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Stützkorsett bleibt

Die mehr als 600 Jahre alte Stadtmauer hat einen Bauch bekommen und droht einzustürzen. Auf die Reparatur wartet das Denkmal inzwischen seit fast einem Jahr.
Die mehr als 600 Jahre alte Stadtmauer hat einen Bauch bekommen und droht einzustürzen. Auf die Reparatur wartet das Denkmal inzwischen seit fast einem Jahr. FOTO: Kompalla
Cottbus. Die mächtige Stadtmauer schützte die Cottbuser einst über Jahrhunderte. Nun bröckelt sie so sehr, dass sie am Stadttor einzustürzen droht. Peggy Kompalla

Das verhindert derzeit nur ein Stützgerüst, das im April 2016 aus Sicherheitsgründen aufgestellt worden ist. Seither wartet das historische Gemäuer auf eine Reparatur. Der Grund: Die Stadt und der private Eigentümer der angrenzenden Immobilie streiten sich. Zumindest in einer Sache konnten sich beide Parteien nun einigen - auf einen Gutachter. Dabei liegt bereits das Ergebnis einer Untersuchung des Bauwerks vor.

Was bei alten Herren gemeinhin akzeptabel ist, wird bei der Stadtmauer zum Problem. Sie hat einen Bauch entwickelt. Dahinter ist das Bauwerk ausgehöhlt. Selbst für das Laien-Auge ist das von außen gut sichtbar. Um die Ursache zu finden, beauftragte die Stadt im vergangenen Jahr einen Gutachter, wie Immobilienchefin Anja Zimmermann erklärt.

Der Baufachmann kam zu dem Schluss, dass eindringende Feuchtigkeit das Denkmal aus dem Leim gehen lässt. Das Wasser, so die Vermutung des Gutachters, gelangt durch eine schadhafte Dachabdichtung des Nachbargrundstücks in die Mauer. Genau da liegt der Haken. Es handelt sich bislang nur um eine Schlussfolgerung, erklärt die Immobilienchefin. Denn das direkt angrenzende Privatgrundstück hat der Gutachter nicht betreten und konnte somit nicht überprüfen, wie der Weg des Wassers ins Mauerwerk tatsächlich ist.

"Wir haben uns mit dem Privateigentümer jetzt darauf geeinigt, ein Beweissicherungsgutachten zu beauftragen", sagt Anja Zimmermann. Im Klartext heißt das: Der Baufachmann, der das erste Gutachten für die Stadt erstellt hat, weitet seine Untersuchung auf die Nachbarimmobilie aus.

Das sei allerdings erst jetzt möglich, so die Immobilienchefin. Denn die Dachterrasse wurde bis Jahresende als "Almhütte" genutzt. Nun seien die Aufbauten inklusive des Bodenbelages abmontiert worden. "Jetzt kann der Gutachter arbeiten", so Anja Zimmermann.

Dieser Aufwand sei wichtig, betont die Immobilien-Expertin. "Denn bei der Reparatur muss auch die Ursache für den Schaden beseitigt werden." Daran hängt natürlich auch die Beteiligung an den Kosten der Reparatur. Wie hoch die ausfallen werden, ist bislang unklar. Ziel sei es, so Anja Zimmermann, das historische Gemäuer im Frühjahr wieder standsicher zu machen.

Dann kommt hoffentlich auch der alte Stadttor-Schriftzug wieder an die Fassade. Denn wie Stadtsprecher Jan Gloßmann auf RUNDSCHAU-Nachfrage bestätigt, gehört er zum Denkmal-Ensemble. "Die Schrift wurde im Zuge von Malerarbeiten an der Fassade entfernt. Bei der Gelegenheit sollte der Schriftzug gleich gereinigt werden. Er ist ja auch schon in die Jahre gekommen und hat Patina angesetzt."

Die Cottbuser Stadtmauer wurde im 14. Jahrhundert angelegt und ist zwischen fünf und sechs Meter hoch. Zuvor schützten nur Holzpalisaden die Siedlung. Münzturm und Spremberger Turm begrenzen noch heute den 1200 Meter langen Teil der alten Wehranlage. Noch im 18. Jahrhundert war Cottbus komplett von der Mauer umgeben. Das belegt ein Stadtplan aus dem Jahr 1720. Der Wall war gleichzeitig Zollgrenze.

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