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| 18:53 Uhr

Theaterkrach in Cottbus
Neue Ängste grassieren am Cottbuser Staatstheater

 Das Staatstheater gerät einmal mehr in unruhiges Fahrwasser. Schon vor der Ankunft des neuen Intendanten sorgt eine Personalentscheidung für Besorgnis.
Das Staatstheater gerät einmal mehr in unruhiges Fahrwasser. Schon vor der Ankunft des neuen Intendanten sorgt eine Personalentscheidung für Besorgnis. FOTO: ZB / Patrick Pleul
Cottbus. Die Entscheidung des künftigen Intendanten, den Vertrag von Schauspieldirektor Jo Fabian nicht zu verlängern, schlägt hohe Wellen. In der Belegschaft rumort es offenbar. Eine Nachfolgerin für Fabian ist auch schon gefunden. Von Andrea Hilscher

Die Cottbuser Kammerbühne hat im September und Oktober eine „angstfreie Zone“ ausgerufen, um sich ohne Scheuklappen und Ressentiments mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Ein ambitioniertes Projekt – gerade in Zeiten, in denen die Angst offenbar wieder zu einem massiven Problem im Staatstheater wird.

Die Mitteilung, dass der Vertrag von Schauspieldirektor Jo Fabian durch den designierten Intendanten Stephan Märki nicht verlängert wird, hat hohe Wellen geschlagen.

Öffentliche Kritik am neuen Intendanten

Der international bekannte, streitbare Bassbariton Christian Sist schreibt zu der Causa Fabian auf Facebook: „Wann (mit etwa 1 Billion Ausrufe- und Fragezeichen) werden die werten Kollegen Sänger/Schauspieler/Tänzer/Kapellmeister (...) diesem elenden, widerwärtigen Trauerspiel ein Ende setzen und sich kollektiv weigern mit Narzissten, Egomanen und Psychopathen zu arbeiten?“ Er nennt das Vorgehen von Märki einen Skandal, fordert gründliche und transparente Auswahlverfahren für Leitungsposten in der Theaterwelt.

Märki hat einen gewissen Ruf

Stephan Märki, der ab der Spielzeit 2020/21 in Personalunion Intendant und Operndirektor ist, geht der Ruf voraus, neben glänzenden Inszenierungen immer wieder auch mit einer unglücklichen Vermengung von privaten und geschäftlichen Beziehungen ins Gerede zu kommen.

Auf RUNDSCHAU-Nachfrage hält er sich zu den Gründen, Fabians Vertrag nicht zu verlängern, bedeckt. Er schreibt: „Ich verstehe sehr gut, dass diese Fragen entstehen und dass sie beantwortet werden müssen. Meine in diesem Sommer nach intensiven Gesprächen getroffene Entscheidung, die Schauspieldirektion umzubesetzen, ist wohlüberlegt und nicht gegen Jo Fabian und die Arbeit, die er am Staatstheater Cottbus geleistet hat, sondern auf einen Neuanfang gerichtet.“ Für diesen Neuanfang setzt er auf die Dramaturgin Dr. Ruth Heynen, die ab der Spielzeit 2020/21 neue Schauspieldirektorin des Staatstheaters Cottbus werden soll.

Die 1963 geborene Ruth Heynen studierte nach dem Besuch der Schauspielschule in Mailand Deutsche Literatur- und Sprachwissenschaft sowie Romanistik in Düsseldorf. Nach ihrer Promotion arbeitete sie unter anderem als Theaterkritikerin, Universitätsdozentin, Dramaturgin und Chefdramaturgin.

Nach Mitteilung des Theaters hat Stephan Märki den Stiftungsrat der Brandenburgischen Kulturstiftung Ende August über seine Personalpläne informiert. Die abschließende Entscheidung zur neuen Schauspieldirektorin trifft der Stiftungsrat Ende des Jahres.

Fruchtbare Jahre in Cottbus

Jo Fabian selbst bedauert, es, seine Arbeit mit dem Ensemble abbrechen zu müssen. „Es waren trotz der Umstände, sehr ereignisreiche und fruchtbare zwei Jahre hier in Cottbus und ich hatte den Eindruck, es lohne sich der Einsatz für die Stadt, das Ensemble und mich.“

Der Schauspieldirektor sieht Märkis Vorgehen allerdings als Symptom für einen „noch immer feudalen Machtapparat“, der keine Mitbestimmung der Belegschaft vorsieht, die der macht von Intendanten ausgeliefert ist. Damit verbunden seien Existenzangst und Abhängigkeit der Künstler. Sein Vorschlag: Verträge müssten in einer näheren Zukunft so gestaltet werden, dass es eine zyklische Bestätigung des Intendanten durch die Belegschaft geben sollte, um aus einem einseitigen Abhängigkeitsverhältnis zu entkommen.

„Solange das nicht der Fall ist, tut es mir auch nicht sonderlich leid, gehen zu müssen, da ich unter solchen Bedingungen kaum eine visionsgetragene Zusammenarbeit für möglich halte.“

Die Zeit läuft rückwärts

Fabian gibt zu bedenken, dass die Mitarbeiter des Hauses derzeit das Gefühl haben müssen, für sie laufe die Zeit rückwärts: Nachdem die Belegschaft des Hauses sich in einem mühsamen Prozess gegen die fehlende Führungskompetenz ihrer Vorgesetzten gewehrt hatte, wurden Generalmusikdirektor Evan Christ, Intendant Martin Schüler und der Vorstandsvorsitzende der Brandenburgischen Kulturstiftung Martin Roeder von ihren Posten gefegt.

Die Künstler und Mitarbeiter des Staatstheaters haben die Zeit des entstandenen Machtvakuums genutzt, um sich und ihre Arbeit neu zu definieren. Diese gewonnen Freiheiten, so fürchten zahlreiche Musiker und Schauspieler, sind nun in Gefahr.

 Das Staatstheater gerät einmal mehr in unruhiges Fahrwasser. Schon vor der Ankunft des neuen Intendanten sorgt eine Personalentscheidung für Besorgnis.
Das Staatstheater gerät einmal mehr in unruhiges Fahrwasser. Schon vor der Ankunft des neuen Intendanten sorgt eine Personalentscheidung für Besorgnis. FOTO: ZB / Patrick Pleul