Die Cottbuser Stadtverordneten müssen in der kommenden Woche über einen Nachschlag in Höhe von rund 1,7 Millionen Euro befinden – und haben eigentlich keine Wahl.

Im Plan für das Jahr 2009 hatte die Cottbuser Stadtverwaltung noch damit gerechnet, maximal 192 Kinder im Heim zu betreuen. Außerdem sollten verstärkt Pflegeeltern gewonnen werden. Doch die Realität ließ die Pläne schnell Makulatur werden. Bereits im Januar waren laut Stadtverwaltung 211 Kinder und Jugendliche im Heim untergebracht. Im August sei die Zahl auf 224 gestiegen.

Der Cottbuser Sozialdezernent Berndt Weiße (parteilos) kann dieser Entwicklung trotz der damit verbundenen höheren finanziellen Belastungen etwas Positives abgewinnen. „Wir haben einen klaren Kinderschutzauftrag bekommen – und der wirkt.“ Das bestätigt auch Monika Hansch, Fachbereichsleiterin Jugend, Schule und Sport in der Cottbuser Stadtverwaltung. Die Menschen seien noch stärker sensibilisiert, wenn es darum gehe, Missstände aufzudecken. „Uns werden immer mehr Fälle gemeldet, bei denen der Verdacht besteht, dass das Wohl von Kindern gefährdet ist“, sagt Monika Hansch. Der überwiegende Teil der Vermutungen bestätige sich bei Kontrollen und führe dazu, dass entweder den Kindern oder auch den Familien geholfen werden muss. So berichtet Monika Hansch von einer Familie mit sechs Kindern, die sich in Cottbus angemeldet hat. Die Kinder werden inzwischen alle im Heim versorgt. Ein Heimplatz koste im Durchschnitt etwa 3000 Euro im Monat. „Noch immer nutzen viele die Anonymität einer Großstadt, um dort unterzutauchen“, sagt Berndt Weiße. In solchen Fällen sei die Behörde auf Hinweise aus der Nachbarschaft angewiesen, um ihrem Schutzauftrag gerecht werden zu können.

Arbeitslosigkeit, Desinteresse und Überforderung der Eltern seien die Hauptgründe dafür, dass immer mehr Kinder im Heim oder in Tagesgruppen betreut werden müssen. Laut Stadtverwaltung gibt es aber auch zunehmend Fälle, in denen die gesamte Familie sozialpädagogische Hilfe benötigt. So wie die junge Mutter, deren Eltern einst selbst früh gestorben seien und die deshalb einen großen Teil ihrer Kindheit im Heim und Jugendwerkhof verbracht habe. „Sie hat drei Kinder, das älteste ist ein Schulverweigerer, das jüngste in allen Beziehungen entwicklungsgestört.“ Das Jugendamt versuche, mit sozialpädagogischer Arbeit zu helfen. „Dazu haben wir eine gesellschaftliche Verpflichtung“, sagt Monika Hansch. Sven Hering