutigen Straße der Jugend) bis zum Ende führenden Hauptweg ebenso durch einen Querweg in vier Quartiere geteilt, welche zu freien Reihengräbern bestimmt sind ... dagegen die Seiten, in Parzellen geteilt, den Erbbegräbnissen vorbehalten sind ...“ Am Schnittpunkt der beiden Hauptwege wurde ein Rondell angelegt, um das der Leichenwagen bequem fahren konnte. Andere Wagen und Kutschen mussten vor dem Friedhof halten.

Die selbstständigen Cottbuser Maurermeister Friedrich Wilhelm Kahle, August Ferdinand (Fritz) Mund, Friedrich Wilhelm Schneider jun. und Gottlieb Traugott Schramke bemühten sich um Aufträge zum Bau der Friedhofsmauer und später auch einer Kapelle. Zum großen Teil erwarben die Maurermeister auch die Erbbegräbnisstellen, um zunächst die Friedhofsmauer auf eigene Kosten zu errichten, dann aber diese Stellen an Interessenten zu verkaufen. Am 22. November 1835 fand die feierliche Einweihung statt.

Es gab hier zunächst keine Feierhalle. Aus einer Anzeige im „Kottbusser Wochenblatt“ vom 25. April 1841 geht hervor, dass eine Säulenhalle geplant sei und Teilnehmer für ein Erbbegräbnisgewölbe unter dieser gesucht werde. Erst im Juli 1842 erhielt der Cottbuser Maurermeister Friedrich Wilhelm Kahle (1808-1851) Geld für den Bau der Hinterfront der an der Abendseite des Friedhofes zu erbauenden Kapelle. Im Frühsommer 1844 genehmigten die Stadtverordneten Projekt, Geld und Material für den Kapellenbau, der von Kahle entworfen, von Bauinspektor Fritsch revidiert, und nun auch von Kahle ausgeführt werden durfte. Die Fertigstellung wurde für 1845 geplant.

Die Leichenhalle hatte die Form eines dorischen Prostylostempels mit seitlich anschließenden niedrigeren Säulengängen. Unter diesen befanden sich Erbparzellengrüfte, die Gruftanlage direkt unter der Kapelle blieb im Eigentum der Stadt. Die Eckparzellen Nr. 81 (Südwestecke) und Nr. 120 (Nordwestecke) sollten mit zwei abgesonderten Gebäuden, der Kapelle ähnlich, bebaut werden. Die Bebauung der Nr. 81 ist nie erfolgt. Die Baugenehmigung für die Nr. 120 wurde im August 1850 erteilt, wann der Bau erfolgte ist aus den städtischen Akten nicht ersichtlich.

Mit diesem Bauwerk wurde Friedrich Wilhelm Kahle bekannt. Wie weit er mit seinem mehrfach überarbeiteten Entwurf dem 1841 verstorbenen Karl Friedrich Schinkel seine Reverenz erweisen wollte, kann nur vermutet werden. Jedenfalls glaubten Cottbuser und Besuher, einen echten Schinkelbau vor die zu haben.

Der Friedhof selbst war für 20 Jahre geplant, musste aber noch bis 1870 genutzt werden und wurde offiziell 1898 geschlossen. Am 20. November 1870 war als Nachfolge-Friedhof, der damalige Centralfriedhof am Schmellwitzer Weg (heutiger Nordfriedhof) eröffnet worden.

Nur wenige Grabstellen auf dem Friedhof in der Spremberger Vorstadt wurden zuletzt noch gepflegt. Bereits 1936 tauchte der Plan auf, diese Friedhofshalle zu einem Ehrenhain für die 3000 Gefallenen der Stadt zu gestalten. In der Mittelhalle war die Aufstellung eines Sarkopharges aus edlem Werkstein vorgesehen, für die Seiten zwei kunstgeschmiedete Pylonen. Die offenen Seitenhallen sollten für 16 Namenstafeln aus Kalkstein, die der Cottbuser Bildhauer Felgenträger anfertigte, genutzt werden. Selbstverständlich wurden die gärtnerischen Anlagen mit dem herrlichen Baumbestand wieder in Ordnung gebracht. Diese Kriegerweihestätte wurde am 17. September 1939 eingeweiht. Nur wenige Jahre später war diese durch den Bombenangriff vom 15. Februar 1945 in Mitleidenschaft gezogen. Noch 1945 und 1946 diente der Friehof zur Anlage von Kleingärten, um dem Hunger zu entkommen.

Als nächstes erfolgte der Bau von Verwaltungsbaracken – unter dem Namen „Barackenstadt“ ist manchem Cottbuser dieses Areal bekannt. Es gab auch Versuche, die „Schinkelhalle“ wieder herzustellen. Dabei blieb es leider. Die Bausubstanz war allen Wettern und Stürmen ausgesetzt und wurde Anfang der 1960er-Jahre immer schlechter. 1963 erfolgte der Abriss. Heute steht an dieser Stelle nur noch eine schlichte Mauer, die den ehemaligen Friedhof von der Taubenstraße trennt. Eine Teilbebauung des nordwestlichen Friedhofareals erfolgte für das evangelische Seniorenzentrum „Johann Hinrich Wichern“ mit der Anschrift Taubenstraße 15.