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Tief Luft holen und malen

„Harte Jungs, die malen – das passt eigentlich nicht zusammen“ , sagt Ralph Kretschmann. Er ist einer von acht Insassen der Justizvollzugsanstalt (JVA) Cottbus-Dissenchen, die sich allwöchentlich für drei Stunden zum Malzirkel der Cottbuser Künstlerin Anette Lehmann-Westphal treffen. Unter dem Motto „Raue Jungs und zarte Bilder“ zeigt die kleine Galerie der Bibliothek Ergebnisse der Zirkelarbeit. Von Ulrike Elsner

Kretschmann, der eine dreieinhalbjährige Haftstrafe zu verbüßen hat, möchte die Zirkelstunden nicht missen. Was er daran vor allem schätzt, ist die Möglichkeit, „tief Luft zu holen und zu entspannen“ . Das Zeichnen selbst gerate dabei fast zur Nebensache. Dennoch: Kretschmanns Bilder im viktorianischen Stil beeindrucken den Betrachter durch die offenkundige Kunstfertigkeit ihres Schöpfers.
Bei den Inhaftierten habe sie in den acht Jahren, in denen sie Malzirkel in der JVA leite, „viel unterdrückte fehlgeleitete Kreativität“ entdeckt, sagt Anette Lehmann-Westphal. „Wir müssen diese Menschen zurückholen“ , sagt die Malerin und appelliert an die Besucher der Ausstellungseröffnung: „Sage keiner, er könne nicht in eine solche Situation geraten.“
Als Zirkelleiterin gehe es ihr darum, sich auf jeden einzelnen Teilnehmer einzustellen. Schon bald werden deren Stärken und Begabungen sichtbar. Als Vorlage und zur Inspiration dienen Bildbände und Kalenderblätter. Dabei frage sie sich stets, so Anette Lehmann-Westphal, „was jedem einzelnen entspricht und mit welcher Technik wir dem zu Leibe rücken können“ . Gemalt wird mit Aquarell- und Acrylfarben, Pastellkreiden und Kohle.

Wichtige soziale Kontakte
Vor allem aber bietet der Mal- und Zeichenzirkel wichtige soziale Kontakte. „Die Leute verändern sich, wenn sie hierherkommen“ , hat die Zirkelleiterin festgestellt. „Sie sind sozialer in ihrem Verhalten, und es geht sehr höflich zu.“
Allerdings reichten die acht Plätze im Malzirkel längst nicht aus für rund 600 Häftlinge. Auch wenn es außerdem Sport, einen Keramikzirkel, eine Musikgruppe und eine Bibliothek gibt.
Ralph Kretschmann hilft oft in der Bibliothek. 12 000 Bände stünden den Strafgefangenen zur Verfügung, weiß er, darunter sehr viele Spenden und 15 Prozent ausländische Literatur in immerhin 20 Sprachen.
Wenn sich der Malzirkel trifft, müssen viele der Teilnehmer in der ersten halben Stunde erst einmal Dampf ablassen, zu einer gewissen Entspannung kommen, erzählt Anette Lehmann-Westphal. Erst danach werde auch über philosophische und psychologische Fragen gesprochen. „Das Wichtigste an der Kunst ist die geistige Idee, die dahintersteht“ , weiß die Malerin. Diesem Maßstab halten die meisten der gezeigten Bilder allerdings nicht stand. Doch gute Ansätze sind immerhin sichtbar. Zum Beispiel in der Landschaftsmalerei, einem guten Training für das für die Malerei so wichtige Sehenlernen.
Einen Zirkelteilnehmer nennen die anderen liebevoll „unseren Picasso“ . „Anfangs konnte er sich keine zehn Minuten am Stück konzentrieren“ , erinnert sich Ralph Kretschmann. „Jetzt verzieht er sich in eine Ecke und malt.“
Der Picasso-Stil zeigt sich am deutlichsten in den Gesichtern. Aber auch auf Wellen schaukelnde runde Boote faszinieren den Betrachter.
Eine kanadische Landschaft hat Andreas Baurath beigesteuert. In seiner Fantasie ist der Mann, der sich auch früher mit Fotografie und Videotechnik beschäftigt hat, schon dorthin gereist. Was er am Malzirkel schätzt, ist die Möglichkeit, „einen Ausgleich zu finden und abzuschalten“ .

Italienische Landschaft
Zwei Bilder hat Ralph Kretschmann zur Ausstellung beigesteuert. Eine italienische Landschaft mit See und traumhaftem Himmel sowie eine Frauengruppe in roten Gewändern. Auch wenn er nichts mehr herbeisehnt als den Tag seiner Haftentlassung, nimmt Kretschmann doch etwas sehr Positives mit nach draußen. „Das Malen wird mich ein Leben lang als Hobby begleiten“ , sagt der junge Mann. „Mit dem Malen habe ich eine Möglichkeit gefunden, mich auszudrücken.“
Gudrun Hibsch, Vorsitzende des Vereins Bücherei Sandow, arbeitet bereits seit Jahren mit dem Mal- und Zeichenzirkel der JVA zusammen. Malen sei für die Strafgefangenen „ein Stück zurückeroberte Freiheit“ , ist sie sich sicher.
Über die Ergebnisse sei der eine oder andere schon mal selbst erstaunt. Das Wichtigste sei der soziale Aspekt. Denn im Zirkel „gelten nur die Bilder und nicht die Frage, ob Jung oder Alt, Ausländer oder Deutscher oder welche Unterschiede es sonst noch geben mag. Auf mitunter berührende Weise drücken die entstandenen Werke die Sehnsucht nach einer anderen, scheinbar heileren Welt aus, die dem einen oder anderen wohl für immer verschlossen bleiben wird.“

Service Ausstellung in der Bibliothek Sandow
  Die Ausstellung „Raue Jungs und zarte Bilder“ in der Bibliothek Sandow läuft bis Ende Oktober. Sie ist zu den Öffnungszeiten der Bibliothek montags und freitags von 13 bis 17 Uhr und mittwochs von 9 bis 13 Uhr zu sehen.