ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 17:42 Uhr

Studentin starb nach Kollision mit Auto
Cottbuser Prozess um tote Ägypterin wird länger dauern

 An der Berliner Straße in Cottbus ereignete sich der Unfall, in dessen Folge die ägyptische Studentin starb.
An der Berliner Straße in Cottbus ereignete sich der Unfall, in dessen Folge die ägyptische Studentin starb. FOTO: Sven Bock
Cottbus. Der Gerichtsprozess um den Unfalltod einer ägyptischen Studentin in Cottbus wird länger dauern als zunächst angenommen. Die Anklage wirft einem 22-jährigen Cottbuser vor, im April 2017 in der Berliner Straße mit überhöhtem Tempo einen Autounfall verursacht zu haben, in dessen Folge die junge Frau starb. Von Rene Wappler

Der Gerichtsprozess um den Tod einer ägyptischen Studentin in Cottbus hat am Donnerstag begonnen. Die Anklage wirft dem 22-jährigen Kilian S. vor, in der Nacht zum 15. April 2017 in der Berliner Straße mit überhöhtem Tempo einen Autounfall verursacht zu haben, in dessen Folge die junge Frau starb.

Donnerstag, 10 Uhr. Den Saal des Cottbuser Amtsgerichts betreten als Zuschauer neben Familienangehörigen der toten Studentin auch Mitarbeiter der ägyptischen Botschaft. Sie verfolgen den Prozess, da er in ihrem Heimatland auf starkes Interesse trifft: Elf ägyptische Studenten der German University in Cairo hatten auf Wunsch ihrer Heimatuniversität nach dem Tod der jungen Frau ihren Wohnort von Cottbus nach Berlin verlegt.

Auf der Anklagebank sitzt der 22-jährige Kilian S. aus Cottbus. Sein Rechtsanwalt verliest in seinem Namen eine kurze Erklärung. Demnach hat Kilian S. keine genaue Erinnerung an die Geschwindigkeit, mit der er seinen Honda vom Altmarkt durch die Berliner Straße in Richtung der Stadthalle lenkte. Er sagt nur, es seien keine 50 km/h gewesen. Erlaubt sind in diesem Bereich 30 km/h.

Fotograf erinnert sich an Nacht des Unfalls

Ein 24-jähriger Zeuge, der in Ägypten als Fotograf arbeitet, war in jener Nacht gemeinsam mit der Studentin in Cottbus unterwegs. „Wir wollten nur spazieren gehen, weil wir zum ersten Mal in der Stadt waren“, sagt er. „Als wir an der Haltestelle vor der Stadthalle ankamen, hörten wir ein lautes Motorengeräusch.“ Seine Begleiterin wollte nach seinen Worten noch schnell die Straße überqueren, weil sie befürchtete, dass das Fahrzeug auf sie zu rast. Er habe gehört, wie das Auto beschleunigte, einen Stoß vernommen und gesehen, wie sie in die Luft geschleudert wurde. Passanten hätten versucht zu helfen, bis der Krankenwagen eintraf. Im Klinikum sei sie jedoch ihren Verletzungen erlegen. „Das Auto fuhr auf jeden Fall schneller als 50 km/h“, erklärt der Zeuge, der damals seit anderthalb Wochen als Austauschstudent in Cottbus lebte.

Ein 24-jähriger Architekt aus Kairo zählte ebenfalls zu den Begleitern der Studentin. „Wir waren neu in der Stadt“, berichtet er. Auch er erinnert sich an ein Auto, das zu stark beschleunigte, und an den Versuch der jungen Frau, die Straße zu überqueren. „Noch nie im Leben hatte ich so viel Angst wie in diesem Moment“, sagt er.

 Zum Prozessbeginn schließt Peter Merz, Richter und Pressesprecher am Amtsgericht, die Tür zum Verhandlungssaal.
Zum Prozessbeginn schließt Peter Merz, Richter und Pressesprecher am Amtsgericht, die Tür zum Verhandlungssaal. FOTO: dpa / Patrick Pleul

Ein 20-jähriger Gerüstbauer, der den Unfall beobachtete, sagt, die Studentin sei „zwei Meter hoch in die Luft geschleudert worden“. Das Auto habe erst 100 Meter entfernt vom Unfallort gehalten. „Normalerweise hätte sich der Fahrer darum kümmern müssen, was da passiert ist“, sagt er. „Aber das hat eine Weile gedauert.“

Beifahrer sagt als Zeuge aus

Auf dem Beifahrersitz des Autos saß ein junger Mann aus Cottbus, der heute 21 Jahre alt ist. Er erinnert sich daran, dass er gemeinsam mit dem Angeklagten eine Freundin aus dem Stadtwächter abholte, dass sie dann mit dem Auto zu einem Schnellimbiss fahren wollten, „ohne Zeitdruck, wie an einem ganz normalen Abend“. Der Beifahrer sagt, er habe an der Haltestelle auf der Mittelinsel der Berliner Straße „eine Gruppe Menschen“ wahrgenommen. „Wir sind ganz normal dort lang gefahren, und dann hat es geknallt“, sagt er. Kilian S. habe danach definitiv gebremst. „Er stand meiner Meinung nach ziemlich unter Schock“, erklärt der Beifahrer. „Wir sind noch ein Stück gerollt und bei der nächsten Einbuchtung ausgestiegen.“ Am Unfallort habe er eine Gruppe von Leuten gesehen, die versuchten, der schwer verletzten Studentin zu helfen.

Nebenklägervertreter Wolfgang Schönekerl hakt bei dieser Schilderung ein: Er will dem Vorwurf nachgehen, Mitfahrer des Angeklagten hätten die Studentin verhöhnt, als sie auf der Straße lag. Die Vorsitzende Richterin Dr. Marion Rauch sagt: „Hier steht im Raum, es seien strafrechtlich relevante Äußerungen getätigt worden.“

Der Rechtsanwalt des Angeklagten, Andreas Suska, erwidert: „Wir verhandeln den Vorwurf der fahrlässigen Tötung.“ Da sei das Ansinnen des Nebenklägervertreters „nicht zielführend“.

Wolfgang Schönekerl sieht es anders: „Das ist sehr wohl auch meine Aufgabe.“

Doch der Beifahrer beruft sich im Zeugenstand auf das Argument des Rechtsanwalts: „Ich sehe das genau so“, sagt er. „Das ist unrelevant.“

Der Gerichtsprozess wird in den nächsten Monaten fortgesetzt. Ein Urteil ist voraussichtlich für November zu erwarten.