ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:30 Uhr

Folgen der Armut
Tafeln – Reparaturbetrieb der Nation

Die Helfer der Cottbuser Tafel arbeiten zum großen Teil ehrenamtlich. Einige werden zur Unterstützung vom Jobcenter geschickt.
Die Helfer der Cottbuser Tafel arbeiten zum großen Teil ehrenamtlich. Einige werden zur Unterstützung vom Jobcenter geschickt. FOTO: Hilscher Andrea / LR
Cottbus. Immer mehr Menschen in der Region sind auf Lebensmittelspenden angewiesen. Aber Tafeln bieten mehr als nur satt zu essen.

Ein ganz normaler Vormittag in der Cottbuser Dostojewskistraße. Vor dem Gebäude der hiesigen Tafel stehen Menschen in kleinen Gruppen zusammen, plaudern, warten. Manche von ihnen sind schon um kurz nach 5 Uhr gekommen, der Tafelbesuch wird sie fast den ganzen Tag beschäftigen. Ab 9 Uhr können die Tafelkunden ihre Ausweise abholen oder aktualisieren, ab 11 Uhr wird das Essen ausgegeben.

Während vorne noch gewartet wird, läuft am Hintereingang der ehemaligen Gaststätte das Geschäft schon auf Hochtouren. Eine Großbäckerei bringt gerade eine Lkw-Ladung ofenfrischer Brötchen und Kuchen. „Die haben nie eine Ladentheke gesehen“, sagt Tafelchef Kai Noack. Die Backwaren haben kleine optische Mängel, für den Verkauf taugen sie nicht. „Wir haben jahrelang mit dem Bäcker verhandelt, dann endlich hat er sich bereiterklärt, uns zu unterstützen. Wir sind ihm sehr dankbar.“

Kai Noack, von Hause aus Sozialpädagoge, ist zuständig für die Tafeln in Cottbus, Lübben, Luckau, Spremberg und Drebkau in Trägerschaft des Albert-Schweitzer-Familienwerks. Gleichzeitig ist Noack stellvertretender Chef von Tafel Deutschland, er kennt sich aus in dem Metier. Als die Debatte um die Essener Tafel tobte, bemühte er sich um Konfliktbegrenzung. Nicht, dass er die Entscheidung der Essener Kollegen für richtig gehalten hat – „einfach keine Flüchtlinge mehr aufzunehmen, war nicht der richtige Weg.“

Aber die Tafeln zu kritisieren, weil die die Folgen einer aus seiner Sicht verfehlten Sozialpolitik des Staates nicht mehr auffangen können, das ginge gar nicht. Mit den Tafeln wird Politik gemacht, in welche Richtung auch immer. „Den Abgeordneten und der Kanzlerin müssen wir klarmachen, dass wir nicht zuständig für die wachsende Armutsproblematik sind. Den Kunden müssen wir beibringen, dass wir nur das verteilen können, was da ist – und dass jeder Mensch mit geringen Einkommen bei uns willkommen ist, egal wo er herkommt.“

Die Cottbuser Tafel legt strenge Maßstäbe an ihre Kunden an. Nur wer nachweisen kann, dass er im Monat nicht mehr als 850 Euro netto im Portemonnaie hat, darf sich hier mit Lebensmitteln eindecken, maximal zweimal die Woche. Seit einigen Monaten gibt es gesonderte Öffnungszeiten. Mal kommen nur Rentner, mal Aufstocker, dann wieder dürfen sich alle mit einem Tafelausweis anstellen. Kai Noack: „Unsere Rentner waren eingeschüchtert, als sich plötzlich so viele Flüchtlinge mit ihnen im Wartebereich aufhielten. Jetzt sind alle zufrieden.“

Die Flüchtlingen haben gelernt, dass sie nicht mit der Großfamilie anrücken müssen, um ausreichend versorgt zu werden. „Wir mussten sie auch aufklären, dass sie nicht gezwungen sind, alle Lebensmittel aus den bereitgestellten Körben mitzunehmen“, erzählt Karina Bauer. Sie koordiniert die Einsätze der rund 60 Ehrenamtlichen in Cottbus, sorgt für die reibungslose Verteilung von rund 20 Tonnen Lebensmitteln monatlich.

Sie selbst ist vor vier Jahren über eine Maßnahme des Jobcenters zur Tafel gekommen, die Arbeit hat ihr gefallen. Heute ist sie eine der wenigen Angestellten hier. Viele der Helfer sind selbst Tafel-Kunden. Menschen mit psychischen Einschränkungen. Suchtkranke, die nach einer Reha wieder geregelte Abläufe brauchen. Flüchtlinge, denen Zuhause die Decke auf den Kopf fällt. Aber auch Menschen wie Günther Nawroth (78) stehen in der Tafel hinter dem Tresen. Nawroth war bis zu seiner Pensionierung Banker, irgendwo im Westen. „Damals hätte ich mir niemals vorstellen können, dass es tatsächlich arme Menschen gibt.“

Seit fünf Jahren kommt er als Helfer zur Tafel. Gern würde er sich mit seinen Kunden unterhalten. „Ich weiß zwar, welche Mutter gerne Kuchen mitnimmt oder wer bestimmte Brötchen mag. Aber seine Geschichte erzählt hier niemand gern.“

Die Tafeln, so sagt Kai Noack, sind zwar ein Ort der Begegnung. „Hier treffen Junge auf Alte, Deutsche auf Flüchtlinge, Helfer auf Bedürftige.“ Aber so schön, dass jemand freiwillig kommt, ist es wohl nicht. Cottbus hat 5000 registrierte Tafelkunden, rund 600 davon sind Rentner, Tendenz steigend.

Viele von ihnen kommen nur am Ende des Monats, wenn das Geld nicht mehr für Einkäufe reicht. „Missbrauch gibt es selten“, schätzt Kai Noack. Wobei das mit dem Missbrauch ohnehin so eine Sache sei. „Wir sind ja in erster Linie angetreten, um die Vernichtung von Lebensmitteln einzudämmen.“ In den Supermärkten wird abgeholt, was kurz vor dem Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums nicht mehr verkauft wird. Jogurt und Pizza, Wurst und Käse. Ist im Orangennetz eine Frucht eingedrückt, geht der ganze Beutel an die Tafel.

In Finsterwalde verfügen die Tafeln Südbrandenburgs inzwischen über ein eigenes Logistikzentrum mit Lagerkapazitäten für Trockenware, Tiefkühlkost und Kühlware. Kai Noack ist bundesweit bei Herstellern unterwegs, um die Lager zu füllen. „Wir bekommen palettenweise falsch etikettierte Lebensmittel, Überproduktionen.“ Die einzelnen Tafeln können sich in Finsterwalde abholen, was sie brauchen. Verteilt wird, was die Vorräte hergeben. Das sei für die Kunden nicht immer leicht zu verstehen, sagt Noack. Mal sind es zwei Beutel voller Essen, an anderen Tagen gibt es das Doppelte. „Aber eigentlich ist es immer mehr, als man wirklich aufessen kann.“

Heute liegen in den vorbereiteten Körben Äpfel, Bananen, Erdbeeren und Süßkartoffeln. Wurst und Käse, Nudeln. Dazu frische Kräuter, Milch, sogar Tulpensträuße können die Kunden mitnehmen. Die Helfer sorgen dafür, dass jeder bekommt, was er braucht. Die schüchterne Rentnerin, die heute zum ersten Mal hier ist ebenso wie der Syrer, der für seine Familie Obst und Gemüse holt.

„Was wir anbieten, ist mehr als nur Essen“, sagt der Tafelchef. „Was die Menschen bei uns einsparen, können sie für andere Dinge ausgeben. Einen Nachmittag im Café oder einen Kinobesuch mit den Kindern.“ Um soziale Teilhabe gehe es. „Das ist viel mehr als nur satt zu werden.“