Was für eine verrückte Karriere: Bis 2009 war Peer Steinbrück Finanzminister und musste das Land durch die Bankenkrise lavieren. 2013 ging er für die SPD als Kanzlerkandidat ins Rennen, heute tritt der 72-Jährige als Sidekick in einer Bühnenshow des Kabarettisten Florian Schroeder auf.

Die Mischung aus Komik und Politik kommt offenbar an: Beim Besuch von Steinbrück im früheren Stadt Cottbus werden die Stühle knapp, über hundert Besucher wollen wissen, was der SPD-Mann über Europa, über Russland und über die Welt im Allgemeinen zu sagen hat.

Die Landtagsabgeordnete Kerstin Kircheis (SPD) hatte ihren Parteifreund schon vor zwei Jahren eingeladen. „Er kann so überzeugend zu Europa sprechen“, sagt sie. Der volle Terminkalender des Polit-Rentners hatte allerdings dazu geführt, dass der Besuch erst nach der Europawahl stattfinden konnte, immerhin noch früh genug, um den Landtagswahlkampf zu befeuern.

Peer Steinbrück plaudert sich in Cottbus warm

Bevor es dazu kommt, gibt Moderator Denis Kettlitz ihm Gelegenheit, sich warm zu plaudern.

Stichwort Fußball: „Borussia Dortmund leistet demnächst Entwicklungshilfe in Cottbus.“

Stichwort Jugend: „Ich war mal vier Monate arbeitslos, weil ich in einer WG mit einer Frau gewohnt habe, die einer RAF-Terroristin ähnlich sah. Der Radikalenerlass war eine Fehlentscheidung, die viele Menschen aus der Gesellschaft herausgedrückt hat.“

Stichwort Helmut Schmidt: „Er war in vielen Dingen seiner Zeit voraus. Aber die Frauenbewegung, die Antiatomkraft- und die Umweltbewegung hatte er nicht auf dem Schirm, da hinkte er hinterher.“

Stichwort politische Kultur: „Vor 20 oder 30 Jahren wurde Politik anders gemacht und anders kommuniziert als heute. Die Entgleisungen, Verrohungen und das Skandalisieren in den Sozialen Medien haben viel verändert.“

Peer Steinbrück soll in Cottbus das SPD-Umfragetief erklären

Nach bissigen Spitzen, kleinen Anekdoten und viel Selbstironie ging es dann ans Eingemachte: Steinbrück sollte erklären, wie es zum derzeitigen Umfragetief der SPD kommen konnte – und wie die SPD aus dem Tal herausfinden kann.

Mit einer überraschenden These brachte Peer Steinbrück seine Zuhörer zum Nachdenken. Er erinnerte an den Soziologen Ralf Darendorf, der schon vor mehr als 30 Jahren gesagt hat, die SPD würde ihre politische Mission verlieren, weil sie zu erfolgreich sei. „Stimmt“, sagt Steinbrück.

In den 1980er-Jahren war der Kapitalismus weitgehend gezähmt, den Kapitalismus zu zähmen, ein Wohlfahrtsstaat errichtet. Die Partei habe es Jahrzehnten versäumt, neue Ziele zu definieren. „Und seit 2009 reden wir von Erneuerung“, wettert Steinbrück. Passiert sei nichts.

Peer Steinbrücks große Themen der Zeit

Denis Kettlitz hakt nach, schließlich habe Steinbrück als Ministerpräsident, Finanzminister und Kanzlerkandidat an den Schaltstellen der Macht gesessen. Steinbrück antwortet knapp. „Als Kanzlerkandidat habe ich eine Vermögenssteuer gefordert. Was habe ich erreicht? 25 Prozent der Stimmen.“

Jetzt sei es wichtig, sich den großen Themen der Zeit zu stellen: Der Einheit Europas, bessere Bildungschancen, gleichem Lohn für gleiche Arbeit.

Während er für den Posten des europäischen Kommissionspräsidenten sofort einen Namen aus dem Hut zaubert (den des Niederländers Frans Timmermans), hält er sich in Bezug auf den nächsten Parteivorsitzenden zurück. Kevin Kühnert allerdings wäre „dummes Zeug“. Mehr sagt er nicht.