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| 07:53 Uhr

Streit um Vergütung
Strittige Satzung bei Kinderpflege

 Tagespapa Thomas Mellack hilft den Kleinkindern auch beim Essen. Vor 13 Jahren hat er seinen Job als Installationsmeister an den Nagel gehängt, eine Entscheidung, die er nicht bereut.
Tagespapa Thomas Mellack hilft den Kleinkindern auch beim Essen. Vor 13 Jahren hat er seinen Job als Installationsmeister an den Nagel gehängt, eine Entscheidung, die er nicht bereut. FOTO: LR / Silke Halpick
Cottbus. Tagesmütter und -väter fordern bei Bezahlung Gleichstellung mit fest angestellten Erziehern. Von Silke Halpick

Mittagszeit: Thomas Mellack hat gekocht. Reis mit Wurst und Möhren stehen auf dem Tisch. „Schmeckt’s?“ fragt er in die Runde. Vier Kinder nicken und mampfen mit Appetit weiter, ein fünftes hält bereits seinen Mittagsschlaf. Thomas Mellack ist Tagespapa. Vor 13 Jahren hängte der fünffache Vater seinen Job als Installateurmeister an den Nagel und wagte den beruflichen Neuanfang. Ein Schritt, den er bis heute nicht bereut. „Reich wird man dabei nicht, doch es macht Spaß“, sagt er.

Mehr als 50 selbständige Tagesmütter und -väter arbeiten in Cottbus. Sie betreuen Kinder bis zu einem Alter von drei Jahren. Der große Vorteil sind Individualität und Flexibilität.  Nicht selten sitzt bei Thomas Mellack ein Kind schon am heimischen Frühstückstisch, weil die Eltern arbeiten müssen, bevor die Einrichtung öffnet. Der Tagespapa geht bei Bedarf auch mit zum Kinderarzt, um Familien mit Migrationshintergrund zu helfen.

Neue Richtlinie liegt vor

Ihr Geld bekommen die Tagesmütter und -väter von der Stadt Cottbus, die den Eltern Beitragsbescheide laut Satzungstabelle zustellt. Nun liegt eine neue Richtlinie zur Förderung der Kindertagespflege in der Stadt Cottbus auf dem Tisch, die bei rund der Hälfte der Freiberufler für Bauchschmerzen sorgt.

Die Änderungen, die im Rahmen der Sitzung des Jugendhilfeausschusses präsentiert werden, hören sich gut an: Die Entschädigung für den Erziehungsaufwand steigt. Tagesmütter mit pädagogischem Abschluss bekommen künftig mehr Geld als Quereinsteiger. 22 Tage Urlaub, 13 Tage Krankheit und vier Tage Weiterbildung jährlich werden bezahlt.

„Damit braucht sich Cottbus nicht verstecken“, sagt Jugendamtschef André Schneider. Im benachbarten Landkreis Spree-Neiße werden insgesamt nur 26 Tage gewährt. Die neue Richtlinie wird im August 2019 in Kraft treten. Mit 140 000 Euro an Mehrausgaben pro Jahr kalkuliert die Stadt.

Gerechte Entlohnung gewünscht

Nachgerechnet hat auch Thomas Mellack: Für ihn springen unterm Strich zehn Euro mehr pro Kind und Monat heraus. „Für die Stadt Cottbus sind wir noch immer ein Sparmodell“, sagt er. Er wünscht sich eine gerechtere Entlohnung, die sich am Gehalt für Erzieher in den Kitas der freien Träger in Cottbus orientiert.

Diese Berufsgruppe kommt auf durchschnittlich 2600 Euro pro Monat (Quelle: www.gehaltsvergleich.com). Eine selbständige Tagesmutter mit pädagogischem Abschluss, die fünf Kinder acht Stunden pro Tag betreut, verdient nach der neuen Entschädigungstabelle rund 2900 Euro. Mit diesem Geld müssen aber auch alle anfallenden Kosten wie Miete für die Einrichtung, Verpflegung für die Kinder sowie Gewerbesteuern bestritten werden.

Viele Tagesmütter arbeiten länger als acht Stunden, weil in der Regel immer ein Kind mit einem Betreuungsbedarf von zehn Stunden in der Gruppe ist. Wenn diese Arbeitszeit aufs Jahr hochgerechnet wird, sind die 22 Tage Urlaub bereits herausgearbeitet, wie Betroffene kritisieren.

„Für Selbständige gibt es keine Arbeitszeitregelungen“, betont Schneider. Er sieht die neue Richtlinie als deutliche Verbesserung für die Betroffenen. Dem vorausgegangen sei ein „langer Diskussionsprozess unter breiter Beteiligung“ mit zwei großen Gesprächsrunden im September 2018 und März 2019.

Altersarmut droht

Er sieht die Gruppe der Tagesmütter „gespalten“. Eine Hälfte sei seiner Einschätzung nach ganz zufrieden mit der Neuregelung. Die andere habe sich im Rahmen der Diskussionen nicht geäußert und stellt erst jetzt nachträglich Forderungen.

Auch der Linke-Stadtverordnete André Kaun betont, dass eine einjährige Arbeitsgruppenarbeit hinter allen Beteiligten liegt. Er zieht den Vergleich zu Tarifverhandlungen, bei denen auch jede Seite zunächst mit ihren Maximalforderungen ins Rennen geht und sich die Parteien letztlich auf einen Kompromiss einigen müssen. Der Antrag von Stephanie Schöne-Biesecke, die für die SPD im Jugendhilfeausschuss sitzt und die eine zweite Lesung fordert, wird mehrheitlich abgelehnt.

Das löst bei den anwesenden Betroffenen Kopfschütteln aus. „Viele von uns haben jetzt ihre Renteninformation und einen Schreck bekommen“, so Mellack. Denn bei der gegenwärtigen Entlohnung droht den Tagesmüttern die Altersarmut.