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Turnstraße mit Augusta-Schule, die Ostern 1874 eröffnet wurde
Ein aufs Eleganteste eingerichtetes Schulhaus

So sah die Turnstraße mit der Augusta-Schule 1911 aus.
So sah die Turnstraße mit der Augusta-Schule 1911 aus. FOTO: Sammlung Krause
Cottbus. Diese wunderschöne Postkarte aus dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts zeigt eine Straße, die es heute auf diesem Abschnitt noch komplett gibt. Nur der aufwendige Stuck an den Fassaden ist im Laufe der Jahrzehnte zum Teil verloren gegangen. dli9

Die Straße liegt nördlich der Cottbuser Altstadt auf dem Territorium von Brunschwig am Berge. Auf einem alten Stadtplan aus dem Jahre 1867 gibt es an dieser Stelle weder die Straße, nicht einmal als Feldweg, noch irgendwelche Bebauung. Nur wenige Jahre später sah es ganz anders aus. Dieser Teil von Brunschwig war inzwischen zu Cottbus eingemeindet worden. Es erfolgten die Schaffung einer Straße sowie die Parzellierung der Fläche. Die Grundstücke wurden Bauland.

Eine Anbindung von der Cottbuser Altstadt wurde vom Oberkirchplatz durch die Verlängerung des nach Norden führenden Zipfels der Großen Kirchstraße, durch die damals noch bestehende Stadtmauer und über die Wallanlagen um 1872 geschaffen. Sie erhielt die Bezeichnung Turnstraße, weil 1872 an der Straßenkreuzung Zimmerstraße die Städtische Zentralturnhalle gebaut wurde. Bis 1950 behielt die Turnstraße diesen Namen. Mit der Eingemeindung von Sachsendorf, das ebenfalls eine Turnstraße besitzt, und um Verwechslungen zu vermeiden, nannte man die Cottbuser Turnstraße Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße.

Die östliche Straßenseite wurde von 1872 bis in die 1890er-Jahre bebaut. Der Cottbuser Gymnasiallehrer Dr. Adolf Rothenbücher vom Friedrich-Wilhelm-Gymnasium war von der Stadt gebeten worden, auf privater Basis und mit finanzieller Unterstützung der Stadt eine höhere Töchterschule aufzubauen (siehe auch "Cottbus früher & heute", LR vom 20. Juni 2016).

Ab Ostern 1873 in gemieteten Räumen, konnte der Gymnasiallehrer 1873/1874 ein zweietagiges Wohnhaus durch die Baufirma des Maurermeisters Friedrich Wilhelm Schneider errichten lassen, in dem die bereits bestehenden Schulklassen seiner höheren Töchterschule ab Ostern 1874 genügend Raum fanden. In der Anzeige im "Cottbuser Anzeiger" vom 5. April 1874 heißt es: "Zu Ostern wird meine sechsklassige höhere Töchterschule das neu erbaute, aufs eleganteste eingerichtete Schulhaus beziehen, in welchem die jüngst erfundenen Ventilationsöfen eine durchaus reine, gleichmäßig erwärmte Luft ausströmen, die Ansammlung schlechter Gase verhindern . . ."

Der Name der Schule ist der damaligen Kaiserin gewidmet. Das Schulhaus trägt heute die Nummer 15 der Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße. Hatte Dr. Rothenbücher mit 150 Schülerinnen in verschiedenen Klassenstufen 1873 angefangen, so waren es zwölf Jahre später 255 Schülerinnen. Der Vertrag mit Dr. Rothenbücher als Schuldirektor lief aus, die Stadt übernahm die Schule.

Neuer Schuldirektor war Dr. Döhler. Er richtete an die Stadt den dringenden Antrag, rechts an das Schulgebäude, auf dem noch freien Grundstücksteil, einen Anbau errichten zu dürfen. Dieser Antrag wurde genehmigt. Stadtbaurat Bachsmann und Stadtbaumeister Nippert leiteten den Erweiterungsbau, der von der Cottbuser Baufirma Dümpert & Hauke ausgeführt wurde. Am 21. Dezember 1897 konnte dieser neue Gebäudeteil durch Oberbürgermeister Paul Werner festlich eingeweiht werden.

Auf der Postkarte ist der sich durch seine Höhe abhebende Neubauteil mit der geschmückten Attika gut erkennbar. Ebenfalls 1897 war auf dem Schulgrundstück auch noch eine Turnhalle erbaut worden. Die Schülerinnenzahl pegelte sich bei etwa 300 ein. Die Schule selbst wurde, wie alle höheren Schulen in Preußen, dem Provinzialschulkollegium unterstellt. An diese Schule war zeitweilig ein Lehrerinnenseminar angeschlossen. So konnten die Mädchen also nicht nur das Reifezeugnis (Abitur) erwerben, sondern auch eine anschließende Ausbildung zur Lehrerin machen.

Bereits zehn Jahre nach dem Erweiterungsbau mangelte es an Unterrichtsräumen. Ein erster Teilneubau auf dem Grundstück Promenade 13 - 15 erfolgte in den Jahren 1907/08. Die weitere Geschichte der Augusta-Schule, die sich Lyzeum und Oberlyzeum nannte, wäre ein neues Kapitel.

Das Haus in der Turnstraße wurde selbstverständlich weiter von den Schülerinnen der Augusta-Schule genutzt. Teilweise waren auch Seminarklassen in dem Hause untergebracht. Als ab 1920 die Vorschulklassen der höheren Schulen abgeschafft wurden, die schulpflichtigen Kinder hatten künftig alle gemeinsam die ersten vier Grundschuljahre zu meistern, waren Schulräume in der Turnstraße frei geworden. So zog die Schule für schwachbegabte Kinder, also die Pestalozzi-Hilfsschule, die bisher in der Kolkwitzer Straße 1 untergebracht war, in das Schulhaus. In den folgenden Jahrzehnten gab es öfteren Nutzerwechsel. Die Schule war in städtischem Besitz. Räume nutzte auch immer wieder die Augusta-Schule, deren Hauptgebäude in der Promenade stand.

Kriegsende, Rote Armee, Einheitsschulen, speziell die Grundschulklassen der 6. Einheitsschule und wieder die Hilfsschule, die sich nun Förderschule nannte, aber auch den Namen des Pädagogen Pestalozzi trug, nutzten nacheinander das Schulhaus. Nach 1990 galt ein neues, verändertes Schulsystem. Die Förderschule zog noch in den 1990er-Jahren nach Neu-Schmellwitz. In das Haus Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße 15 kamen freie Träger, unter anderen die Martin-Luther-King-Schule. Heute wird das Gebäude vom Hort "Anton und Pünktchen" sowie einem Kraftsportverein genutzt.